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Tod des Kindes : Verwaiste Eltern: „Die Leere ging, aber die Trauer blieb“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Frauke Harders Tochter starb kurz nach ihrer Geburt. Die Diplompsychologin hat gelernt, mit ihrem Schicksal umzugehen und hilft heute selbst trauernden Familien.

shz.de von
erstellt am 11.Jan.2014 | 17:28 Uhr

Ein Blick zurück ins Jahr 2002. Frauke Harders freut sich mit ihrem Mann Dirk auf die Geburt des ersten Kindes. Die Schwangerschaft verläuft ohne Komplikationen. Die werdenden Eltern entscheiden sich zur Entbindung in ein Geburtshaus zu gehen. Am 16. September, nach unendlich langen Wehen, kommt Töchterchen Emma zur Welt. Doch sie atmet nicht. Eine herbeigerufene Notärztin versucht vergeblich, sie wiederzubeleben. Erst auf der Intensivstation der Kinderklinik kann Emma optimal versorgt und beatmet werden. Ihr Gehirn ist da schon 25 Minuten ohne Sauerstoff. Nach umfangreichen Untersuchungen informiert der behandelnde Arzt die Eltern darüber, dass die Tochter irreparable Schäden erlitten hat. Emma liegt im Koma und ringt im Wärmebettchen um ihr Leben. „In dieser Situation wusste ich nicht, wohin mit all der unbeantworteten Liebe, der betäubenden Ohnmacht und der unbändigen Wut in meinem Bauch. Ich musste verstehen, dass das Leben nicht fair ist“, schaut Frauke Harders zurück. Der behandelnde Arzt erkennt, in welch großen inneren Nöten sie steckt. „Er nahm sich Zeit, beantwortete sensibel alle Fragen und betreute uns wunderbar.“

Als bei der beatmeten Emma ein Würgereflex festgestellt wird, muss die Beatmung eingestellt werden. Wenig später klingelt nachts das Telefon bei den Harders. Eine Schwester bittet die Eltern, sofort in die Klinik zu kommen. Emmas Gesundheitszustand verschlechtert sich. Sie erhält eine Nottaufe. „Emma starb zwei Tage lang, dann ging sie am 12. Oktober aus der Welt“, erzählt Frauke Harders. Sie entschließt sich, ihre Tochter für ihre letzte Reise selbst zu waschen und anzuziehen. Auch Großeltern, Verwandte und Freunde dürfen in die Klinik kommen und Abschied von Emma nehmen.

Nach dem Tod der Tochter stürzt Frauke Harders in ein Gefühlschaos. „Es fühlte sich so an, als würde ich durch die Hölle gehen, mit einem Warum als ständigem Begleiter.“ Für erste Gespräche steht in der Klinik ein Psychologe bereit. Zusätzlich gehen die Eheleute ein halbes Jahr lang zu einem Therapeuten, um das Geschehene verarbeiten zu können. Ein halbes Jahr lang trägt Frauke Harders als sichtbares Zeichen ihrer Trauer schwarze Kleidung.

Eine aufmerksame Nachbarin weist sie eines Tages auf die Selbsthilfegruppe Regenbogenwege hin. Diese Gruppe für verwaiste Eltern wird von Pastor und Notfallseelsorger Ralf Diez und Pastorin Andrea Noffke begleitet. „Für meine Trauerarbeit war die Teilnahme an der Selbsthilfegruppe sehr hilfreich. Ich fand dort Halt und Austausch, war nicht allein, wurde mit meinen Gedanken und Gefühlen aufgefangen“. Vier Monate nach Emmas Tod ist Frauke Harders wieder schwanger. Das gibt ihr neue Hoffnung und Kraft. „Als mein Sohn gesund per Kaiserschnitt in unser Leben kam, war es ein Neuanfang. Die Leere in meinem Herzen ging, aber die Trauer blieb. Ein Kind ist schließlich nicht ersetzbar. Meine Tochter kam zwei Jahre darauf zur Welt. Mit der Zeit litt ich weniger, konnte immer mehr loslassen, konnte wieder in die Normalität zurückfinden“, berichtet sie und setzt hinzu: „Ich habe gelernt, mit Emmas Tod zu leben, weil ich aufgegeben habe, ihn zu überwinden“.

Heute lebt Frauke Harders mit Sohn und Tochter allein. Sie nimmt nach wie vor an Trauergottesdiensten für verstorbene Kinder und Wiedersehenstreffen der Selbsthilfegruppe teil. Die Erinnerung an Emma hält die 48-Jährige bewusst lebendig. Auf einem Zierschrank im Wohnzimmer steht ein Bild von ihr. „Emma wird immer einen Platz in meinem Herzen und in unserer Familie haben. Wenn mich jemand fragt, wie viele Kinder ich habe, antworte ich, ich habe drei Kinder, zwei irdische und ein himmlisches, das uns täglich schützend begleitet.“

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