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Immer mehr Vorkurse nötig : Vielen Abiturienten in SH mangelt es an Tiefe und Reife für ein Studium

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Fachliche Mängel und Lücken: Universitäten in Schleswig-Holstein sehen sich als Reparaturbetrieb für die Schule.

shz.de von
erstellt am 17.Jul.2017 | 06:30 Uhr

Kiel | Die Hochschulen sehen sich gezwungen, bei immer mehr Abiturienten zu Beginn des Studiums Defizite der Schulausbildung auszugleichen. Allein an der Kieler Christian-Albrechts-Universität hat sich die Zahl der Teilnehmer an Vorkursen zur Studierfähigkeit in den letzten fünf Jahren von 457 auf 1150 mehr als verdoppelt. Mehr als verdreifacht hat sich im selben Zeitraum die Teilnehmerzahl an Tutorien und Übungen, die in der Einstiegsphase des Studiums unverzichtbare Grundlagen vermitteln.

Dabei geht es um die fächerunabhängige Schreib- und Sprachkompetenz ebenso wie zum Beispiel um Lineare Algebra für Wirtschafts- oder Physik für Ingenieursstudenten. Weitere Fächer mit speziellen Förder-Angeboten sind Chemie, Elektrotechnik, Informatik, Philosophie, Geschichte, Wirtschaft/Politik und Romanistik. „Wir beobachten, dass vielen Abiturienten die nötige fachliche Tiefe fehlt, um erfolgreich ein Studium zu absolvieren“, sagt der Kieler Uni-Sprecher Boris Pawlowski. „Das hat womöglich mit der neuen Vielfalt beim Erwerb der Zugangsberechtigung für die Hochschule zu tun.“ Der Weg dorthin führt immer öfter nicht übers klassische Gymnasium  – sondern zunehmend über Oberstufen an Gemeinschaftsschulen oder Berufliche Gymnasien. „Schulen müssen heute heterogene Lerngruppen für sehr unterschiedliche Berufswege ausbilden“, stellt Pawlowski fest. So sei eine „Lücke beim Übergang an die Universität entstanden“.

Dem Flensburger Uni-Präsidenten Werner Reinhart fallen ebenfalls „fachliche Mängel, etwa in Mathe oder Fremdsprachen“, auf. „Die Politik erwartet, dass Hochschulen solche Lücken mit Grundlagenkursen schließen“, stellt Reinhart fest. Während der Kieler Pawlowski keinen Zusammenhang mit der auf acht Jahre verkürzten Gymnasialzeit sieht, ist Flensburgs Uni-Präsident als Verfechter einer Rückkehr zu G9 bekannt – in der Hoffnung auf eine bessere Studierfähigkeit.

Die Fachhochschulen erleben die selben Probleme. „Neben fachlichen Mängeln in Mathe, Physik und teils Englisch weisen Studierende häufig Defizite im schriftlichen Ausdruck auf“, schildert Thomas Severin, amtierender Präsident der Hochschule Flensburg. Zudem würden „Defizite beim eigenständigen Lernen und ein problematisches Zeitmanagement sichtbar“. Deshalb biete sein Haus verstärkt Beratung und psychosoziale Unterstützung an. Die Teilnehmerzahl an Vorkursen in Mathe, Technik und fachspezifischem Englisch sei mit rund 400 im letzten Jahr zwar in etwa konstant. Offenbar würden aber die Angebote nicht so genutzt wie es notwendig ist.  

Die FH Kiel hat ihre „Brückenkurse“ für Einsteiger auf die Fächer Informatik, Elektrotechnik, Maschinenwesen und Wirtschaft ausgedehnt. Ebenso bietet sie Extra-Lektionen zu Lernstrategien und Selbst-Management an. Damit sich der Reparaturbetrieb nicht einseitig auf die Hochschulen beschränkt, sieht Kiels FH-Sprecherin Frauke Schäfer „zum einen auch die Schulen und  die Politik in der Pflicht. Letztere forciert ja seit einigen Jahren steigende Studierendenzahlen.“ Der Vize-Präsident der FH Kiel, Wolfgang Huhn, meint: „Wenn schon bald 50 Prozent eines Jahrgangs studieren wollen, ist das zwangsläufig mit gewissen Qualitätseinbußen verbunden.“

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