Unwetter von SH bis Mecklenburg-Vorpommern : Videos: Tornado verwüstet Kleinstadt Bützow

Vom schweren Unwetter besonders betroffen ist Mecklenburg-Vorpommern. In SH erwischt es nicht nur das Lübecker Holstentor. In Hamburg stirbt ein Mann.

shz.de von
06. Mai 2015, 13:00 Uhr

Einen Tag nach dem heftigen Unwetter im Norden mit Orkanböen und sintflutartigen Regenfällen ist am Mittwoch in Schleswig-Holstein und Hamburg wieder weitgehend der Alltag eingekehrt. Sturmböen mit Geschwindigkeiten bis zu 100 Stundenkilometern und Starkregen ließen am Dienstag im Norden Bäume und Äste auf Straßen und Autos stürzen. Die Aufräumarbeiten dauerten bis zum Mittwochvormittag an. In Mecklenburg-Vorpommern wurde die Kleinstadt Bützow durch einen Tornado verwüstet. Dort kann von Alltag noch keineswegs die Rede sein.

Ein Video aus der Luft zeigt das Ausmaß der Schäden:

Der schwere Sturm in der Kleinstadt Bützow bei Rostock hat einen Schaden von vielen Millionen Euro angerichtet. Wie der Landrat des Kreises Rostock, Sebastian Constien (SPD), am Mittwoch sagte, lasse sich das Ausmaß noch nicht abschätzen. Seit den Stadtbränden Mitte des 18. Jahrhunderts habe es kein vergleichbares Unglück in der 7600-Einwohner-Stadt gegeben.

Die Kleinstadt Bützow traf das Unwetter besonders heftig.
dpa
Die Kleinstadt Bützow traf das Unwetter besonders heftig.
 

Durch den Sturm, der am Dienstag gegen 19 Uhr knapp zehn Minuten lang über der Innenstadt wütete, wurden 30 Personen meist durch herumfliegende Trümmerteile leicht verletzt. Eine Frau musste allerdings mit schweren Verletzungen in eine Rostocker Klinik gebracht werden, sagte Constien.

Im Zentrum sind viele Häuser abgedeckt. Vom Dach der stadtbeherrschenden Stiftskirche fehlt ungefähr ein Viertel der Ziegel. Auch das Rathaus weist schwere Schäden auf. Bewohner Bützows sprachen von einem „Tornado“, der knapp zehn Minuten gewütet habe.  Noch in der Nacht wurden drei Häuser wegen akuter Einsturzgefahr evakuiert. Die Bewohner seien bei Verwandten und Bekannten untergekommen.

An diesem Mittwoch sollten Bau- und Statikexperten die beschädigten Häuser begutachten. Noch sei nicht absehbar, wie viele Häuser einsturzgefährdet und nicht mehr bewohnbar sind. In der Innenstadt sei kein Auto heil geblieben.

Stadt und Kreis bedankten sich für die Solidarität vieler Einwohner, die sich am Morgen ausgerüstet mit Werkzeug bei der Feuerwehr gemeldet hatten. Ihnen allen steht viel Arbeit bevor. Auf den kleineren Straßen und Gehwegen liegen noch Tausende Ziegel und andere Trümmerteile, viele Bäume sind umgestürzt. Die ganze Innenstadt ist für den Durchgangsverkehr gesperrt, drei Schulen wurden geschlossen. Rund 130 Feuerwehrleute und andere Katastrophenhelfer hatten gleich nach dem Sturm mit den Aufräumarbeiten begonnen. Wichtige Straßen wurden so geräumt, dass zumindest die Einsatzfahrzeuge gefahrlos fahren konnten.

Nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ist ein Tornado für die Verwüstungen verantwortlich. Darauf deuteten die Radarbilder hin und die Schäden wie umgestürzte Autos, sagte DWD-Meteorologin Linda Jäckel in Potsdam. Auch schwere Stürme könnten zwar Dächer abdecken, aber Autos stürzten eher bei einem Tornado um. „Es gibt Strukturen im Radarbild, die auf Rotationen in der Wolke hinweisen“, erklärte Jäcke.

Dieses Youtube-Video soll einen Tornado zeigen, der über das Land fegte:

Weshalb sich aber genau in Bützow - das von der Warnow durchflossen wird, die dort weite Auenflächen hat - ein Tornado entwickelte, sei unklar. Tornados seien schwer vorherzusagen, sagte Jäckel. Die Tornado-Forschung stecke noch in den Anfängen. Es sei völlig willkürlich, wo so etwas auftrete.

In Hamburg wurde ein 26-Jähriger am Fischmarkt durch ein einstürzendes Vordach getötet. Seine schwangere Lebensgefährtin kam verletzt in ein Krankenhaus. Sie brachte am Mittwoch einen gesunden Jungen zur Welt. Die 25-Jährige sei außer Lebensgefahr, sagte eine Polizeisprecherin. Sie habe aber schwere Verletzungen am Rücken und am Kopf erlitten. Entgegen ersten Berichten war das Paar aus Hamburg am Dienstagnachmittag nicht mit dem Auto sondern zu Fuß am Fischmarkt unterwegs. Als das Unwetter gegen 17 Uhr einsetzte, stellten sich die beiden unter. Plötzlich wirbelte der Sturm Dachteile herunter. Der 26-Jährige wurde erschlagen und starb noch am Unglücksort. Die Kriminalpolizei ermittelt jetzt, warum sich die Dachteile lösten. Dazu soll auch ein Bausachverständiger eingeschaltet werden. Drei weitere Menschen seien während des Unwetters in ihren Wagen eingeklemmt worden, wie ein Feuerwehrsprecher sagte.

Die Einsatzkräfte waren wegen überfluteter Keller und umgestürzter Bäume im Dauereinsatz. Innerhalb kurzer Zeit gingen rund 300 Notrufe ein. Auch der Sprecher der Hamburger Feuerwehr konnte seinen Lagedienst mehr als eine Stunde nicht erreichen.

Besonders im Nordosten Hamburgs behinderten Böen und heftiger Regen den Verkehr. Eine S-Bahn-Linie konnte etwa eine Stunde lang nicht fahren, weil ein Baum auf die Gleise gestürzt war.

Die Zugstrecke zwischen Hamburg und Lübeck war vorübergehend in beide Richtungen gesperrt - ein Baum war auf die Bahngleise gefallen. Die Fahrgäste wurden mit Bussen weitertransportiert. Ein ICE musste auf dem Weg zwischen Hamburg und Dortmund auf Gütergleise umgeleitet werden, weil ein Baum auf eine Oberleitung gekippt war.

Feuerwehreinsatz am Dienstag in Hamburg-Rahlstedt.
dpa
Feuerwehreinsatz am Dienstag in Hamburg-Rahlstedt.
 

Wegen des Unwetters war nur ein eingeschränkter Betrieb der Buslinien in Hamburg möglich. Eine Haltestelle in Wandsbek wurde unterspült und konnte zwischenzeitlich nicht angefahren werden. Aufgrund umgestürzter Bäume wurde zudem auf der Linie U1 zwischen Berne und Ohlstedt in beiden Richtungen ein Ersatzverkehr mit Bussen eingerichtet. Auf dem Abschnitt Volksdorf bis Großhansdorf sollte die U1 aller Voraussicht nach erst wieder Mittwochfrüh zu Betriebsbeginn fahren, wie die Hamburger Hochbahn mitteilte.

Am Burchardkai im Containerhafen in Hamburg-Waltershof rissen sich durch den heftigen Sturm fünf Containerschiffe los. Sie trieben aufeinander zu und berührten sich, sagte ein Polizeisprecher. Dabei sei Schaden in unbekannter Höhe entstanden. Schlepper mussten die Schiffe zurück an die Kaianlagen bugsieren.

In Schleswig-Holstein wütete das Unwetter vor allem in den südöstlichen und östlichen Landesteilen. Die Rettungsleitstelle Süd zählte mehr als tausend wetterbedingte Alarmierungen. Besonders betroffen war der Bereich Lübeck. Dort rückten die Einsatzkräfte bis weit nach Mitternacht zu 113 Einsätzen aus. Starkregen drang in Lübeck auch in das Holstentor ein und überflutete Teile des Museums, wie die Feuerwehr mitteilte. Im Lübecker Hafen kippten Orkanböen einen Getreidekran auf ein am Kai festgemachtes Containerschiff. Ein Marktstand wurde quer durch die Fußgängerzone getrieben.

In der Kanalstraße in Lübeck fuhr ein Golffahrer auf den Parkplatz um das Unwetter abzuwarten, doch dann krachte eine große Birke auf den Golf. Der Fahrer blieb unverletzt.
Holger Kröger
In der Kanalstraße in Lübeck fuhr ein Golffahrer auf den Parkplatz um das Unwetter abzuwarten, doch dann krachte eine große Birke auf den Golf. Der Fahrer blieb unverletzt.

In Bad Schwartau wurden etliche Gullydeckel durch die Regenmassen hochgedrückt. Umgeknickte Bäume und Äste versperrten überall in den betroffenen Regionen die Straßen und beschädigten Autos. Auf der Bahnstrecke Hamburg-Lübeck musste der Zugverkehr vorübergehend eingestellt werden, da Bäume auf den Gleisen waren.

In Großhansdorf im Kreis Stormarn kippte eine kräftige Böe mehrere Bäume auf das Ehrenmal am Waldreiterweg und beschädigte dieses schwer.

In der Ortsmitte von Stapelfeld krachten zwei dicke Bäume auf das Dach eines Mehrfamilienhauses. Mehrere Freiwillige Feuerwehren waren dort im Einsatz. Unterstützt wurden sie von Helfern des THW.

In Stapelfeld (Stormarn) krachte ein großer Baum auf das Haus einer Familie.
Wüst
In Stapelfeld (Stormarn) krachte ein großer Baum auf das Haus einer Familie.

Auch in Ahrensburg kippten mehrere Bäume um. In der Klaus-Groth-Straße stürzte ein großer Baum gegen eine Hausfassade.

Verletzt wurde in Schleswig-Holstein nach bisherigen Kenntnissen niemand.

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