Missbrauchs-Prozess : Urteil: Kinderschänder wird weggesperrt

Matthias O., fotografiert von Kinderschützern.
Matthias O., fotografiert von Kinderschützern.

Er reiste mehrfach nach Kambodscha und verging sich an Jungen und Mädchen: Dafür muss Sextourist Matthias O. jetzt sechseinhalb Jahre hinter Gitter - mit anschließender Sicherungsverwahrung.

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27. Juli 2008, 02:20 Uhr

Kiel | Ein pädophiler Sextourist aus Neumünster muss wegen schweren Missbrauchs kambodschanischer Kinder mehrere Jahre ins Gefängnis. Das Landgericht Kiel hat den mehrfach einschlägig vorbestraften 49-jährigen Matthias O. am Freitag zu sechseinhalb Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Der Vorsitzende Richter Stefan Becker bescheinigte dem HIV-positiven Mann "schwere seelische Abartigkeit". Er sei unbelehrbar und lehne jede Therapie ab. "Für seine Pädophilie kann er nichts", sagte Becker. "Aber er kann etwas dafür, wie er mit seiner Pädophilie umgeht."

Das Gericht folgte mit seinem Urteil weitgehend der Staatsanwaltschaft, die acht Jahre Haft und Sicherungsverwahrung gefordert hatte. Die Verteidigung hatte dagegen Freispruch verlangt und kündigte an, Revision beim Bundesgerichtshof zu beantragen. Da O. erklärt hatte, bei einer Freilassung Deutschland zu verlassen, verhängte das Gericht vorsorglich Haftbefehl wegen Flucht- und Wiederholungsgefahr.
"Das Verfahren war bis zuletzt offen"

Staatsanwältin Stefanie Schautz reagierte nach dem Richterspruch erleichtert: "Ich bin zufrieden und hoffe, dass das Urteil Bestand haben wird", sagte sie. "Das Verfahren war bis zuletzt offen." Der hagere Angeklagte zeigte erstmals in dem acht Monate dauernden Prozess eine sichtbare Regung: Er schnappte bei der Urteilsverkündung mehrfach laut und tief nach Luft, bevor er sich wieder setzte.

Die Wende brachten Aussagen eines heute achtjährigen kambodschanischen Jungen und seiner Mutter, die zusätzlich geladen worden waren. Beide Zeugen schilderten sexuelle Übergriffe des Angeklagten auf den damals Sechsjährigen und andere kambodschanische Jungen in Sihanoukville. Dort war der Sextourist mit einem roten Motorrad auf der Suche nach Kindern unterwegs - und dabei Kinderschützern aufgefallen. Den Aussagen zufolge hatte O. dem Sechsjährigen in eindeutiger Weise an die Hose gefasst. Er ließ erst ab, als die Mutter dazwischen ging. In mehreren anderen Fällen kam es zum Oralverkehr.
Die Vernehmungen waren teilweise gegen jede Regel der Kunst"

Während der Beweisaufnahme waren Zweifel an den Aussagen weiterer kambodschanischer Jungen aufgekommen. Sie hatten zwar den Angeklagten schon in Kambodscha auf Fotos wiedererkannt, doch ihre Befragung durch Kinderschützer in Sihanoukville genügte nicht deutschen Rechtsstandards. "Die Vernehmungen waren teilweise gegen jede Regel der Kunst", sagte Richter Becker. Die Kinder waren daraufhin - zum ersten Mal für ein deutsches Gericht - für den Prozess nach Kiel eingeflogen worden, wo sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit angehört wurden.

Der 49-Jährige habe sich in dem armen südostasiatischen Land offenbar sicher gefühlt und geglaubt, er könne dort ungestört seinen Neigungen nachgehen, sagte der Vorsitzende Richter. Doch der frühere Berufsmusiker und Sänger einer Teenie-Band fiel den Kinderschützern auf, die ihn observierten und den Fall ins Rollen brachten. Der Adoptivsohn eines Bankers war mit gefälschtem dänischem Pass auf Umwegen nach Kambodscha gereist, nachdem ihm der deutsche Pass entzogen worden war. Wegen der Passfälschung verbüßt er noch bis August eine Haftstrafe. Er hatte im Gefängnis sogar schriftlich erklärt, dass er seine pädophilen Neigungen trotz gesetzlicher Verbote in jedem Falle ausleben wolle und sich durch nichts abhalten lasse.
"Dem Sextourismus muss ein Riegel vorgeschoben werden"

Die Deutsche Kinderhilfe begrüßte das Urteil. Sicherungsverwahrung sei die derzeit bestmögliche Entscheidung, Kinder vor solchen Triebtätern zu schützen. Trotz sieben Vorstrafen wegen sexuellen Missbrauchs habe das Gericht erst jetzt erkannt, dass "dieser Straftäter für potenzielle Opfer eine tickende Zeitbombe" sei.

"Dem Sextourismus und der sexuellen Ausbeutung von Menschen in wirtschaftlicher Not muss ein Riegel vorgeschoben werden", sagte die Vorsitzende des Kinderschutzbundes Schleswig-Holstein, Irene Johns. Südostasien sei eines der Hauptgebiete der sexuellen Ausbeutung von Kindern. "Existenzielle Armut, Korruption und Kinderhandel bilden hier die Grundlage für einen intensiven Sextourismus."

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