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Schleswig-Holsteiner vor Gericht : Vater soll eigenes Baby mit Desinfektionsmitteln vergiftet haben

vom
Aus der Onlineredaktion

Ein Mann aus Neumünster wird beschuldigt, seiner Tochter über mehrere Wochen Reinigungsmittel eingeflößt zu haben – um sie aus dem Weg zu schaffen. Er bestreitet die Tat.

Potsdam | Der Prozess gegen einen Vater wegen versuchten Mordes an seiner kleinen Tochter soll nach dem Willen der Nebenklage größtenteils ohne Öffentlichkeit erfolgen. Das Kindeswohl könne durch Schilderungen des Vaters gefährdet werden, sagte Rechtsanwältin Manuela Krahl-Röhnisch am Dienstag vor dem Landgericht Potsdam. Aufgrund bisheriger Äußerungen sei anzunehmen, dass der angeklagte Vater aus Schleswig-Holstein Familieninterna in einem schlechten Licht darstellen werde. „Er versucht, sich von den Vorwürfen reinzuwaschen“, sagte die Anwältin. Sie vertritt in dem Verfahren die Interessen des inzwischen 20 Monate alten Mädchens. Zwölf Fälle listet die Anklage auf. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft Potsdam wollte der Mann sein Kind töten, weil es ihm bei einer neuen Beziehung im Weg stand.

Die Kleine war acht Monate alt, als ihr Martyrium begann: Über mehrere Wochen hinweg soll ein Vater aus Neumünster seiner Tochter einen Gift-Cocktail verabreicht haben. Selbst als es schon im Krankenhaus lag, soll der Mann dem Kind weiter Desinfektionsmittel oder zitronensäurehaltige Reinigungsmittel verabreicht haben.

Sein Verteidiger Matthias Schöneburg weist diese Darstellung zurück: „Diese Annahme entbehrt jeglicher Grundlage“, sagt der Anwalt. Sein Mandant habe kein Motiv für die vorgeworfenen Taten. „Er bestreitet, irgendwas mit der Sache zu tun zu haben.“ Laut Schöneburg wird der 36-Jährige vor dem Landgericht Potsdam aussagen.

Die Qualen des Mädchens begannen laut Anklage am 19. März 2014 und endeten erst mehr als drei Monate später. Weil es nicht mehr zunahm und wuchs, war es in dieser Zeit in verschiedenen Krankenhäusern - erst in Schleswig-Holstein, zuletzt in Brandenburg/Havel.

Da das Kind weder essen noch schlucken konnte, wurde ihm ein Zugang zum Magen gelegt. Trotz des inzwischen „lebensbedrohlich komatösen Zustandes“ soll der Vater seiner Tochter laut Anklage über die Sonde weiter die giftigen Substanzen verabreicht haben. Bei einer Untersuchung wurde im Blut des Mädchens laut den Ermittlungsbehörden eine Alkoholkonzentration von mindestens 0,879 Promille festgestellt.

Medienberichten zufolge vermuteten die brandenburgischen Ärzte ein Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom hinter der Tat. Dabei macht ein Mensch einen anderen bewusst krank oder täuscht eine Krankheit vor. Ziel ist es, Zuwendung für sich zu erreichen. Häufig sind es Mütter, die ihr Kind auf diese Weise misshandeln.

Anfangs ermittelte die Staatsanwaltschaft Potsdam auch gegen die Mutter des Mädchens, mit der der Angeklagte zusammenlebte. Inzwischen konzentriert sich der Verdacht jedoch auf den Vater. Die Eltern waren in Verdacht geraten, weil sich der Zustand des Kindes nur in ihrem Beisein verschlechtert hatte. Abgesehen von Ärzten und Pflegepersonal waren sie die einzigen, die Zugang zu dem Mädchen hatten.

Dem heute 20 Monate alten Mädchen geht es inzwischen laut Behörden wieder gut. Es war zunächst in einer Pflegefamilie untergebracht, lebt aber mittlerweile bei der Mutter.

Vor Gericht sollen nun insbesondere Ärzte und Krankenschwestern sowie fünf Sachverständige helfen, den mysteriösen Fall zu klären. Knapp 60 Zeugen sind zunächst geladen. Die Mutter des Mädchens soll nach bisherigem Zeitplan Ende April gehört werden. Zunächst hat der Vorsitzende Richter Frank Tiemann 27 Verhandlungstage bis zum 9. Juli angesetzt.

Die Verhandlung wurde zunächst bis 11.30 Uhr unterbrochen. Bis dahin will die Kammer entscheiden, ob die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird. Staatsanwaltschaft und Verteidigung sprachen sich dagegen aus.

Hintergrund: Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom

Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom beschreibt das Erfinden oder Verursachen von Krankheiten bei Dritten, meist bei Kindern. Meist sind es die Mütter und Väter, die ihre Kinder langsam vergiften. Sie spritzen den Kindern Medikamente oder Gift, kratzen ihre Wunden immer wieder auf oder geben den Kleinen kaum Essen. Gleichzeitig schleppen sie sie wegen immer neuer Krankheiten von Arzt zu Arzt. Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom ist eine der bizarrsten Formen der Kindesmisshandlung. Sie kann zum Tod führen. Eine Erklärung für diese psychische Störung gibt es nicht. Benannt ist dieses Syndrom nach dem Lügenbaron Freiherr von Münchhausen.

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erstellt am 03.Mär.2015 | 09:58 Uhr

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