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Schleswig-Holstein im Zweiten Weltkrieg : Verdrängte Erinnerungen

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In die hinterste Ecke des Gedächtnisses geschoben, doch nie vergessen. Eine Momentensammlung von vier Schleswig-Holsteinern, die den Zweiten Weltkrieg er- und überlebt haben.

shz.de von
erstellt am 30.Aug.2014 | 13:32 Uhr

„Nie wieder Krieg.“

Helga Rehbehn wurde am 6. März 1924 in Flensburg geboren. Sie veröffentlichte mehrere Bücher und Gedichtbände.
Helga Rehbehn wurde am 6. März 1924 in Flensburg geboren. Sie veröffentlichte mehrere Bücher und Gedichtbände. Foto: Privat/Dewanger

Sie will unbedingt Medizin studieren, nur aus diesem Grund legte die junge Flensburgerin im Frühjahr 1943 an der Auguste-Viktoria-Schule ihr Abitur ab. 19 Jahre ist Helga Rehbehn alt, als sie sich in der Uni Göttingen einschreibt. Immer wieder versuchen die Nazis, auch ihr das Studium unmöglich zu machen. Kein Entlassungsbescheid vom Arbeitsdienst, kein Anspruch auf Lebensmittelkarten, keine Bekleidungsmarken, keine Aussicht auf einen Studienplatz, doch Helga Rehbehn verliert ihr Ziel nicht aus den Augen und setzt sich durch. Ein Semester lang kann sie studieren, dann bekommt sie eine Überweisung zur „Ableistung des Krankenpflegedienstes“ in der Diako in der Fördestadt. Jetzt ist sie als „Studentin der Fachgruppe Volksgesundheit“ registriert.

Der Tod wird nun der tägliche Begleiter der Medizinstudentin. „Zu uns kamen verwundete Soldaten mit abgetrennten Beinen und Armen, es war einfach nur furchtbar. Doch am schlimmsten war der Wundbrand. Es stank entsetzlich und wir konnten kaum etwas gegen die Schmerzen tun.“ Erinnerungen, die Helga Rehbehn bis heute begleiten.  

Helga Rehbehn funktioniert nur noch. Sie tröstet Mütter, die nach ihren Söhnen suchen, wechselt Verbände und säubert Wunden. Ab Oktober 1944 werden alle Universitäten des Landes geschlossen. Denn jeder arbeitsfähige Mensch wird jetzt für die letzte Schlacht eines bereits verlorenen Krieges eingesetzt. Ihr Studium kann die junge Frau nicht fortsetzen, sie wird in einer Flensburger Rüstungsfabrik am Munketoft dienstverpflichtet. Ihre Aufgabe: mit einem Presslufthammer Metallnieten in Flugzeugteile setzen. Ihr Medizinstudium wird sie nie mehr abschließen.

Nach ihrer Pensionierung veröffentlicht Helga Rehbehn mehrere Bücher über ihre Erlebnisse, teilweise auch in Gedichtform. „Nie wieder Krieg“, bittet die mittlerweile 90-Jährige inständig, wenn sie heute Berichte über den Gaza-Konflikt im Fernsehen sieht.  

„Krieg trifft vor allem die, die ihn am wenigsten gewollt haben.“ 

Theodor Sakmierda lebt heute noch in seiner Geburtsstadt Kiel. Er wurde am 30. Dezember 1929 geboren. Im Bild links feiert er mit seiner jüngeren Schwester Weihnachten.
Theodor Sakmierda lebt heute noch in seiner Geburtsstadt Kiel. Er wurde am 30. Dezember 1929 geboren. Im Bild links feiert er mit seiner jüngeren Schwester Weihnachten. Foto: Privat/Staudt

An den einen Tag, an dem Hitler in Polen einmarschiert, kann sich Theodor Sakmierda aus Kiel noch gut erinnern. „Die Schule fing an diesem Tag erst später an und auf den Straßen herrschte eine nahezu euphorische Stimmung.“ Der Junge ist hin und her gerissen. „Wenn das mal gut geht“, sagt sein Vater. In den ersten Monaten nach Kriegsbeginn ändert sich für den Schüler nur wenig, doch das hält nur bis zum ersten Bombenangriff auf die Stadt Kiel an. Ängste machen sich breit, die Familie wird vorsichtig. Sätze wie „Franzosen sind dreckig. Russen sind Untermenschen. Engländer sind Diebe“ gehören von nun an zum Unterricht an seiner Schule.

1944 kommt Theodor Sakmierda mit 15 Jahren in das Wehrertüchtigungslager Lockstedt. Am 18. Juli 1944, zwei Tage vor dem misslungenen Attentat auf Adolf Hitler, überbringt ihm ein Kamerad die furchtbare Nachricht: Das Wohnhaus seiner Eltern ist von einer Bombe getroffen worden. „Meine Eltern sind in dieser Zeit immer zu Hause geblieben“, erinnert er sich noch gut. Zum nächsten Bunker waren es zwölf Minuten Fußmarsch und „der konnte lange werden“. Theodor Sakmierda hält es im Lager nicht mehr aus, will wissen, was mit seinen Eltern passiert ist. Er setzt sich in den nächsten Zug Richtung Kiel, wissend, dass er damit Fahnenflucht begeht. „Ich hatte meine Kameraden darum gebeten, zu sagen, ich sei auf der Toilette, und versprach noch vor dem Frühstück zurück zu sein.“ Von seinen Großeltern erfährt er, dass sein Vater Theodor aus den Trümmern geborgen werden konnte und mit einem Lungenriss im Krankenhaus liegt. Seine Mutter Gretchen hatte es in den Bunker geschafft. Ein großer Teil des Familienbesitzes ist zerstört. „Allerdings sind meine Spielsachen heil geblieben, da sie meine Mutter zuvor in den Keller geschafft hatte.“ Gut aufbewahrt hat Theodor Sakmierda, der heute 85 Jahre alt ist, auch ein altes Fotoalbum, das von einem Bombensplitter durchbohrt wurde. Nach dem Krieg engagiert sich Theodor Sakmierda in der Politik und ist, wie sein Vater, immer ein bekennender Kriegsgegner geblieben. „Krieg trifft vor allem die,  die ihn am wenigsten gewollt haben.“

„Es war einfach  nur grausam.“

Heinrich Haase kam am 4. August 1922 in Flensburg zur Welt.  Er war lange Zeit Hafenmeister beim Flensburger Segelclub.
Heinrich Haase kam am 4. August 1922 in Flensburg zur Welt. Er war lange Zeit Hafenmeister beim Flensburger Segelclub. Foto: Privat/Dewanger

Wieder einmal heulen die Sirenen, die einen Fliegerangriff ankündigen. Wieder rennt die Familie Nissen aus Flensburg in den Keller ihres Mehrfamilienhauses. Für die zwölfjährige Tochter Christa schon fast so etwas wie Normalität. Bis auf den einen Tag, an dem tatsächlich Bomben fielen. „Wir hörten das laute Pfeifen und wussten, diesmal ist es kein Fehlalarm“, erinnert sie sich zurück. Die Nachbarn sind da, die Schwester Anneli und die Mutter. „Doch meine Mutter war so geschockt, dass sie sich vor die Tür stellte und uns nicht aus der Wohnung lassen wollte“, erinnert sich Christa, die heute Müller mit Nachnamen heißt und mittlerweile 83 Jahre alt ist. „Wir mussten sie regelrecht wegstoßen.“

Ihre Eltern versuchen, ihr und ihrer Schwester eine möglichst heile Welt zu bieten. Trotzdem sitzt das Kriegsgeschehene tief und laute Sirenen lassen sie immer noch zusammenzucken. „Es war einfach nur grausam.“

 „Wir ziehen in einen Krieg, den wir niemals gewinnen können.“

Christa Müller (geb. Nissen)  wird am 26. Januar 1931 in Flensburg geboren. Ihr Vater Jess Nissen war Soldat in Dänemark.
Christa Müller (geb. Nissen) wird am 26. Januar 1931 in Flensburg geboren. Ihr Vater Jess Nissen war Soldat in Dänemark. Foto: Privat/Voigt

Dunkelrotes, lockiges Haar hatte sein Bruder, daran kann sich Heinrich (Heini) Haase noch gut erinnern. Karl Ferdinand war der älteste von drei Söhnen. Er ist 20 Jahre alt, als er als Soldat vor Leningrad fällt. „Meine Eltern, meine Großeltern und ich haben den Hitler verflucht“, ist es dem jüngeren Bruder immer im Gedächtnis geblieben. Er selbst war zu dieser Zeit im Reichsarbeitsdienst in Polen. „Deutschland kann nie einen Krieg gewinnen, das kannst du dir an fünf Fingern abzählen“, war sich sein Vater Karl Haase, ein Flensburger Kaufmann, schon am Tag von Hitlers Machtergreifung sicher. Mit dieser Gewissheit wird Heinrich Haase im Januar 1941 zur Marine nach Belgien einberufen. „Wir sind keine Soldaten. Wir sind bei der Marine!“, sagt er damals. 

Als er im Juli 1944 seine Frau Lisa heiratet, fliegen alliierte Bomber über die Köpfe der Hochzeitsgäste. „Es war eine furchtbare Zeit, die sich nie mehr wiederholen darf.“

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