Sturm „Axel“ in SH : Von Flensburg bis Heiligenhafen: Sturmflut erreicht die Ostseeküste

Das neue Hotel 'Hafen Flensburg' schützt seinen Eingang mit Sandsäcken der Feuerwehr.
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Das neue Hotel "Hafen Flensburg" schützt seinen Eingang mit Sandsäcken der Feuerwehr.

Teilweise wurden Wasserstände von mehr als 1,50 Meter über Normal gemessen. Das entspricht einer schweren Sturmflut.

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04. Januar 2017, 20:30 Uhr

Kiel/Flensburg/Lübeck | Eine Sturmflut hat am Mittwoch die deutsche Ostseeküste erreicht. Wo es Überschwemmungen gab, lesen Sie hier.

Auf den Inseln Rügen und Usedom überspülten die Wellen die Strände bis zu den Dünen. Seebrücken wurden vorsorglich gesperrt. In Stralsund, Wismar, Lübeck und Rostock drückte sich in Hafennähe das Ostseewasser durch Kanalisation und Gullys. Anwohner sicherten in den Ostseestädten Häuser und Gaststätten mit Spundwänden und Sandsäcken. Größere Schäden waren nach Angaben der Behörden bis 20 Uhr nicht bekannt. An den Küsten Mecklenburg-Vorpommerns und Schleswig-Holsteins wurden am Abend bereits Wasserstände von mehr als 1,40 Meter über Normal, in Wismar und Lübeck von mehr als 1,50 Meter über Normal gemessen. Dies entspricht einer schweren Sturmflut.

Die womöglich schwerste Sturmflut seit mehr als zehn Jahren könnte Strände überspülen und hafennahe Bereiche in  Ostseestädten unter Wasser setzen. Zuletzt wurden solche Pegelstände bei einer Ostsee-Sturmflut im November 2006 gemessen. An der Nordseeküste wurde die Sturmflutwarnung am Mittwoch aufgehoben.

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) erwartete bis in die Nacht zu Donnerstag Höchststände von bis zu 1,50 Meter über Normal an der gesamten Küste.

Wie ist die Lage aktuell?

Aktuelle Pegelstände werden hier dokumentiert.

Schleswig-Holstein

In Flensburg wurden am Mittwochabend erste Parkplätze in Wassernähe überspült. Gegen 21:30 Uhr erreichte das Wasser dann auch die Straße Schiffbrücke am nördlichen Ufer, woraufhin diese für den Verkehr gesperrt wurde. Erste Keller liefen voll.

 

Richtig problematisch auch für die Innenstadt würde es erst ab zwei Metern, sagt Stadtsprecher Clemens Teschendorf. „Die Anwohner wissen, wie sie zu handeln haben.“ Auch die Behörden und Helfer seien für den Fall der Fälle gewappnet. Die Pegelstandsvorhersage des BSH rechnet für die Förde mit einem maximalen Wasserstand von rund 6,20 Meter.

In Lübeck ist die Trave am Nachmittag bereits an einigen Stellen über die Ufer getreten. Anwohner befestigten Holzplatten vor den Hauseingängen. Am Abend wurden die Bewohner aufgerufen, ihre Autos von Parkplätzen in Wassernähe wegzufahren. Das Hochwasser erreichte am frühen Abend einen Stand von einem Meter über Normal. Bei deutlich über einem Meter drohten Keller vollzulaufen, hieß es. Das BSH rechnete für Lübeck bis Mitternacht mit einem Wasserstand von 1,60 Meter über Normal. „Die Menschen kennen das; alle paar Jahre schwappt Wasser in die Keller hinein“, sagte Lutz Hebel vom Leitungsdienst der Feuerwehr.

Die Trave ist in Lübeck bereits über die Ufer getreten.
Bodo Marks/dpa

Die Trave ist in Lübeck bereits über die Ufer getreten.

 
Anwohnerin Uta Hansen hat sich gegen mögliche Überschwemmungen gewappnet.
dpa

Anwohnerin Uta Hansen hat sich gegen mögliche Überschwemmungen gewappnet.

 

In Heiligenhafen sollte am Abend ein Krisenstab seine Arbeit aufnehmen. „Diese Sturmflut ist der erste Härtetest für den Hochwasserschutz, den wir in den letzten Jahren aufgebaut haben“, sagte Sprecher Heiko Müller. Zum frühen Morgen hin sollten die Pegelstände an der gesamten Ostseeküste sinken.

In Heiligenhafen schützen die Bewohner und Geschäftsleute ihre Häuser mit Sandsäcken. Das Wasser ist auch dort teilweise über die Ufer getreten.
Daniel Friederichs
In Heiligenhafen schützen die Bewohner und Geschäftsleute ihre Häuser mit Sandsäcken. Das Wasser ist auch dort teilweise über die Ufer getreten.
 

In Kappeln bleibt Gemeindewehrführer Dirk Schadewaldt am Mittwochnachmittag gelassen: „Wir haben dafür gesorgt, dass uns im Notfall Sand und Folien zur Verfügung stehen.“ Auch besteht die Möglichkeit, aus dem Florianhaus Mehlby dann eine Amtswehrführungsstelle zu machen, von wo aus bei Bedarf mehrere Wehren und Einsätze koordiniert werden können. Explizit vorgewarnt hat Schadewaldt seine Leute derweil nicht. „Wir müssen sowieso immer bereit sein“, sagte er. Ähnlich unaufgeregt betrachtete Strandbetreiber Theo Kalmar die Situation. „Ja, die Ostsee hat einen guten Wasserstand, aber noch ist es überhaupt nicht dramatisch“, sagte er. „Ich bin entspannt.“ Der stellvertretende Amtswehrführer der „Geltinger Bucht“, Hartmut Christophersen, sagte derweil genauso wie Schadewaldt: „Wir stehen Gewehr bei Fuß.“ . Die Stöpe, eine hauptsächlich aus Aluminium bestehende Verschlussklappe, von Falshöft sei zudem geschlossen worden, der Geltinger Durchlass Grahlenstein sei „dicht“. Die Wehren haben alle Bereiche, in denen das Meer aufs Land überzuschwappen drohe, fest im Auge. Und dazu gehören insbesondere die Kai-Anlagen von Gelting-Mole und in der Gemeinde Maasholm. Und Nils Kobarg, Leiter der Integrierten Station in Falshöft, sagte am Mittwoch: „Menschen und Tiere sind nicht in Gefahr.“ Selbst wenn das Hochwasser mehr als 1,50 Meter über Normal Null ansteige, sei die Geltinger Birk mit ihren Wildpferden und Galloways sicher und geschützt. Denn der Sanddeich, der die Niederungen vor Überflutungen bewahrt, ist drei Meter hoch.

Eher geringe Auswirkungen zeichneten sich für Kiel ab, wo bei 1,50 Meter die Kiellinie am Förde-Ufer Wasser abbekommen könnte.

Mecklenburg-Vorpommern

Die Landkreise Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald riefen bereits am späten Nachmittag Alarmstufe 2 aus. Damit wurden die Ordnungsämter der Küstengemeinden verpflichtet, die Deiche und Dünen regelmäßig zu kontrollieren. In Greifswald schützte ein Sperrwerk die Innenstadt vor Überschwemmungen. „Das Sperrwerk hat sich bislang bewährt. Die Deiche halten dicht“, sagte der Greifswalder Feuerwehrchef Mathias Herenz am Abend. In Binz auf Rügen erreichte das Wasser die Dünen, ebenso in Heringsdorf auf der Insel Usedom, wie die Bürgermeister berichteten. Die Seebrücke Binz wurde vorsorglich gesperrt, ebenso die Seestege in Bansin und Ahlbeck. Es werde mit kleineren Schäden an den Seebrücken gerechnet, sagte der Bürgermeister von Heringsdorf, Ahlbeck und Bansin, Lars Petersen (CDU). „Wir gehen aber nicht davon aus, dass die Wellen die Dünen überspülen werden.“ In Binz habe es Unterspülungen an den Strandaufgängen und kleinere Dünenabbrüche gegeben, sagte Bürgermeister Karsten Schneider. „Das Ausmaß der Schäden werden wir erst am Donnerstag bei Tageslicht beurteilen können.“ Nach Angaben von Heringsdorfs Bürgermeister Petersen herrschte auf Usedom ein kräftiger Wind mit Wellenhöhen von etwa zwei Metern. Auf der Insel Poel vor Wismar beobachteten die Menschen mit Spannung den zunehmenden Sturm und die steigenden Pegelstände. „Wenn man auf einer Insel lebt, muss man mit Sturm rechnen“, sagte Bürgermeisterin Gabriele Richter. Bis 20.00 Uhr kam es auf Poel zu keinen Überschwemmungen.

 

In der Rostocker Altstadt waren Straßen teilweise überflutet. Dort stand das Wasser bis zu 20 Zentimeter hoch.

In Heiligendamm wird die Promenade geschützt:

 

Warum könnte es kritisch werden?

Ursache sind Tief „Axel“ und der derzeit generell hohe Füllungsgrad der Ostsee von etwa 30 bis 40 Zentimeter über Normal. Das Tief, das von Skandinavien über die zentrale Ostsee nach Russland zieht, schiebe von der zentralen Ostsee einen „Wasserberg“ an die südliche Ostseeküste. Besonders betroffen könnten die größeren Buchten sein, aus denen das Wasser nicht abfließen könne. Nach Angaben des BSH der Greifswalder Bodden, die Wismarbucht, Warnemünde oder auch die Flensburger Förde, weil dort das Wasser nicht ablaufen kann.

Der Flensburger Hafen in Flensburg: Kein guter Parkplatz am Sonntag.
Sven Geissler
Der Hafen in Flensburg am 22.November 2015: Immer wieder kommt es bei bestimmten Wetterlagen zu Überschwemmungen im Hafengebiet.

Für die Nord- und Ostsee gelten unterschiedliche Sturmflutkategorien. Die Tabelle zeigt welche:

Nordsee Wasserhöhe
Sturmflut 1,5 bis 2,5 Meter über mittlerem Hochwasser (MHW)
Schwere Sturmflut 2,5 bis 3,5 Meter über MHW
Sehr schwere Sturmflut Mehr als 3,5 Meter über MHW
Ostsee  
Sturmflut 1 bis 1,25 Meter über mittlerem Wasserstand
Mittlere Sturmflut 1,25 bis 1,5 Meter über mittlerem Wasserstand
Schwere Sturmflut 1,5 bis 2 Meter über mittlerem Wasserstand
Sehr schwere Sturmflut Mehr als 2 Meter über mittlerem Wasserstand
Hintergrund: Sturmhochwasser und Sturmfluten

Anders als in der Nordsee gibt es in der Ostsee keine großen Gezeiten mit Flut und Ebbe. Laut Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) treten in der Ostsee nur kleine Restgezeiten als Auswirkung der Nordsee auf, die von Westen nach Osten abnehmen und in Flensburg etwa 25 Zentimeter und in Koserow (Usedom) nur etwa drei Zentimeter betragen. Eine Sturmflut ist streng genommen an der Ostseeküste ein Sturmhochwasser.

Dennoch bürgerte sich im 19. Jahrhundert mit der verheerenden „Sturmflut von 1872“ der Begriff auch für die Ostsee ein. Mit Wasserständen von etwa drei Meter über Normal „überflutete“ die Ostsee ganze Landstriche zwischen Dänemark und Pommern. An der südwestlichen Ostseeküste starben 273 Menschen.

Nach der deutschen Teilung wurde in Schleswig-Holstein der Begriff Sturmflut für die Ostsee weiterverwandt, während in der DDR Wasserstände mit mehr als einen Meter über Normal als Sturmhochwasser galten. Mit der Wiedervereinigung setzte sich die historische Bezeichnung auch wieder im Ostteil Deutschlands durch. Die Behörden sprechen einheitlich von Ostsee-Sturmfluten. 

Chronologie

Ähnlich schwere Sturmfluten hatten die deutsche Ostseeküste nach Angaben des BSH am 21. Februar 2002 und am 1. November 2006 erreicht. Damals stieg das Wasser beispielsweise in Warnemünde auf 1,58 Meter (2002) und 1,62 Meter (2006) über Normal. In Koserow auf der Insel Usedom wurden Höchststände von 1,71 Meter (2002) und 1,54 Meter (2006) über Normal erreicht. Die Sturmflut von 2002 hatte beispielsweise Seebrücken auf Usedom und Rügen beschädigt und an Küstenschutzanlagen Schäden in Millionenhöhe verursacht.

Wieviel Wasser bis Donnerstag tatsächlich an die südliche Ostseeküste gedrückt wird, werde davon abhängig sein, wie schnell das Tief von Skandinavien über die zentrale Ostsee nach Russland ziehe, sagte Perlet. Die Vorhersagen würden regelmäßig aktualisiert. Das Tief wird nordöstlich über Mecklenburg-Vorpommern ziehen. Der Wind mit Sturmböen drehe dabei von Südwest über Nordwest auf Nordnordost, sagte der Meteorologe Stefan Kreibohm des Wetterdienstes Meteomedia. Diese Drehung des Windes führe zum sogenannten „Badewanneneffekt“. Das Wasser werde erst von den Küsten weggedrückt und schwappe mit dem Drehen des Windes wieder in voller Wucht an die Küsten zurück.

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