Streit um Hartz-IV-Broschüre : "Viele Tipps gelten nicht nur für Arbeitslose"

Margrit Hintz ist stellvertretende Geschäftsführerin der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Foto: Schmid
Margrit Hintz ist stellvertretende Geschäftsführerin der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Foto: Schmid

Die Pinneberger Jobcenter-Broschüre hat eine heftige Debatte im Land entfacht. Beistand bekommt die Behörde von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein.

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23. Juli 2013, 08:04 Uhr

Pinneberg/Kiel | Im Gespräch meldet sich dazu Margrit Hintz, stellvertretende Geschäftsführerin der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein, zu Wort. Die Broschüre sei nicht nur für Hartz-IV-Empfänger relevant, sondern für alle Bürger, sagt sie im Interview.
Frau Hintz, duschen statt baden und nicht mit leerem Bauch einkaufen - solche Ratschläge sind menschenverachtend, sagen Sozialverbände - zumindest wenn sie in einem Comic-Heft des Jobcenters für Hartz-Bezieher stehen. Was sagen Sie dazu?
Für die Verbraucherzentrale ist die heftige Diskussion um die Broschüre des Jobcenter Pinneberg nicht nachvollziehbar. Die Mehrzahl der rund 5000 Verbraucher, die jährlich zum Beispiel unsere Energieberatung aufsuchen, will die Energiekosten senken. Mehr Geld im Portemonnaie zu haben, ist nach unserer Auffassung eine Steigerung der Lebensqualität.
Halten Sie künftig den Mund, um nicht in die Kritik zu geraten? Ihre Vorschläge sind doch die selben wie die vom Jobcenter.
Eine Reihe der Pinneberger Tipps gibt die Verbraucherzentrale in der Tat bereits seit den 80er Jahren, als das Umweltbewusstsein in Deutschland erwachte. Diese Tipps sind für alle Verbraucher unabhängig vom Einkommen gültig. Der Klimawandel und die Energiewende erfordern es, dass wir uns alle mit unserem Verhalten auseinander setzen. Das gilt für Arbeitslose genauso wie für Millionäre. Weniger Fleisch zu essen ist nämlich nicht nur gut für den Geldbeutel, sondern auch für das Klima und für die Gesundheit. Und der überlegte Umgang mit Trinkwasser sollte für alle Bürger eine Selbstverständlichkeit sein.
Was raten sie denn den Jobcentern - sollen die sich aus Themen wie zum Energiesparen künftig raushalten?
Auf keinen Fall. Im Jobcenter Segeberg werden wir demnächst Gruppenberatungen zum Energiesparen für ALG-II-Empfänger durchführen. Gerade für Bürger mit wenig Geld im Portemonnaie sind insbesondere die Stromkosten ein Problem. Sie müssen einen überproportional hohen Anteil ihrer Einkünfte für Energie ausgeben. Außerdem steigen die Strompreise regelmäßig und heftig. Im Herbst rollt wegen der steigenden EEG-Umlage eine neue Preiswelle auf uns zu. Energiesparen beim Heizen und Stromverbrauch ist deshalb wichtig und Ratschläge sind bei den Betroffenen sehr erwünscht. Das merkt die Verbraucherzentrale bei der Nachfrage nach Energieberatung, die für Leistungsempfänger bei ALG II, bei der Grundsicherung und beim Bafög kostenlos ist.
Wundert es Sie, dass auch Politiker wie der Elmshorner SPD-Bundestagsabgeordnete Dieter Rossmann sagen, die Empfehlungen des Jobcenters seien an der Menschenwürde vorbei?
Nicht alle denken so. Der Kieler Landtag hat die Bedeutung des Themas gerade für Hartz-IV-Bezieher erkannt. Er hat uns daher einmalig 40.000 Euro bewilligt, damit wir unsere Energieberatung dieser Zielgruppe noch bekannter machen.
Wie soll das gehen?
Unser Mitarbeiter Florian Schmölz sucht seit Juni Multiplikatoren auf. Im Gespräch mit dem Jobcenter des Kreises Segeberg hat der Diplomingenieur festgestellt, dass auch die Fallmanager den großen Bedarf an Energieberatung sehen. Denn deren Kunden bitten um Kredite, wenn der Strom abgestellt werden soll, weil sie die hohe Nachzahlung nicht begleichen können. Die Kreditraten schmälern dann wiederum das ohnehin äußerst enge monatliche Budget der Leistungsempfänger.
Und was ist mit den anderen Bürgern?
Seit Jahresbeginn beraten die Energieberater auf Wunsch auch in ihrer Wohnung und führen dort den "Basis-Check" durch. Sie nehmen den Stromverbrauch und die Heizkosten unter die Lupe und zeigen das Einsparpotenzial auf. Die Verbraucher erhalten wenig später ein fünfseitiges Protokoll mit Empfehlungen. Die Nachfrage ist groß. Sie sehen, Energiesparen ist genauso wie gesunde Ernährung ein gesamtgesellschaftliches Anliegen.

Terminvergabe für eine Energieberatung in Basis-Check in ganz Schleswig-Holstein unter Tel. 0431-59099-40.

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