Zensus bald ausgezählt : Volkszählung: Die Stunde der Wahrheit

Schrumpft Schleswig-Holstein nach der Auszählung? Foto: dpa
Schrumpft Schleswig-Holstein nach der Auszählung? Foto: dpa

Im Mai werden die Ergebnisse des Zensus bekannt gegeben - sie entscheiden über Gelder für Kommunen. Einige Gemeinden könnten plötzlich schrumpfen.

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14. April 2013, 06:24 Uhr

Kiel | Das Statistische Landesamt rechnet noch. Aber in gut sechs Wochen sollen die ersten Ergebnisse der Volkszählung 2011 bekannt gegeben werden. Das bestätigte jetzt Statistik-Sprecher Jürgen Delitz in Hamburg. Wichtigstes Ziel des Zensus 2011 war die korrekte Ermittlung der amtlichen Einwohnerzahlen.

Und auf die warten besonders die kleinen Gemeinden sehnsüchtig, wie jüngst das Beispiel Friedrichstadt zeigte. Dort fühlt man sich um rund 60.000 Euro aus der Landeskasse geprellt. Der Grund: Nach dem Finanzausgleichsgesetz gibt es aus der Landeskasse pro Einwohner für Städte und Gemeinden 300 Euro an sogenannten Schlüsselzuweisungen. Das Land zahlt auf Basis der Zahlen, die das Statistische Landsamt bei der Volkszählung 1987 ermittelte - und die liegen um 200 unter den Meldedaten des Amtes Nordsee-Treene.

Schon einmal erlebte das Land ein dickes Ende

Doch die Unstimmigkeiten zwischen den beiden Behörden haben noch weit gravierendere Auswirkungen. Die Stadt fällt laut dem Landesamt unter die 2500-Einwohner-Marke. Dies bedeutet, dass dort bei der Kommunalwahl im Mai auch nur noch 13 Stadtvertreter gewählt werden dürfen, bislang sind es 17. Hoffnung hatte man in den Zensus 2011 gesetzt, doch die Ergebnisse kommen für die Kommunalwahl zu spät und auf die Schlüsselzuweisungen werden die neuen Zähl-Ergebnisse wohl erst 2015 Auswirkungen haben.

Das dicke Ende könnte aber auch für das Land kommen. So hatte sich bei der Volkszählung 1987 herausgestellt, dass in Schleswig-Holstein fast 58.000 Einwohner weniger lebten als damals angenommen. Die Folge: Der Norden verlor 159 Millionen Mark aus dem Länderfinanzausgleich, der sich unter anderem nach der Einwohnerzahl richtet. Insgesamt wurden im Finanzausgleich der Bundesländer damals mehr als 900 Millionen Mark verschoben. Im kommunalen Finanzausgleich waren es noch einmal 700 Millionen Euro.

Schwund auf Amrum

Experten vermuten auch diesmal in Deutschland mehr als eine Million Karteileichen. Vor allem in Abwanderungsregionen wie Ostdeutschland. Ein Probelauf zum Zensus 2011 zeigte, dass offenbar rund 1,3 Millionen Menschen weniger in Deutschland leben als bislang angenommen. Damit dürften die finanziellen Folgen der Zählung viel weitreichender sein als 1987 - damals musste die Bevölkerungszahl nur um knapp 77.000 nach unten korrigiert werden. Vor allem Großstädte und ostdeutsche Bundesländer könnten Zuschüsse verlieren. In den neuen Bundesländern liegt die letzte Volkszählung über dreißig Jahre zurück.

Paradebeispiel für Schleswig-Holsteins virtuellen Bevölkerungsschwund 1987 war damals die Gemeinde Norddorf auf Amrum. Das Inseldorf verlor 40 Prozent seiner Einwohner - vorwiegend handelte es sich um Ferienhaus besitzer, die sich wegen der günstigen Fährkosten für Einheimische auf Amrum angemeldet hatten.

Plön - plötzlich 4000 Einwohner weniger?

Ein böses Erwachen fürchten jetzt auch Pessimisten in Plön. Die derzeitigen Schlüsselzuweisungen für die Kreisstadt werden auf Basis von errechneten 12.000 Einwohnern gezahlt, in Wahrheit sollen es nur noch 9000 sein. Grund seien Fehler in der Meldebürokratie in Zusammenhang mit der in Plön ansässigen Marineunteroffiziersschule, erklärte Landrat Volker Gebel. Deutlich werde die Verzerrung etwa am hohen Männeranteil an der Plöner Stadtbevölkerung. Dieser betrage 65,1 Prozent, während er im Bundesdurchschnitt lediglich bei rund 49 Prozent liege. Sicher sei jedenfalls, dass die offizielle Zahl von 12.855 nicht stimme. Gebel: "Wir rechnen mit 9000 Einwohnern."

Der Zensus bringt hier endlich Klarheit. Von der Volkszählung hängt allerdings deutlich mehr ab, als nur Schlüsselzuweisungen und die Finanztransfers zwischen den Bundesländern: die Einteilung der Bundestagswahlkreise, die Stimmenverteilung der Bundesländer im Bundesrat, die Sitze Deutschlands im Europaparlament, aber auch die Berechnung des jährlichen Bruttoinlandsprodukts pro Kopf.

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