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Wenn Eltern in Haft sind : Vater hinter Gittern – Besuch in der JVA Neumünster

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jeder zweite Strafgefangene hat in SH ein minderjähriges Kind. Der Strafvollzug soll deshalb mit einer Gesetzesänderung familienfreundlicher werden. Zu Besuch in der Vätergruppe der Justizvollzugsanstalt Neumünster.

shz.de von
erstellt am 06.Sep.2015 | 11:42 Uhr

Daran erinnert sich Michael H.* noch: Seine Freundin steht auf dem Parkplatz der Justizvollzugsanstalt (JVA) Neumünster. Ein kalter Tag im Februar. Hochschwanger nimmt sie Abschied von ihm – dem zukünftigen Vater des Kindes, das in ihrem Bauch strampelt. H. tritt eine dreijährige Haftstrafe an. „Weil ich Mist gebaut habe“, sagt der 28-Jährige. Für die folgenden Meter zum Eingang in das rote Backsteingebäude fehlen ihm heute die Erinnerungen. „Es war der schlimmste Moment in meinem Leben.“ Michael H. ist einer von über 450 Vätern und Müttern, die in Schleswig-Holstein eine Haftstrafe verbüßen, während ihre Kinder ohne sie aufwachsen.

Jetzt sitzt er im Büro von Anstaltsseelsorgerin Martina Bubert. „Alle Sünder willkommen“, steht an ihrer Tür. Seit dem März 2014 betreut die Pastorin die damals neu geschaffene Vätergruppe zusammen mit einer Familientherapeutin und Abteilungsleiterin Vera Splittgerber. H. hat das Programm gerade erst durchlaufen.

Die Zahl der Teilnehmer ist begrenzt. „Wir haben immer etwa fünf Väter. Jeder soll die Gelegenheit haben, über sich und seine Familie zu erzählen“, sagt Splittgerber. Pro Gruppe gibt es fünf Treffen. Zunächst lernen die Inhaftierten sich kennen, dann gibt es einen Termin mit den Partnerinnen. Das dritte Treffen ist die Vorbereitung auf die wichtigste Sitzung: das Familientreffen. Vier Stunden dürfen die inhaftierten Väter dann mit ihren Frauen und Kindern verbringen – in einem extra Zimmer und nicht im offiziellen Besucherraum.

Nach Angaben des Kieler Justizministeriums gab es in Schleswig-Holstein im vergangenen Juni 552 Kinder und Jugendliche, von denen ein Elternteil eine Haftstrafe verbüßte. In neun Fällen waren Vater oder Mutter sogar alleinerziehend. Familiärer Besuch findet in der Regel in den großen Besuchsräumen statt. Zum Teil sind diese wie auch in Neumünster mit kindgerechten Möbeln und Spielzeugen ausgestattet.

Viele Häftlinge wünschen sich mehr Ruhe für ihre Familien. „Zu den normalen Besuchszeiten bleibt kaum Zeit. Es ist laut und man kann eigentlich nur Organisatorisches klären“, sagt H. Vor seiner Inhaftierung habe er sich um die Finanzen, das Auto und Versicherungen gekümmert. Das müsse jetzt alles seine Freundin machen. Jeden Monat darf der junge Mann in grauer Jogginghose und grünem T-Shirt drei Stunden lang Besuch empfangen.

Nach dem Willen von Justizministerin Anke Spoorendonk (SSW) sollen die Besuchsmöglichkeiten von Familienangehörigen ausgebaut werden. So sieht es der Gesetzentwurf für ein neues Strafvollzugsgesetz vor, der im Juni vom Kabinett beschlossen und dann dem Landtag zugeleitet worden ist. Dort wartet er nun auf die schriftliche Anhörung.

Nur eine Woche nach seiner Inhaftierung ist der Sohn von Michael H. zur Welt gekommen. Bei der Geburt durfte der Häftling nicht dabei sein. „Dann hätten auch Justizvollzugsbeamte im Kreissaal anwesend sein müssen“, sagt Vera Splittgerber. Die JVA habe es H. ermöglicht, einen Tag danach im Krankenhaus vorbei zu schauen und Fotos zu machen. Auf späteren Aufnahmen wird H. fehlen. Irgendwann werde sein Sohn Fragen stellen. Viele der inhaftierten Mütter oder Väter würden aus Angst vor der Reaktion ihrer Kinder Legenden erfinden, sagt Anstaltsseelsorgerin Martina Bubert: „Sie sagen ich arbeite hier, oder helfe der Polizei.“ Letztlich müsse jeder für sich selbst entscheiden, wie er damit umgehe. „Aber häufig ist es besser, die Haft nicht als Familiengeheimnis schwelen zu lassen. Es hilft, sich einzugestehen: ,Ich habe einen Fehler gemacht und der gehört zu meinem Leben.‘“

Auch der 28-jährige H. will seinen Sohn nicht belügen, auch wenn er sich vermutlich später nicht an die Haftstrafe seines Vaters erinnern werde. Nur wird sein Vater dann auch erklären müssen, welche Tat ihn hinter Gitter brachte. Das Urteil des Gerichts: schwere räuberische Erpressung. 2011 habe H. einem Freund helfen wollen, der Geld brauchte. Was er nicht gewusst haben will: Besagter Freund war drogenabhängig. Gemeinsam überfallen die beiden eine Pizzabotin. „Ich wusste nicht, dass er eine Waffe dabei hatte“, so H. Beide kommen mit der Beute – 75 Euro – davon. Das Opfer hätten sie unverletzt aber schwer traumatisiert zurück gelassen. Erst zwei Jahre später klingeln Beamte an H.s Tür. Fast zwei weitere Jahre später spricht der Richter sein Urteil.

Seine Schuld habe sich H. eingestanden und auch eine Gewaltstraftätertherapie gemacht. Ab Dezember darf er in den offenen Vollzug wechseln und damit außerhalb der JVA-Mauern arbeiten. Der 28-Jährige ist froh: „Ich will, so schnell es geht, nach Hause.“

Die vergleichsweise kurze Haftstrafe mache es leichter für die Familie, erklärt Anstaltsleiterin Vera Splittgerber. „Nicht selten fehlen die inhaftierten Partner sieben Jahre oder länger. Das ist eine extreme Belastung für Frauen und Kinder.“ Mütter hätten kaum Zeit für sich und Kinder wüssten nicht, wie sie mit der Haft ihres Vaters in der Schule umgehen sollen. Häufig werde unter diesen Umständen der Kontakt zum Vater von den Frauen abgebrochen.

Auch das hat H. schon erlebt, „dass Frauen in den Besucherraum kommen und sagen: ,Ich hab ’nen anderen‘“ – für den 28-Jährigen eine Horrorvorstellung. „Ich bin froh, dass meine Freundin trotz allem so stark zu mir hält.“ Zur Unterstützung überweise er jeden Monat 50 von den 130 Euro seines JVA-Einkommens an die Familie nach draußen. Das komme selten vor, berichtet Anstaltsseelsorgerin Bubert. Ebenso die Tatsache, dass H. jeden Tag mit seiner Familie telefoniere. Aber dadurch, so sagt es der junge Mann, fühle er sich nur zur Hälfte inhaftiert: „Es ist, als wäre ein Teil von mir immer noch zu Hause.“

*Name von der Redaktion geändert

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