Taxi-Branche : Verwilderung in Elfenbeinweiß

Um das Image der Taxibranche ist es nicht gut bestellt. Montage: Grätsch
Um das Image der Taxibranche ist es nicht gut bestellt. Montage: Grätsch

Bahnhofs-Taxen: In Kiel - und nicht nur dort - häufen sich die Beschwerden über Taxifahrer. Eine ganze Branche droht in Verruf zu geraten.

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13. Juni 2011, 03:56 Uhr

# | Vor zweieinhalb Wochen hat ein Hamburger Taxifahrer (der unverletzt blieb) die Kontrolle über seinen Wagen verloren. Er rutschte mit seiner Taxe durch eine Gartenhecke und landete in einem Planschbecken. Das entsprechende Foto wurde deutschlandweit veröffentlicht - und es symbolisiert den Image-Ist-Zustand des Taxigewerbes. Zum Beispiel in Kiel.
Am Hauptbahnhof fangen die Fahrer die am Taxistand ankommenden Reisenden regelrecht ab - obwohl der Kunde laut Personenbeförderungsgesetz die Möglichkeit hat, zwischen den vor dem Bahnhofsausgang in langen Schlangen wartenden Wagen frei zu wählen. Wäre diese Unsitte das einzige Ärgernis - Hand aufs Herz: Wer würde sich darüber schon aufregen?
Eigenwilligkeiten der Taxifahrer
Dass manche Taxifahrer trotz der sogenannten Beförderungspflicht kürzere Touren für drei, vier Euro ablehnen, stößt der werten Kundschaft dagegen schon ein bisschen heftiger auf. Zumal sich die, sagen wir Eigenwilligkeiten im Fahrzeuginneren häufig fortsetzen. Nicht wenige Fahrer denken gar nicht daran, den Kunden zu fragen, ob ihn die laut aufgedrehte Musik eventuell stört.
Und zu Beginn einiger Touren wird der Straßenname erst einmal ins Navigationsgerät eingetippt oder dem Fahrgast ein Stadtplan gereicht. Zudem scheinen einige Fahrer zu glauben, dass ein am Hauptbahnhof eintreffender Fahrgast prinzipiell ortsfremd ist - und schon wird versucht, aus einer simplen Acht-Euro-Tour eine kleine Stadtrundfahrt zum doppelten Preis zu machen.
Rufschädigende Wirkung
Den waghalsigen Fahrstil (einschließlich abenteuerlicher Überholmanöver und Spurwechsel) und ohne Freisprechanlage geführte Telefonate gibts gratis dazu. Auch die nicht ganz unverdächtige Mischung aus Alkohol- und Pfefferminzgeruch im Wageninneren ist im Preis inbegriffen. Dazu die Dreistigkeit (hoffentlich ein Einzelfall), während der Fahrt am Straßenrand entdeckte Freunde mitzunehmen, ohne den - zahlenden - Fahrgast zu fragen, ob er sich an der plötzlichen Aufstockung der Besatzung möglicherweise stört. Vollends spaßfrei wird die Angelegenheit, wenn Kielerinnen von Versuchen einzelner Fahrer berichten, die Tour zur Anbahnung einer erotischen Kurzbeziehung zu nutzen.
Die Verrohung der (Taxi-)Sitten lässt sich natürlich nicht auf einen einzigen Grund herunterbrechen. Eine wesentliche Ursache dürfte allerdings in der Praxis der Stadt Kiel zu suchen sein, Hartz-IV-Empfänger dazu zu ermutigen, sich als Taxi-Unternehmer selbstständig zu machen, um dem Staat (beziehungsweise der Stadt) nicht mehr auf der Tasche zu liegen. Bei solchen "Ich-AGs" sind Fahrgastbeschwerden sinnlos: Sie erreichen den Fahrer selbst und dürften zum einen Ohr rein- und zum anderen wieder rausgehen. Und wer betreibt schon den Aufwand, sich beim zuständigen Ordnungsamt zu beschweren?
Eine ganze Branche im Verruf: Verwilderung der Umgangssitten
Bitter ist die Verwilderung der Umgangsformen in einigen Taxen auch deshalb, weil die krassen Vorfälle rund um den Kieler Hauptbahnhof eine ganze Branche in Verruf bringen. Dabei steht außer Frage, dass die Mehrheit der Taxifahrer, einschließlich der Mehrheit der Ich-AG-Fahrer, korrekt, höflich und ortskundig ist. Die Wagen: tipp-topp gepflegt; die Angabe von Straße und Hausnummer reicht, um zu wissen, wo genau es hingehen soll. Und während der Fahrt wird obendrein ein netter Schnack gehalten.
Die Mehrheit der seriösen Taxifahrer ist allerdings nicht nur wegen der rufschädigenden Wirkung ihrer "Kollegen" schlecht auf die Bahnhofstaxen zu sprechen. Die steigende Zahl neu zugelassener Wagen hat darüber hinaus dazu geführt, dass zu viele Fahrer ein Stück vom - eher kleiner werdenden - Taxikuchen abhaben möchten. So mancher Fahrer berichtet von Standzeiten zwischen zwei und zweieinhalb Stunden, bevor eine neue Tour anfällt. Die restriktivere Erstattungspraxis vieler Krankenkassen hat zudem die Zahl der regelmäßigen Patientenfahrten verringert. Kurzum: Angesichts der beträchtlichen Fixkosten droht Taxifahren zu einer reichlich brotlosen Kunst zu verkommen.
Die Fahrgastseite
Zu einer umfassenden Analyse der Realitäten des Taxigeschäfts gehört allerdings auch der Blick auf die Kundenseite. Denn es geht nicht nur um höfliche, wegen der Zumutungen durch Wildwestfahrer zu Recht entsetzte Kunden. Zum Taxi-Alltag gehören vor allem während der Nachtschicht auch Zechpreller und volltrunkene Partygänger, die sich im Fahrzeuginneren erbrechen. Und zum Taxigeschäft gehören Kunden, die es selbst bei freundlichen, ohne Umwege und in einwandfreiem Fahrstil zum Ziel kutschierenden Fahrern nicht für nötig befinden, Trinkgeld zu geben.
Im Übrigen sollte sich - Beförderungspflicht hin oder her - der ein oder andere Nachtschwärmer die Frage stellen, ob es nicht vielleicht ein bisschen reichlich dreist ist, sich 200 Meter von einem Club zum nächsten fahren zu lassen oder die Frage nach dem Fahrtziel mit "Nächster Zigarettenautomat, abern bisschen zackig" zu beantworten.
(jhd, shz)

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