Klimawandel : Vier Grad wärmer: Erderwärmung in der Ostsee weiter als anderswo

Fehmarn von oben.
Fehmarn von oben. Das Wasser der Ostsee könnte sich bis zum Ende dieses Jahrhunderts im Winter vier bis acht Grad und im Sommer anderthalb bis vier Grad erwärmen.

Forscher aus Geesthacht präsentieren die neuesten Erkenntnisse. Die hätten Folgen für den Küstenschutz, Flora und Fauna.

shz.de von
28. Mai 2015, 12:00 Uhr

Geesthacht | Die Erderwärmung ist im Ostseeraum weiter vorangeschritten als im weltweiten Durchschnitt. Rund ums Mare Balticum ist die Lufttemperatur seit dem Beginn regelmäßiger Aufzeichnungen 1871 um anderthalb Grad geklettert – global nur um ein Grad. Entsprechend schneller werde die Erwärmung rund um die Ostsee auch künftig voranschreiten, wenn es nicht gelinge, die Emissionen zu begrenzen, prognostiziert Professor Hans von Storch, Leiter des Instituts für Küstenforschung des Helmholtz-Zentrums Geesthacht. Computersimulationen zeigten, dass es am Ende dieses Jahrhunderts an der Ostsee im Winter vier bis acht Grad und im Sommer anderthalb bis vier Grad wärmer sein könnte.

Dies ist nur eine von vielen Veränderungen, die ein Kreis von 141 Wissenschaftlern aus zwölf Ländern unter der Leitung von Storchs auf 480 Seiten dokumentiert hat. Sie haben die Szenarien jetzt in ihrem zweiten Wissensbericht zum Klimawandel an der Ostsee veröffentlicht. „Es ist eine regionale Variante des Weltklima-Reports“, sagt von Storch. Ähnlich wie es Kollegen für den Weltklimarat der UN global machten, durchforsteten die Meteorologen, Hydrologen, Ozeanografen, Biologen und weitere Experten im Ostseeraum sämtliche vorhandenen Studien zum Klimawandel.

Anschließend fassten sie den Status Quo der verlässlichen Aussagen fächerübergreifend zusammen. Im Vergleich zum ersten Ostseebericht von vor sieben Jahren sieht der Professor aus Geesthacht durch die neue Auswertung vor allem eine „zusätzliche Sicherheit“. Inzwischen hätten sich die Möglichkeiten für Modell-Berechnungen gewaltig verbessert – „das macht die Annahmen deutlich robuster“.

Die schnellere Erwärmung der Ostseeluft erklärt von Storch mit dem Einfluss der Landmasse rund ums vergleichsweise kleine Meer. Über Land steigen die Lufttemperaturen von Natur aus leichter – wo, wie auf den Ozeanen, nur Wasser ist, geht dies langsamer. Klar machen müsse man sich, so von Storch: Sollte es gelingen, die Erwärmung global durch eine Reduzierung von Treibhausgasen auf zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen – dann würde es im Ostseeraum dennoch zweieinhalb Grad wärmer.

Für das Wasser zeigen die Simulationen zur Ostsee vor Schleswig-Holstein einen möglichen Anstieg der Oberflächentemperatur von zwei Grad – speziell in den nördlichen Becken indes von bis zu vier Grad. Das liegt laut von Storch daran, dass sich wegen der höheren Lufttemperaturen die Kältezufuhr durch Eis und Schnee für das Meerwasser verringert.

Eng gekoppelt an den Pegel der Ozeane, halten die Klimamodelle es für denkbar, dass der Meeresspiegel der Ostsee bis zum Ende des Jahrhunderts um 30 bis 80 Zentimeter steigt. „Wenn man sich deswegen irgendwo Gedanken um den Küstenschutz machen muss, dann gerade an der südlichen Ostsee“ sagt von Storch. Wenn auch längst nicht im Ausmaß der Westküste – schon heute sind auch an Schleswig-Holsteins Ostküste einige Abschnitte nur durch Deiche sicher.

Auch zu bedenken: „An den Steilküsten werden die Wellen bei einem höheren Wasserstand in härterem Maße für Abbrüche sorgen.“ Im Norden des Ostseeraums gleicht eine natürliche Hebung des Landes den höheren Meeresspiegelanstieg teilweise aus – „das ist noch immer eine Erholung von der Eiszeit“, sagt von Storch. Allerdings betont er auch: „Für die nächsten 20 Jahre braucht man sich beim Meeresspiegel noch keine akuten Gedanken zu machen.“

Ähnlich sieht es der von Föhr stammende Forscher für die Land- und Forstwirtschaft. Für den zweiten Abschnitt dieses Jahrhunderts hingegen nimmt er an, „dass andere Arten gezüchtet werden müssen als sie heute Standard sind“ – will man sich auf hohe Erträge verlassen. Insbesondere gelte das für den südlichen Ostseeraum: Hier rechnen die Klima-Modelle im Sommer mit stark steigender Trockenheit. Es herrsche „Einvernehmen“, dass die Niederschläge um 40 Prozent abnähmen. „Nicht ganz so einig“ sind sich die Simulationen laut von Storch in der Annahme von mehr Niederschlägen im Winter, mitverursacht offenbar durch veränderte atmosphärische Zirkulationsmuster. Dennoch: Die Tendenz dazu lasse sich in der Literatur feststellen.

Je mehr Niederschlag über dem Meer fällt, desto süßer wird das Wasser – so eine weitere Prognose des neuen Reports. Neben einer Erwärmung des Ostseewassers hätte eine erwartete Abnahme des Salzgehalts großen Einfluss auf die Tier- und Pflanzenwelt. Davon wäre das gesamte Ökosystem von Bakterien bis hin zu kommerziell genutzten Fischarten wie dem Dorsch betroffen. Der verringerte Salzgehalt könne auch das Überdüngungsproblem und damit verbundene Algenblüten verschärfen. Das würde zur Ausdehnung sauerstofffreier Zonen in einigen tiefen Becken führen.

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