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G9 statt G8 : Viele Eltern in SH wenden sich vom Turbo-Abitur ab

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Anmeldezahlen an den Gymnasien im Land driften auseinander. Das Bildungsministerium mag aber noch keinen Trend erkennen.

von
erstellt am 17.Mär.2015 | 10:49 Uhr

Kiel | Der neunjährige Weg zum Abitur (G9) ist weiterhin viel beliebter als das um ein Jahr verkürzte Turbo-Abitur (G8). Das belegen Recherchen unserer Zeitung: An Standorten, wo Eltern die Wahl zwischen G8- und G9-Laufbahn haben, entscheidet sich von wenigen Ausnahmen abgesehen eine große Mehrheit für die neunjährige Variante. Vor zwei Wochen war die Frist für die Anmeldung an weiterführenden Schulen für das Schuljahr 2015/16 abgelaufen.

An 15 von insgesamt 99 Gymnasien in Schleswig-Holstein ist noch ein Abitur nach neun Jahren möglich: Vier sogenannte Y-Schulen bieten sowohl G8 als auch G9 an. Darüber hinaus fahren elf Gymnasien im Land ausschließlich das G9-Modell, während die restlichen 84 Gymnasien in acht Jahren zum Abitur führen.

Die Anmeldezahlen des Bernstorff-Gymnasiums in Satrup (Kreis Schleswig-Flensburg), eine der Y-Schulen, sprechen eine eindeutige Sprache: 106 Schüler wurden für G9 angemeldet, kein einziger für G8. „Das ist keine Überraschung. Wir sind seit drei Jahren ein reines G9-Gymnasium“, sagt Schulleiterin Barbara Langlet-Ruck. Keines der Elternpaare, die in diesem Jahr ihre Schüler angemeldet hätten, habe sich überhaupt nach G8 erkundigt. Die übrigen Y-Gymnasien in Kiel sowie in Quickborn und Barmstedt im Kreis Pinneberg melden ebenfalls klare Mehrheiten für G9. So sprechen allein die Zahlen am Elsensee-Gymnasium in Quickborn eine deutliche Sprache: Von 115 Schülern haben sich 107 für G9 entschieden, nur acht haben sich für G8 angemeldet.

In Schleswig bekam das G9-Gymnasium Domschule 129 Anmeldungen, während sich nur 53 Kandidaten für das benachbarte G8-Gymnasium Lornsenschule entschieden. In Flensburg kann das Fördegymnasium als einziges G9-Gymnasium der Stadt Zuwächse bei den Anmeldungen verzeichnen.

Auch Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe, die grundsätzlich immer den neunjährigen Weg zum Abitur anbieten, melden konstant hohe Anmeldezahlen, so etwa in Neumünster, Trappenkamp und Pinneberg. „Das liegt in erster Linie am pädagogischen Konzept der Schule, aber G9 ist sicherlich mit einer der Gründe“, sagt Norbert Freund von der Gemeinschaftsschule Faldera in Neumünster.

Betroffene Schulleiter berichten davon, dass G8 unter den Eltern nach wie vor einen schlechten Ruf habe. „Ich höre immer wieder die Sorge der Eltern, dass G8 für ihre Kinder zu schwer sei“, sagt Jan Skendzic vom Barmstedter Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Gymnasiums. „Für uns kam G8 überhaupt nicht infrage“, sagt beispielsweise Bente Lopaschinski aus Mittelangeln, die vor Kurzem ihre zehnjährige Tochter Lene am Gymnasium anmeldete. Wegen der hohen Stundenzahl und dem intensiven Lernen sei sie strikt gegen das Turbo-Abitur. „Lene soll noch ein bisschen ihre Kindheit genießen und nicht nur über den Schulbüchern sitzen“, sagt die Mutter.

Die Vorsitzende des Schleswig-Holsteinischen Elternvereins, Astrid Schulz-Evers, kann diese Bedenken verstehen: „Das komprimierte Lernen bei G8 halte ich für problematisch. So bleibt das vertiefte Auseinandersetzen mit Wissen auf der Strecke.“

Eine von Schulz-Evers angestoßene Volksinitiative für die Rückkehr zu G9 in Schleswig-Holstein war im Jahr 2014 gescheitert. Der Elternverein nehme aber weiterhin den Wunsch vieler Eltern nach G9 wahr und verfolge das Thema weiter. Man wolle zunächst abwarten, wie sich die Volksinitiativen für eine Rückkehr zu G9 in anderen Bundesländern entwickelten, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen. „Die aktuellen Zahlen sind eine Bestätigung für unsere Arbeit“, so Schulz-Evers.

Das Bildungsministerium hält sich mit der Kommentierung der aktuellen Anmeldezahlen zurück, eine landesweite Übersicht der Anmeldungen wurde noch nicht veröffentlicht. Die Zahlen seien noch nicht vollständig ausgewertet, die endgültigen Ergebnisse würden erst in den ersten April-Tagen vorliegen, sagt Sprecher Thomas Schunck auf Anfrage unserer Zeitung. Er betont: „Schon jetzt ist deutlich, dass G9-Gymnasien bezogen auf das Land Schleswig-Holstein nicht überproportional angewählt werden.“

Das um ein Jahr verkürzte, auch „Turbo-Abitur“ genannte G8 war im Jahr 2008 an schleswig-holsteinischen Schulen eingeführt worden. 2011 ruderte die schwarz-gelbe Landesregierung zurück und gab den Gymnasien die Möglichkeit, zwischen G8 und G9 zu wählen oder sogar beide Zweige parallel anzubieten. Die Wahlfreiheit wurde im vergangenen Jahr von der Küstenkoalition wieder gekippt; die 15 Gymnasien im Land, die sich inzwischen für G9 entschieden hatten, erhielten Bestandsschutz.
 

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