Kommentar : Unter die Räder geraten

Nach der Fragebogenaktion zur Belastung an G8- und G9-Gymnasien gehen die Schüler schon wieder im politischen Streit unter. Ein Kommentar von Tilmann Post.

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11. Oktober 2013, 07:34 Uhr

Wenn Schüler über Kopfschmerzen, Schlafbeschwerden, psychische Probleme und Essstörungen klagen, ist das ernst zu nehmen – keine Frage. Laut der Umfrage der Landesschülervertretung und des Landeselternbeirats der Gymnasien sind diese Probleme auf den Schulalltag zurückzuführen. Gymnasiasten, die ihr Abitur nach nur acht Jahren anstreben, liegen bei einigen Beschwerden vor ihren Mitschülern aus dem G 9-Zweig. Insgesamt sind die Ergebnisse der Umfrage aber mit Vorsicht zu genießen. Bei den Antworten handelt es sich um den subjektiven Eindruck der Schüler, der nicht medizinisch belegt ist. Zudem weist der Fragebogen methodische Mängel auf: Er nimmt zum Beispiel vorweg, dass es der Schulalltag ist, der die Beschwerden hervorruft. Insofern ist das Datenmaterial nur eingeschränkt belastbar. Auch nicht, weil die Verfasser Angaben über die Auswahl der Befragten schuldig bleiben. Vielleicht haben eben genau diejenigen Schüler bevorzugt an der Umfrage teilgenommen, die ihre Beschwerden gerne kund tun wollten.

Die Grundlage ist also dünn, auf der nun wieder um G 8 gestritten wird. Die Koalition sieht sich in den Ergebnissen der Fragebogenaktion bestätigt: Bildungsministerin Waltraud Wende war nur etwas besorgt, sie verlor jedoch kein Wort darüber, dass ihr deshalb Zweifel an G 8 kommen. Die CDU hingegen ist alarmiert – sie hatte ohnehin für die Wahlfreiheit zwischen acht und neun Jahren bis zum Abi plädiert.

Die Schüler drohen aber einmal mehr unter die Räder des politischen Streits zu kommen: Mit ihrer Fragebogenaktion haben sie eindeutig darauf hingewiesen, dass sich viele von ihnen überfordert fühlen. Das zeigt, dass noch lange nicht alles rund läuft mit G 8. Nun liegt es an der Bildungsministerin, sich dem Problem zu widmen. Ein erster Schritt wäre die methodisch sichere Prüfung, ob die Belastung der Abiturienten im Land zu groß ist. Das ist die Ministerin den Gymnasiasten schuldig. Erst nachdem sie sich unvoreingenommen den Sorgen der Schüler gestellt hat, kann sie die Grundsatzfrage nach G8 oder G9 beantworten.

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