Ausbildung : Viel Arbeit für wenig Geld

Wenn der Küchenchef kommt, kann es laut werden - viele Azubis im Gastgewerbe sind mit ihren Arbeitsbedingungen offenbar unzufrieden. Foto: dpa
Wenn der Küchenchef kommt, kann es laut werden - viele Azubis im Gastgewerbe sind mit ihren Arbeitsbedingungen offenbar unzufrieden. Foto: dpa

In vielen Betrieben herrscht Bewerbermangel - dennoch fallen manche durch rauhe Arbeitsbedingungen auf. Im Fokus stehen das Hotels und Gaststätten.

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19. April 2011, 09:37 Uhr

# | Ein hausinternes Schulungs- und Trainingsprogramm, Gastspiele in anderen Spitzenhotels, Teambuilding-Ausflüge, Exkursionen zu Museen, Zulieferern und Weingütern - das ehrwürdige Columbia-Hotel an der Travemünder Strandpromenade lockt Bewerber für eine Ausbildung zum Koch mit einer Liste an Zusatzaktivitäten. Das Fehlmarner Hotel & Ferien Centrum stellt Koch-Azubis eine Unterkunft auf dem Hotelgelände. Weiterbildungsmöglichkeiten, umfangreiche Sozialleistungen - ein Blick in die Lehrstellenbörse der IHK Schleswig-Holstein lässt vermuten, dass die Ausbildungsbetriebe ihren Bewerbern den Weg in die Küche so angenehm wie möglich gestalten.
Finger weg vom Gastgewerbe
Doch die Idylle, die zwischen den Zeilen vermittelt wird, ist spätestens seit den vergangenen Tagen dahin - denn der Deutsche Gewerkschaftsbund fährt schwere Geschütze gegen das Gaststättengewerbe auf: "Wer eine gute Ausbildung mit vernünftigen und gesetzeskonformen Rahmenbedingungen sucht, ist im Hotel- und Gaststättengewerbe falsch aufgehoben. Wer eine Übernahme nach der Ausbildung und gesicherte Einkommensverhältnisse sucht, der sollte sich in anderen Branchen umgucken", poltert Heiko Gröpler. Der Ausbildungsbeauftragte der DGB-Jugend Nord bekommt nach eigenen Angaben viel Zuspruch von Kennern der Branche und besorgten Eltern: "Wir konnten uns des Eindrucks nicht erwehren, dass Auszubildende im Hotel und Gaststättengewerbe viel zu oft als billige Arbeitskräfte missbraucht werden als dass sie auch tatsächlich ausgebildet werden", sagt Gröpler.
Anlass für die Kritik ist der Ausbildungsreport der Gewerkschaft - darin wurden mehr als 2600 Auszubildende in 58 Berufen befragt. Das Ergebnis: Sieben von zehn Azubis sind zufrieden, für viele Berufe gibt es Bestnoten. Einziger Ausreißer: Das Hotel- und Gaststättengewerbe. Das Fazit des DGB fällt verheerend aus: Die Vergütung ist geringer als anderswo - 89 Prozent der Azubis erhalten weniger als 500 Euro im Monat. In anderen Branchen sind es nur 38 Prozent. Zudem schuften die Azubis nach Ansicht der Gewerkschaft zu viel: 63 Prozent arbeiten über 40 Wochenstunden, in anderen Branchen sind es nur 20 Prozent. Nur jeder fünfte Azubi im Hotel- und Gaststättengewerbe erhält mehr als 25 Urlaubstage, in anderen Branchen sind es 55 Prozent.
Hohe Abbrecherquoten
Und die Kritik kommt nicht nur von der Gewerkschaft. Zum Start der Fachmesse Internorga in Hamburg warnt die stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Michaela Rosenberger, vor einem selbst verschuldeten Imageverlust und Fachkräftemangel im Hotel- und Gaststättengewerbe: "Die Branche hat es in den letzten Jahren nicht geschafft, eine zukunftssichere Qualität der Ausbildung und attraktive Arbeitsbedingungen zu garantieren. Ohne eine geeignete Strategie, welche insbesondere jungen Menschen erstrebenswerte Berufsbilder vermittelt, wird das Hotel- und Gaststättengewerbe zu den großen Verlierern bei der Vermeidung eines Fachkräftemangels gehören", schimpft Rosenberger und verweist auf die hohen Abbruchquoten von bis zu 40 Prozent in der Ausbildung.
Unerträgliche Diskriminierung
Die Reaktion auf die drastische Kritik des DGB ließ nicht lange auf sich warten: Stefan Scholtis, Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Schleswig-Holstein, rügte am Rande des Verbandstages in Bad Segeberg die Äußerung des DGB-Jugendsekretärs als "unerträglich". Und Tourismusminister Jost de Jager (CDU) rügt die vermeintliche Diskriminierung einer ganzen Branche, "die zu den wichtigsten Säulen des Tourismuslandes Schleswig-Holstein gehört".
Etwas vorsichtiger ist Dehoga-Berufsbildungsexpertin Martina David: "Wie überall gibt es auch in unserem Bereich mit Sicherheit schwarze Schafe", sagt die gelernte Köchin. Sie verweist darauf, dass der Großteil der Branche großartige und faire Arbeit leiste. Allerdings müssten sich Azubis auf einen rauhen Ton einstellen. Dazu kämen Wochenendarbeit und Schichten bis spät in die Nacht - eine Bedrohung für die sozialen Kontakte der jungen Azubis.
Die Bundesagentur für Arbeit hält sich unterdessen mit konkreten Einschätzungen zu den Arbeitsbedingungen im Gastgewerbe zurück: "Der Kampf um die Köpfe und damit auch um die künftigen Auszubildenden wird sich verstärken. Jede Branche ist gezwungen, etwas für ihre Attraktivität zu tun", sagt Jürgen Goecke, Chef der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit. Doch welche Berufe sind in Schleswig-Holstein beliebt? Folgen junge Leute dem Rat des DGB und machen einen Bogen um das Gastgewerbe? "Nach wie vor werden Berufe im Büro und im Handel am stärksten nachgefragt", sagt Thomas Bohse, Sprecher der Arbeitsagentur. Doch auch der Beruf des Kochs ist in den Top Ten der am häufigsten nachgefragten Berufe vertreten. Auf der anderen Seite sind gleich drei Berufe aus dem Hotel- und Gaststättenbereich in den Top Ten der offenen Ausbildungsstellen zu finden - "in einem Land, in dem der Tourismus eine wichtige Rolle spielt, nicht ungewöhnlich", meint BA-Sprecher Bohse.
(shz)

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