Gutenberg-Bibel : Vom zerfledderten Fragment zur (möglichst) originalgetreuen Rekonstruktion

Beispiel für eine mit Blanko-Papier restaurierte Bibelseite.
Beispiel für eine mit Blanko-Papier restaurierte Bibelseite.

Für die Buch-Restauratorin Anke Metz ist die Gutenberg-Bibel "der Höhepunkt des beruflichen Lebens". Sie erzählt, wie sie das Buch restauriert hat.

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23. April 2011, 10:01 Uhr

Schleswig | Gesichert von dickem Panzerglas und Alarmanlagen, vor Licht geschützt durch den abgedunkelten Raum: So ruht die Rendsburger Gutenberg-Bibel in der Schatzkammer des Gottorfer Museums-Rundganges. Wie es sich eben für einen richtigen Schatz gehört.
Dagmar Hettstedt ist seine Hüterin. Für die Gottorfer Diplom-Bibliothekarin ist dieses Alt-Papier schlichtweg das Größte. Alle vier Monate schlägt sie für die Besucher eine andere Seite der Bibel auf. Zuvor haben mehrere Männer das schwere Panzerglas abgehoben. Hettstedt: "Es gibt nichts Wertvolleres, sie ist das erste Buch, das mit beweglichen Lettern gedruckt wurde. Für mich als Bibliothekarin ist sie der Höhepunkt des beruflichen und vielleicht sogar meines privaten Lebens."
Erst einmal weiche Knie bekommen
Das, was der Besucher sieht, ist ein großes, dickes Buch in kräftigem, braunem Ledereinband, daran eine massive Metallkette. Von der Seite betrachtet, fallen viele weiße Blätter auf, die so gar nicht zu dem Alter des Objekts passen wollen. Hinter diesem Geheimnis steckt die Restauratorin Anke Metz. Sie hat die Rendsburger Gutenberg-Bibel von 1997 bis 1999 in ihrer Hamburger Werkstatt restauriert. Die Erinnerung an diese Arbeit ist bis heute lebendig.
Als sie den Auftrag erhielt, bekam sie erst einmal "weiche Knie", wusste sie doch sofort um dessen Tragweite. Zusammen mit der Polizei traf sie umfangreiche Sicherheits-Vorkehrungen. Sie schuf sich einen großen Tresor und eine neue Alarmanlage für 10.000 DM an, die Versicherung wollte das so. Schließlich brachte ihr das mit über fünf Millionen DM versicherte Stück ein Mann - im Leinenbeutel. "Unauffälligkeit bietet einfach die größte Sicherheit", amüsiert sich Metz heute, die damals ein Vierteljahr lang Haus und Bibel nicht verließ und das wertvolle Stück jeden Abend vom Arbeits- ins Schlafzimmer schaffte.
Wachs-, Rost- und Schimmelflecken, ein fehlender Rücken des Ledereinbandes, diverse fehlende Seiten, weitere Leerstellen und geschrumpfte Buchdeckel aus Holz: Die Bibel befand sich in einem desolaten Zustand. Kein leichter Auftrag also für Metz, um die Heilige Schrift möglichst originalgetreu zu restaurieren. Ihren ledernen Buchrücken zu ergänzen, die hölzernen Buchdeckel mit angeleimten Stücken auf Originalgröße zu bringen, die Bünde am Rücken in alter Technik zu verpflocken und mit einem speziellen Hanf-Faden Rücken und Blätter zusammen zu bringen - das bedeutete schon viel Arbeit.
Mehr als 100 Seiten mussten ergänzt werden
Doch ein anderer Arbeitsschritt war noch schwieriger. Es mussten mehr als 100 Seiten ergänzt werden, um das Buch wieder auf seine ursprüngliche Stärke zu bringen; etliche herausgeschnittene und -gerissene Stellen mussten hinzugefügt werden. Rund 360 Arbeitsstunden gingen dafür drauf. Metz: "Die Initialen, also die ersten Buchstaben eines Kapitels, die mit kleinen Bildchen und teilweise mit Gold-Farbe reich verziert wurden, fehlten fast vollständig." Um diese Leerstellen zu komplettieren, wurde das Papier analysiert und in Frankreich noch ein Mal traditionell geschöpft. "Dann konnten wir ganze Seiten, halbe Seiten und kleinere Fehlstellen ergänzen."
Und das geschah so: Die Original-Seite wurde mit einer neuen Seite und einer Folie unterlegt. Dann wurden mit einer Stopfnadel die Konturen des alten auf das neue Papier punktiert. Entlang dieser Punkte wurde das neue Papier mit einem Aquarellpinsel und Wasser aufgeweicht und anschließend aufgerissen. Nachdem es getrocknet war, wurden die leicht überlappenden, faserigen Bereiche sowie das alte Material mit feinsten Schleifgeräten auf einer Länge von drei Millimetern schräg angeschliffen. Beide Blätter konnten dann mit Weizenkleister auf Originalstärke zusammengeklebt werden. Dass die Ausbesserungen am Papier heute als weiße Flecken und Seiten erkennbar bleiben, ist für Metz Ehrensache: "Ansonsten kommt man schnell in den Bereich der Fälschungen."
Die Restaurierung der Gutenberg-Bibel ist für Anke Metz bis heute der "aufregendste Auftrag meiner Karriere" geblieben. Insofern liegt sie mit Dagmar Hettstedt ganz auf einer Linie. Die Diplom-Bibliothekarin wünscht sich nichts mehr, als dass "noch mehr Menschen zu uns ins Schloss kommen und sich unsere Bibel anschauen".
(shz)

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