Smartphones und Fernseher : Versicherungsbetrug – kein Kavaliersdelikt

„Die häufigste Angabe lautet, das Smartphone sei dem Versicherungsnehmer auf den Steinfußboden gefallen“, sagt Heiko Wischer von der Provinzial Versicherung Nord in Kiel.
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„Die häufigste Angabe lautet, das Smartphone sei dem Versicherungsnehmer auf den Steinfußboden gefallen“, sagt Heiko Wischer von der Provinzial Versicherung Nord in Kiel.

Handys landen auf dem Boden, Fernseher fallen von der Wand: Immer mehr Menschen tricksen ihre Versicherung aus.

shz.de von
01. Juni 2014, 09:00 Uhr

Kiel/Berlin/Flensburg | Das neue High-Tech-Smartphone der Marke X ist frisch auf dem Markt – und schon gibt es das Phänomen: in einer unheimlichen Serie fallen ganz plötzlich erstaunlich vielen Menschen die Vorgängermodelle dieses Gerätes auf den Boden, gehen in Rauch auf oder hauchen ihr Leben unter Wasser aus. Einige Fälle aus dieser Flut von Schadensmeldungen stellen sich nach der Überprüfung durch die Versicherungen als berechtigt heraus. Doch oftmals reichen schon die ersten Erklärungen der Kunden von wenig plausibel bis abenteuerlich, bei näherer Betrachtung lassen sie sich schlicht unter einem Begriff zusammenfassen: Versicherungsbetrug.

Über Tendenzen oder gar Methoden bei dieser Art von Kriminalität redet man in der Branche nur ungern, groß ist die Sorge vor Nachahmern, zudem möchte man den Kunden nicht grundsätzlich kriminelle Energie unterstellen. Ein gehäuftes Auftreten von auf den Boden gestürzten Flachbild-Fernsehern kurz vor der Fußballweltmeisterschaft etwa, wie es in den vergangenen Tagen teils reißerisch über mehrere Medien berichtet wurde, hat Heiko Wischer, Sprecher der Provinzial Versicherung Nord in Kiel, nicht wahrgenommen. Beim Thema „Neues Handy“  liegt die Sache allerdings anders: „Hier beobachten wir durchaus, dass gehäuft Meldungen von Schäden an Handys eingehen, nachdem die Einführung eines neuen hochwertigen Smartphones angekündigt wurde“, sagt Wischer. „Die häufigste Angabe lautet, das Smartphone sei dem Versicherungsnehmer auf den Steinfußboden gefallen.“ Man prüfe den jeweiligen Sachverhalt dann gründlich durch Experten auf Plausibilität. „Es lässt sich so beispielsweise feststellen, ob ein Handy vielleicht nicht nur einmal zu Boden fiel beziehungsweise befördert wurde, um den gewünschten Schaden zu erzielen, sondern ob es noch ein weiteres Mal diesen Weg nahm“, formuliert Wischer sehr diplomatisch.

Wenn ein neues Smartphone auf den Markt komme, sei mit einem Anstieg der Schadensfälle in diesem Bereich zu rechnen, weiß auch Kathrin Jarosch vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Berlin. Der GDV hat Zahlen und Fakten zum Thema Versicherungsbetrug zusammengetragen, die Aufschluss über die Verbreitung geben. Demnach wird in Deutschland nirgendwo im Versicherungswesen von Seiten der Kunden so viel gelogen und betrogen, wie bei Hausrat-, Haftpflicht- und Kfz-Haftpflichtversicherung. 21 Prozent aller Deutschen stimmen laut einer vom GDV in Auftrag gegebenen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) der Aussage zu, dass es ein Kavaliersdelikt ist, wenn man die Versicherung einmal mehr bezahlen lässt als unbedingt nötig wäre. Sogar 23 Prozent glauben, dass jeder einmal eine Versicherung übers Ohr haut. Und 79 Prozent der Teilnehmer im Alter bis 29 Jahren gaben in einer GfK-Befragung an, dass sie denken, es sei relativ einfach, eine Versicherung zu betrügen.

„Versicherungsbetrug kommt in allen Schichten der Gesellschaft vor“, sagt Jörg von Fürstenwerth, Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung im GDV. Demnach gibt es sehr häufig Gelegenheitstäter, die eine Situation spontan ausnutzen, um aus einem Schaden (mehr) Geld herauszuholen, jedoch nur in selteneren Fällen professionelle Betrüger. GDV-Schätzungen zufolge liegt der Verlust durch Versicherungsbetrug in der Schaden- und Unfallversicherung bei jährlich rund vier Milliarden Euro. Davon entfallen allein rund zwei Milliarden auf die Kraftfahrtversicherung, eine Milliarde auf die Sachversicherung und etwa eine halbe Milliarde auf die Allgemeine Haftpflichtversicherung.

Laut GDV weist derzeit jeder achte bis zehnte Verkehrsunfall in Deutschland typische Anzeichen einer Manipulation auf. Unfälle würden mit Bekannten abgesprochen, vorgetäuscht oder vorsätzlich herbeigeführt. Besonders skrupellos seien die sogenannten „Autobumser“, die ahnungslose Fahrzeughalter in einen Unfall verwickeln, um dann Geld von der Autoversicherung zu kassieren.

Ein „Klassiker“ in der privaten Haftpflichtversicherung ist der manipulierte Brillenschaden. Üblich sind Anschaffungsrechnungen, die nicht zu der beschädigten Brille passen, Schäden, die nicht alle durch das tatsächliche Ereignis entstanden sind oder überhöhte Forderungen, die dem tatsächlichen Wert nicht entsprechen. Nur 57 Prozent aller gemeldeten Schäden werden auf Zeitwertbasis reguliert, der Rest stellt sich als nicht plausibel heraus beziehungsweise wird bei Nachfragen vom Antragsteller selbst zurückgezogen.

„Wir sind gegenüber der ganz großen Mehrzahl ehrlicher Kunden in der Pflicht, Betrug zu bekämpfen“, sagt GDV-Chef von Fürstenwerth. Jene müssten letztlich über steigende Beiträge für die verursachten Schäden durch Versicherungsbetrug aufkommen. Versicherer untersuchen deshalb die Schäden genau, auch Sachverständige und technische Hilfsmittel kommen bei der Bekämpfung von Versicherungsbetrug zum Einsatz. Überführten Betrügern drohen zivilrechtlich Zahlungsverweigerung durch die Versicherung, Verlust des Versicherungsschutzes und Rückforderung der bereits bezahlten Leistungen und entstandenen Kosten. Strafrechtlich können bei einer Verurteilung Geldstrafen oder Haftstrafen bis zu zehn Jahren verhängt werden.

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