Kiel : Verbraucherschützer mit Leib und Seele

Neue Adresse: Seit zwei Wochen hat die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein ihren Sitz in der Kieler Andreas-Gayk-Straße 15. Die Räume in der Bergstraße waren nach fast fünfzig Jahren zu klein geworden.
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Neue Adresse: Seit zwei Wochen hat die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein ihren Sitz in der Kieler Andreas-Gayk-Straße 15. Die Räume in der Bergstraße waren nach fast fünfzig Jahren zu klein geworden.

Der bundesweite Skandal um geklaute Daten - er wurde in Kiel aufgedeckt. Thomas Hagen von der Verbraucherzentrale brachte den Stein ins Rollen.

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25. August 2008, 04:41 Uhr

Kiel | Jeden Tag neue Herausforderungen - das ist es, was Thomas Hagen an seinem Job liebt. Da dürfte der 11. August so ganz nach seinem Geschmack gewesen sein. Denn an diesem Tag bezog Hagen nicht nur sein neues Büro in der Kieler Andreas-Gayk-Straße in Kiel, er brachte auch einen Stein ins Rollen, der bis heute bundesweit für Schlagzeilen sorgt.

"Callcenter sind im Besitz von Kontodaten" war die Pressemitteilung überschrieben, die Thomas Hagen an diesem Montag via E-Mail an die Redaktionen in Norddeutschland schickte. Eine Daten-CD, die dem Sprecher der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein anonym zugespielt worden war, enthielt die Namen, Adressen, Telefonnummern, Geburtsdaten und die Bankverbindungen von über 17 000 Verbrauchern, fein säuberlich zusammengetragen im gängigen Excel-Format. Offensichtlich handelte es sich um Daten, die illegal bei der Süddeutschen Klassenlotterie SKL kopiert worden waren.
"Vor allem ältere Menschen und Ausländer sind die Opfer"

Seit Hagens Pressemitteilung wurden Tag für Tag neue Missstände im Datenschutz offengelegt. Heute wissen wir: Die Namen und Adressen praktisch aller Bundesbürger sind gespeichert - leider auch in Datenbanken, auf die Kriminelle Zugriff haben. Schlimmer noch: Bei bis zu 20 Millionen Bürgern seien auch die Kontodaten bekannt, mutmaßte Datenschützer Thilo Weichert. Und wer die hat, kommt mit wenig Raffinesse an das Geld der Leute. Fehlende Kontrollmechanismen bei Banken und Sparkassen machens möglich. Hinzu kommt, dass viele Bankkunden ihre Kontoauszüge nur selten überprüfen.

"Vor allem ältere Menschen und Ausländer sind die Opfer", weiß Hagen aus der Praxis der Verbraucherzentrale. Sie bräuchten mehr Betreuung durch ihre Geldinstitute, doch die unterlägen dem Zwang zur Kostensenkung. Die "Geiz ist geil"-Mentalität und die Forderung der Kunden nach kostenlosen Girokonten ließen ihnen keinen anderen Weg.
Warum hinken Gesetze zum Verbraucherschutz immer der Realität hinterher?

Doch unter all den Anrufen, E-Mails und Briefen, die Hagen seit der Veröffentlichung erhalten hat, waren auch überraschende Mitteilungen. So wie die einer Stuttgarter Bank, die ihren 200 Kunden, deren Konten von Abbuchungen der Firma "LottoTeam" betroffen waren, einen Warnbrief schicken will.

Warum sind die Sparkassen und Banken nicht verpflichtet, bei obskuren Abbuchungen einzuschreiten? Und warum hinken Gesetze zum Verbraucherschutz immer der Realität hinterher? Thomas Hagen vermutet, dass die betroffenen Branchen Einfluss auf die Politik ausüben - mit Hilfe von Lobbyisten. Nicht nur in Berlin, sondern auch in Kiel. Das beste Beispiel ist für ihn die Energiebranche, die alles tut, um ihre Preiskalkulation nicht offenlegen zu müssen. Das zweitbeste Beispiel ist die Abschaffung der teuren 0190-Rufnummern, die Telefonkunden in den finanziellen Ruin treiben konnten. "Das hat sechs lange Jahre gedauert."
"Wir von den Verbraucherzentralen sind so etwas wie ein Sensor für Missstände"

"Es tut sich nur etwas, wenn Druck gemacht wird," ist der 57-jährige Neumünsteraner überzeugt. "Wir von den Verbraucherzentralen sind so etwas wie ein Sensor für Missstände." Und deren Mitarbeiter entlasteten mit ihrer Arbeit auch die Ermittlungsbehörden und Gerichte.

Ist der Sprecher der Verbraucherzentrale selbst schon einmal reingelegt worden? Thomas Hagen überlegt lange. "Ja, einmal bin ich doch reingefallen." Das war, als ihm nach dem Lehramts-Studium an der Pädagogischen Hochschule in Flensburg eine kapitalbildende Lebensversicherung aufgeschwatzt wurde - obwohl er als junger Referendar eine Familie am Hals und wenig Geld in der Tasche hatte. Das hat tief gesessen - so leicht lässt sich Thomas Hagen heute nicht mehr aufs Kreuz legen.

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