Wattenmeer : Vermiest ein Krebs die Miesmuscheln?

Klein wie eine Erbse: Ein Muschelwächter-Weibchen, das vor Sylt im Watt  gefunden wurde. Foto: Nicolas Prior/Schutzstation Wattenmeer
1 von 2
Klein wie eine Erbse: Ein Muschelwächter-Weibchen, das vor Sylt im Watt gefunden wurde. Foto: Nicolas Prior/Schutzstation Wattenmeer

In einer Miesmuschel entdeckten Biologen einen Mini-Krebs. "Muschelwächter" heißt der Knirps. Er hat im hiesigen Wattenmeer nichts zu suchen, sagen die Experten.

shz.de von
08. August 2008, 01:51 Uhr

Hörnum / Kiel | Miesmuscheln aus dem Wattenmeer - lecker. Mies nur, wenn sich im Inneren der Muschel plötzlich ein kleiner, mitgekochter Krebs findet. Nicht giftig, aber unappetitlich. "Muschelwächter" heißt dieser unwillkommene Winzling. Biologen der Schutzstation Wattenmeer haben ihn jetzt im Inneren einer Miesmuschel im Watt vor Sylt entdeckt.
Erbsengroß ist der Muschelwächter - und eigentlich habe er hierzulande nichts zu suchen, sagt Rainer Borcherding (41), Diplom-Biologe bei der Schutzstation Wattenmeer. "Eine Ursache für das Vordringen der Art kann die Erwärmung des Wattenmeeres sein." In den vergangenen Jahren sei hier die Temperatur um etwa zwei Grad gestiegen.
Der Mensch hat kräftig nachgeholfen
Der Klimawandel hat zwar auch anderen Arten wie etwa der japanischen Felsenkrabbe Zugang zum Wattenmeer verschafft. Doch beim Muschelwächter habe der Mensch kräftig nachgeholfen, sagt Borcherding. "Es ist nachgewiesen, dass viele Muschelwächter in importierten Miesmuscheln von den Britischen Inseln nach Schleswig-Holstein gelangt sind."
Muscheln aus Großbritannien werden seit 2006 im Wattenmeer ausgebracht - "trotz des Risikos der Einschleppung neuer Arten und entgegen heftigen Protesten des Naturschutzes", berichtet Borcherding weiter. Und mit Erlaubnis des Landes, wie Silvia Gaus, Diplom-Biologe bei der Schutzstation, erklärt: So sei den Muschelzüchtern für den Import der fremden Schalentiere wiederholt Ausnahmegenehmigungen erteilt worden. Inzwischen habe die Schutzstation Wattenmeer gegen diesen Muschelimport beim Verwaltungsgericht Klage eingereicht. "Wegen Verstoßes gegen das Nationalparkgesetz", so Gaus.
"Das ist eine Öko-Lüge"
Rund 2000 Hektar Muschelzuchtflächen sind im Nationalpark Wattenmeer zugelassen, rund 1000 Hektar davon liegen im Watt vor Hörnum auf Sylt. 47 Prozent der gesamten Zuchtflächen im Nationalpark vor Schleswig-Holstein bewirtschaftet die "Royal Frysk Muscheln GmbH" im nordfriesischen Emmelsbüll-Horsbüll.
In dem Unternehmen kann man die Aufregung um den Muschelwächter nicht nachvollziehen. Schon gar nicht, dass der Krebs-Knirps mit den britischen Importmuscheln eingeschleppt worden sein soll. "Das ist eine Öko-Lüge", poltert Royal-Frysk-Geschäftsführer André de Leeuw (61). "Unsere Importe werden von der Fischereiabteilung des Amtes für Ländliche Räume überwacht." Den Muschelwächter gebe es überdies bereits seit 25 Jahren im Watt vor der Westküste, sagt de Leeuw.
"Es knirscht halt, wenn man auf den Panzer beißt"
Der Krebs sei nicht erst durch jüngste Muschelimporte eingeschleppt worden, "vielmehr ist er an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste seit langem bekannt", bestätigt Christiane Conrad, Sprecherin des Landesumweltministeriums. "Insofern ist auch kein Schaden eingetreten." Als "Schädling" mag auch Royal-Frysk-Geschäftsführer de Leeuw den winzigen Krebs nicht bezeichnen. "Der wohnt doch nur in der Muschel." Selbst, wenn er mitgekocht wird, "es knirscht halt, wenn man auf den Krebs-Panzer beißt", aber ansonsten sei dies kein Problem. "Lediglich fürs Auge ist dies nicht ganz so schön", räumt de Leeuw ein.
Biologe Borcherding hingegen widerspricht sowohl dem Ministerium als auch den Muschelzüchtern. Seit 22 Jahren sei er Wattführer und seit zwölf Jahren für die Artenvielfalt bei der Schutzstation Wattenmeer zuständig. "In den ganzen Jahren ist mir noch nie ein Muschelwächter untergekommen", so Borcherding. "Letzte Woche dagegen gleich zwei."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen