Testbetrieb im Kreis Schleswig-Flensburg : Umstritten: Gigaliner auf der B201

So könnte es bald auch im Kreis aussehen: Ab Frühjahr sollen die rund 25 Meter langen Gigaliner testweise über deutsche Straßen rollen - unter anderem über die B201. Foto: DPA
So könnte es bald auch im Kreis aussehen: Ab Frühjahr sollen die rund 25 Meter langen Gigaliner testweise über deutsche Straßen rollen - unter anderem über die B201. Foto: DPA

Die Strecken für den Feldversuch mit überlangen Lkw stehen fest - und entfachen heftige Debatten. Dänische Unternehmen haben großes Interesse am Test in Schleswig-Holstein.

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22. Oktober 2011, 10:47 Uhr

Schleswig-Flensburg | Für die einen sind sie "Monstertrucks", für die anderen ein sinnvolles Mittel, dem wachsenden Güteraufkommen auf deutschen Straßen auf energiesparende Weise zu begegnen: "Gigaliner". Sie sollen, so haben es die Verkehrsminister der Länder in diesem Monat beschlossen, demnächst im Rahmen eines mehrjährigen Tests über die Straßen rollen. Auch im Kreis Schleswig-Flensburg befinden sich Routen, die, vom Verkehrsministerium des Landes nach Berlin gemeldet, als Teststrecke dienen werden. Vor allem auf der Bundesstraße 201 dürften Autofahrer zukünftig vor neuen Herausforderungen stehen.
Die Hauptverkehrsader durch den Kreis ist zweifellos die A7, und sie wird auch den Löwenanteil des täglichen Gigaliner-Aufkommens verkraften müssen. Sie ist von der dänischen bis zur österreichischen Grenze für den Versuch mit den bis zu 25 Meter langen Lastwagen freigegeben. Für den übrigen Autoverkehr ist das recht unproblematisch: Zwei herkömmliche Lkw hintereinander oder ein Gigaliner - beim Überholen auf der linken Spur macht das keinen Unterschied. Für die Spediteure schon.
Giganten sollen bis zu 30 Prozent Sprit einsparen
Denn sie können mit einer Zugmaschine deutlich mehr Fracht bewegen. Deshalb argumentieren sie nicht nur mit ökonomischen, sondern auch mit ökologischen Vorteilen der Kolosse. Wenn zwei Gigaliner so viel Ware transportieren wie drei normale Lkw, dann spare das jährlich 127.350 Kilogramm CO2 ein, 45.000 Liter Diesel würden weniger verfahren, rechnet etwa der Neumünsteraner Speditions-Geschäftsführer Henning Voigt. Das entspreche einer Verringerung um je 30 Prozent.
Voigt bewegt schon seit geraumer Zeit (inzwischen drei) Gigaliner in Richtung Büdelsdorf, auf einer Strecke, die vom Land eigens dafür freigegeben worden ist. Auch eine dänische Spedition hat seit 2008 eine Sondergenehmigung für den Betrieb eines Gigaliners in Schleswig-Holstein. Wie viele Speditionen im Norden sich mit Lang-Lkw am Pilotvorhaben beteiligen werden, ist bislang unklar. Im Verkehrsministerium werden derzeit Anträge gesammelt. Dass dies eine verlockende Alternative zum herkömmlichen Lkw sein könnte, verdeutlicht Dr. Thomas Rackow, Geschäftsführer des Fachverbandes Spedition und Logistik (FSL) und des Verbandes Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung Schleswig-Holstein (VGL). Wenn man drei Lkw durch zwei Lang-Lkw ersetzen könne, rechne sich das bei einer Abschreibungsdauer von sechs Jahren für den Unternehmer sehr schnell, sagt er.
Unübersichtlich und kurvig: "Testfahrten auf der B201 zu riskant"
Großes Interesse am bundesweiten Pilotprojekt zeigen indes dänische Spediteure. Ihnen ist der Gigaliner-Betrieb vertraut, nördlich der Grenze gehören sie vornehmlich auf den Autobahnen und Verbindungsrouten zu den Logistikzentren zum Verkehrsalltag. Jørn Henrik Carstens vom dänischen Branchenverband ITD (Padborg): "Es sind derzeit ungefähr 20 Unternehmer, die interessiert sind." Da sie allerdings mit ihren dänischen Lkw-Kolossen aufgrund unterschiedlicher technischer Auflagen nicht einfach auf deutschen Straßen fahren dürfen, glaubt Carstens nicht, dass sie alle tatsächlich in den deutschen Gigaliner-Verkehr einsteigen werden. Denn möglich sei dies vornehmlich jenen Unternehmen, die bereits Niederlassungen auf deutscher Seite haben oder mit deutschen Spediteuren kooperieren.
Ob sie mit ihren Giganten allerdings außer auf der A7 auch jemals auf der B 201 unterwegs sein werden, ist fraglich. Von verschiedenen Seiten werden Zweifel angemeldet, ob die Strecke zischen Silberstedt und Kappeln für den Testbetrieb taugt. Ulrich Klaus Becker aus Schleswig, ADAC-Vizepräsident für Verkehr und direkt an der kritischen Ausgestaltung des bundesweiten Projektes beteiligt, erklärt, dass der Automobilclub dem Feldversuch zwar grundsätzlich positiv gegenüber stehe, betont aber entschieden: "Eine Strecke wie die B 201 kann man eigentlich nur in die Liste aufnehmen, wenn man Gegner des Feldversuches ist." Unübersichtlich, kurvig - auf dieser Bundesstraße sei jedes Überholmanöver mit einem erhöhten Risiko behaftet. Becker rechnet vor: Wer einen Gigaliner (80 km/h) mit 100 km/h überholt, der braucht eineinhalb Sekunden - oder 50 Meter - länger als bei einem normalen Lkw.
Das beunruhigt auch den Gemeindetags-Vorsitzenden im Kreis, Hans Werner Berlau. Zwar sei der Feldversuch im Gremium noch nicht thematisiert worden, er betont dennoch den hohen Anteil landwirtschaftlichen Verkehrs. Wenn sich auf der B 201 Gigaliner an Traktoren reihten, sei an ein gefahrloses Überholen überhaupt nicht mehr zu denken.

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