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Zollfahnder in Hamburg : Verbrechen aus aller Welt

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"Das ist eine Schattenwirtschaft": Die Zollfahnder in Hamburg und Schleswig-Holstein kämpfen nicht nur gegen Marihuana, das als Ananas getarnt wird.

shz.de von
erstellt am 31.Mär.2013 | 09:27 Uhr

Hamburg | Der lustigste Fall zuerst: Ein Zollbeamter in Zivil wird zufällig von einem Schmuggler gefragt, ob er nicht Interesse an günstigen Zigaretten hätte. Der Beamte schaltet sofort, willigt in den Deal ein und vereinbart eine Lieferung der heißen Ware. Er verschweigt, dass die Lieferadresse nicht seine private ist, sondern ein Dienstgebäude des Zolls. Aus der Warenübergabe im Hof wird so eine der einfachsten Festnahmen in der Geschichte des Zollfahndungsamtes Hamburg.

Das ist für alle Zollstraftaten in Hamburg, und Schleswig-Holstein sowie in den Häfen Bremerhaven und Jade-Weser-Port zuständig. "Den Kollegen war das fast peinlich", erinnert sich Sabine Heise an das kuriose Ereignis. Sie ist die Leiterin des Zollfahndungsamtes Hamburg und allein im Stadtstaat und in Schleswig-Holstein zuständig für die Arbeit von über 300 Zollfahndern. Die wiederum ergänzen die rund 5000 Zollbeamten im Bereich der Bundesfinanzirektion Nord, der auch Mecklenburg-Vorpommern einschließt. Heise: "Der Unterschied ist, dass die Zollbeamten die grenzüberschreitenden Warenflüsse beobachten und kontrollieren und meine Kollegen, die Beamten der Zollfahndung, bei konkreten Hinweisen auf Schmuggelware und insbesondere auch in Hinblick auf die kriminellen Strukturen ermitteln, die hinter illegalem Warenverkehr stecken.

"Alles wird bar bezahlt"

"Das ist eine Schattenwirtschaft", erklärt Heise. Wie in der realen Wirtschaft würden Waren wie die Drogen Crystal und Kath, Waffen, Produktfälschungen von Medikamenten und vieles mehr produziert, transportiert, vertrieben und vermarktet. "Der einzige Unterschied ist, dass keine Überweisungen stattfinden. Alles wird bar bezahlt." Der entscheidende zweite Unterschied: Die meisten Warenströme, mit denen Heise sich beschäftigt, sind illegal. Und hinter dem Schmuggel von Heroin, Kokain, Haschisch, Kath und Zigaretten stecken international verzahnte Organisationen - wenn es nicht in erster Linie um Drogen und Verbrechen ginge, könnte fast Reiselust aufkommen, wenn Heise von Haschisch aus Ghana, Kokain aus Südamerika, Zigaretten aus Polen, streng hierarchischen Strukturen in Russland, Umschlaghäfen in Holland und Festnahmen im englischen Birmingham berichtet.

Aber die Arbeit von "Zöllnerkind" Heise - ihre Eltern haben der 48-Jährigen die Karriere quasi in die Wiege gelegt - ist im Alltag natürlich vor allem eins: Ein hochprofessioneller Kampf gegen Kriminalität, für die Sicherheit der Bürger und die Sicherung der Staatsfinanzen. Am Hamburger Flughafen achten die Fahnder auf Personen, die in ihrem Körper Drogen schmuggeln, die sie verpackt verschluckt haben. Die Häfen in Schleswig-Holstein und insbesondere der Hamburger Hafen werden ebenfalls mit verschiedenen Einheiten überwacht. "Wir haben Ermittlungsgruppen in den Häfen, die mit Computern kontrollieren, ob es auffällige Containersendungen gibt, Spürhunde, Observationskommandos, Computertechniker, Spezialisten für Telefonüberwachung und Durchsuchungen von Computern, können Vertrauensleute und verdeckte Ermittler einsetzen und für gefährliche Festnahmen gibt es eine Spezialeinheit, die dann schwer bewaffnet Hausbesuche macht, so wie bei der Polizei das SEK."

16 Verbindungsbeamte in aller Welt

Häufig müssten im Bereich der Wirtschaftskriminalität auch solche Fragen geklärt werden wie die, ob es eine Firma im Ausland wirklich gibt, was es für eine ist, was sich hinter der Adresse verbirgt. Dabei helfen den Zollfahndern auch 16 Verbindungsbeamte in aller Welt, so wie regelmäßiger Austausch mit den entsprechenden Behörden in anderen Ländern, zum Beispiel bei gegenseitigen Besuchen. Auf ihre eigenen sprachlichen Möglichkeiten bei der internationalen Zusammenarbeit angesprochen, muss Heise lachen: "Das ist mein großes Handicap - in der Schule habe ich Latein und Altgriechisch gelernt! Ich bewundere deswegen die jungen Kollegen, die sich in zig Sprachen verständigen können."

Ein weiterer Fall zeigt beispielhaft die Abläufe einer Ermittlung: Zollfahnder im Hamburger Hafen finden eine Containerlieferung verdächtig - Ananas aus Ghana für eine Boutique in Darmstadt? Das ist komisch, denn selbst wenn Ghana bekannt wäre für Ananas-Exporte - was sollte man in einer Boutique damit anfangen? Der Verdacht geht schnell in Richtung Marihuana-Schmuggel. Die "Nase" der Beamten bestätigt sich bei der Durchsuchung am Terminal, die so durchgeführt wird, dass die Schmuggler davon nichts mitbekommen. Das ist heutzutage gar nicht mehr so einfach, denn "mittels GPS können die Schmuggler die Container-Bewegungen sehr genau nachvollziehen", erklärt Heise. Ohne die 5,5 Tonnen Drogen macht sich der Container auf seinen Weg in Richtung Rotterdam, wohin ihn holländische Händler bestellt haben. Die verkaufen aber direkt weiter, sodass der Zugriff durch die Kollegen erst erfolgt, als die englischen Käufer in Birmingham den Container öffnen. Ein Teilerfolg im Kampf gegen die Drogen, nicht mehr. "Insgesamt, so Heise, "sind heute so viele Drogen auf dem Markt, dass der Markt das im Grunde gar nicht mehr merkt, wenn wir so einen Fang machen."

Flache Hierarchien

Ein weiterer Trend beunruhigt Heise: "Wir stellen immer häufiger fest, dass Täter bewaffnet sind, auch in Bereichen, wo wir es früher nicht erwartet hätten." Beispielsweise hatte ein Hamburger, der in einer Drogenküche chemische Drogen hergestellt hat, bei seiner Festnahme eine geladenen Pistole dabei. "Wir müssen daher zunehmend an die Sicherheit der Kollegen denken", sagt Heise.

Trotz des Gefahrenpotenzials und des mühseligen Kampfes gegen die schweren Jungs aus aller Welt ist Sabine Heise von der Arbeit bei der Zollfahndung begeistert. "Wir haben bei uns einen richtig tollen Team- und Sportsgeist. Wir arbeiten mit flachen Hierarchien und keiner schielt auf den Feierabend."

Die begeisterte Leserin erklärt ihre Leidenschaft für die klassischen englischen Kriminalromane von Agatha Christie und Dorothy Sayers mit einem Lachen: "Da kriegen sie die Täter immer!" Aber eigentlich sei das ja gar nicht so ein großer Unterschied zur Wirklichkeit. Denn "auch wenn die Geschäftsmodelle illegal sind, funktionieren sie ja. Das heißt auch, dass die Leute weitermachen. Und das wiederum heißt, dass wir immer neue Chancen bekommen sie festzunehmen - es gab schon Fälle, wo wir nach 20 Jahren endlich einen Täter dingfest machen konnten." Es muss also nicht jeder Schmuggler einfach auf den Hof gefahren kommen.

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