150 Jahre DGZRS : Unterwegs mit den Seenotrettern: Über Leichtsinn und echte Extremsituationen

Die Seenotretter proben den Ernstfall.
Die Seenotretter proben den Ernstfall.

Die deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger feiert 150-jähriges Bestehen. Grund genug, mit den Rettern eine Schicht zu absolvieren.

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25. Mai 2015, 19:09 Uhr

grossenbrode | Es gibt Tage, da passiert – nichts. Buchstäblich. Da sind die Männer auf dem Seenotrettungskreuzer „Bremen“ zum Nichtstun verdammt. Vormann Sven-Eric Carl sitzt mit seiner Mannschaft im Aufenthaltsraum, die Kaffeepause fällt heute ein wenig länger aus. Carl nimmt einen Schluck aus seinem dicken Kaffeebecher: „Es kann auch mal sein, dass wir hier zwei Wochen im Startblock stehen und hm...“ Er zieht die Achseln hoch, bläst Luft aus den Backen. Der Frust des Wartens wird spürbar.

Dabei ist es eigentlich gar nicht gut, wenn Carl und seine Männer arbeiten sollen, denn dann ist Menschenleben in Gefahr. Auch wenn der Anlass erst einmal eher nichtig erscheint. Das Meer rund um Fehmarn ist das Einsatzgebiet von Carl, seinem Maschinisten Andreas Pirwitz, und den Nautikern Heinz Reipschläger und Frank Lietzow. Zwei Wochen tun die Männer Dienst am Stück, der Springer der jeweiligen Schicht sogar drei, dann werden sie ausgetauscht. Die Bremen ist rund um die Uhr besetzt und einsatzbereit. Im Hintergrund läuft permanent der Funkbetrieb mit, damit die Männer ihren Einsatz sofort hören können. „Das funktioniert sogar nachts, wenn wir hier an Bord schlafen“, sagt Carl. Er schlafe zwar, aber irgendwie könne er immer hören, wenn es losgehe und sei dann auch sofort wach. „Weiß nicht, ob das die Stimme des Funkers ist, die dann etwas anders klingt“, es funktioniere jedenfalls.

Es ist bei Wassersportlern und Urlaubern beliebt, weshalb die Männer vor allem Freizeitsportlern aus der Not helfen. Und das häufig nachts.

Das Seegebiet rund um Fehmarn gilt als leicht – und das kann gefährlich sein. Die Männer rund um Carl sind voller Geschichten dazu. Die Nachteinsätze gehören dazu. „Och“, meint Lietzow, „das liegt daran, dass die den Tag über rausschippern, die Sonne genießen – und wenn die dann abends weg ist, fällte denen wieder ein, dass sie ja noch nach Hause müssen“. Aber wo das sei, wüssten sie nicht mehr. Oder aber der Wind ist weg, wie das in den Abendstunden ja häufiger vorkomme. „Dann wollen die den Motor anwerfen, der springt nicht beim ersten Mal an, weil sie ihn ja schon länger nicht gewartet haben, und schon ist die Panik da.“ Schließlich würden die Retter dann gerufen, um das Boot in den Hafen zu ziehen. „Da fangen die Leute an, Erfahrungen zu machen“, kommentiert Carl trocken.

„Oder die fahren auf Grund und reißen sich den Unterboden auf“, sagt Lietzow. Anstelle von Seekarten hätten die Leute heute oft ihr Handy zum Navigieren an Bord und guckten mehr darauf als auf die See vor ihnen. „Und dann sehen die eben nicht, dass das Meer plötzlich heller, dann kurz schwarz und dann wieder heller wird“, ergänzt Carl. Das würde ihnen die Untiefe anzeigen können. So aber fahren sie auf Grund und schlagen Leck. Direkt vor dem Heimathafen der Bremen in Großenbrode gegenüber von Fehmarn ist so eine Stelle.

120 bis 140 Einsätze fahren die Männer auf der Bremen im Jahr, insgesamt sind es bei der DGzRS jährlich rund 2000. Etwa ein Viertel der Großenbroder Einsätze haben mit Surfern zu tun, die sich überschätzt haben und nun nicht mehr an Land kommen. „Neulich hatten wir einen“, erinnert sich Lietzow, „der war so fertig, der wusste noch nicht einmal mehr, wo oben und unten ist.“

Und dann sind da auch noch die Fähren und die Fehmarnbelt-Brücke. Beide locken Selbstmörder an, die die Männer von der DGzRS dann suchen müssen. Ihr letzter Einsatz dieser Art war Weihnachten vergangenen Jahres. „Der Mann hatte seine Frau angerufen und ihr gesagt, er stehe jetzt auf einer dieser Skandinavienfähren und würde springen“, berichtet Carl. Welche das genau sei, sagte er nicht. Das musste erst ermittelt werden, ebenso dann im Anschluss die ungefähre Position der Fähre zum Zeitpunkt des Anrufs. Beides gelang. Gefunden haben die Männer den Mann dennoch nicht mehr.

Aber nun ist es erst einmal Zeit, mit der Arbeit weiterzumachen. Nachdem der Motor vor dem Kaffee gecheckt wurde, soll nun die Löschanlage überprüft werden. Die SK Bremen läuft aus.

Vor Großenbrode stoppt Carl und gibt den Befehl „Wasser marsch“. 33.000 Liter werden nun pro Minute angezogen und mit 10 Bar wieder abgegeben. Die Kraft, die dadurch freigesetzt wird, würde die Bremen mit einer Geschwindigkeit von acht bis neun Knoten (etwa 15 km/h) rückwärts fahren lassen, weshalb Carl mit den beiden Seitenmotoren gegensteuert. An Backbord und Steuerbord schießen nun zwei Fontänen zwölf Meter weit über die ruhige Ostsee, unter ihr bilden sich zwei Regenbögen. Malerisch.

Doch der Ernstfall sieht anders aus. Maschinist Pirwitz hat ihn erlebt, er war an der „Lisco Gloria“ vor vier Jahren mit im Einsatz. Am 9. Oktober 2010 war die 200 Meter lange litauische Fähre sechs Seemeilen vor Fehmarn mit 236 Menschen an Bord in Brand geraten. Pirnitz war mit im Löscheinsatz. „Ich war damals noch in Maasholm stationiert“, berichtet er. Als sie an der Fähre angekommen seien, habe die schon gebrannt. Aber noch nicht voll. „Doch die Hitze war schnell so groß, dass die Lkw an Bord einer nach dem anderen explodiert sind.“ Das Feuer habe sich rasch vorgearbeitet. Prinitz und seine Mannschaft waren zeitweise nur damit beschäftigt, die Außenhaut der Fähre zu kühlen, damit sich das Feuer nicht hindurchfrisst und das Schiff sinkt. Am Ende konnten alle 236 Menschen gerettet werden, darunter eine Schulklasse. Seenotretter, Marinefahrzeuge, Bundespolizei sowie Fracht- und Fährschiffe waren dabei im Einsatz. Als Brandursache wurde ein technischer Defekt ausgemacht.

Von dieser Aufregung ist an diesem sonnigen Frühlingstag wenig zu spüren. Es gibt so Tage, da passiert – nichts. Buchstäblich. Und so testen die Männer der „Bremen“ ihren Seenotrettungskreuzer auf seine Leistungsfähigkeit.

Sie interessieren sich für die Arbeit der Seenotretter? Dann ist vielleicht auch unserer Multimedia-Reportage über die DGzRS auf Helgoland etwas für Sie. Sie finden die Reportage unter helgoland.shz.de
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