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Statt Maca, Quinoa oder Bio-Baobab : Übernatürliches Superfood wächst auch in SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Alle Jahre wieder kursiert ein neues „Superfood“. Dabei muss man seine kulinarischen Superhelden gar nicht von anderen Kontinenten einfliegen lassen: Sie wachsen auch vor der Haustür.

shz.de von
erstellt am 06.Apr.2015 | 16:16 Uhr

Diese Geschichte beginnt unverhofft auf dem Fußboden eines Bio-Supermarktes. Auf dem verlorenen Zettel, der kaum größer als eine Visitenkarte ist, steht in weiblicher, winziger, aber gut lesbarer Handschrift: Quinoa, Eier, Quark, Ingwer, Tomaten, Cashewnüsse, Kokosöl, Vollkornbrot, Riesling, Bienenwachskerzen. Vermutlich plant die Schreiberin einen romantischen Abend mit einem leichten Tomaten-Quinoa-Salat mit Cashewnüssen und etwas Kokosöl. Sie muss eine ambitionierte Hobbyköchin, vielleicht sogar Ernährungsberaterin sein, stehen doch nicht weniger als vier so genannte Superfoods auf ihrer Einkaufsliste.

Im Supermarkt selbst nimmt der Lifestyletrend seinen Lauf. Seit einigen Wochen gibt es dort eine neue Abteilung. Ein Schild über den Regalen soll helfen, sich zurechtzufinden: Superfood. Und manchmal stehen Kunden davor und machen sich über den Namen ein wenig lustig. „Wenn ich das jeden Tag esse, bekomme ich dann Superkräfte?“ Doch Woche für Woche scheint das Sortiment zu wachsen: Weizengraspulver, Maca, Chlorella- und Spirulina-Algen, Hanf- und Chia-Samen. Rohschokolade-Riegel. Açai- und Aronia-Beeren, Camu-Camu und Moringa. Mesquite, Carob und Lucuma. Unbehandelter Bio-Baobab aus Simbabwe – alles in Rohkostqualität, alles Lebensmittel, die besser, reiner und gesünder als andere Produkte sein sollen. Fremde Namen, die nach Dschungel klingen, die ein bisschen Abenteuer in den kulinarischen Alltag bringen – doch was macht man damit?

Am Ausgang des Marktes liegen kostenlose Rezeptbüchlein, die helfen sollen. Darin ein Tropischer Cashewdrink, Quinoa-Pizza und der Açai-Beauty-Dream. Und Hinweise wie: „Unerhitzte Speisen und Getränke wie auch Superfoods dürfen gerne öfter auf den Tisch kommen!“ Und plötzlich ertappt man sich eines Morgens dabei, wie man sein tägliches Müsli mit gepufftem Quinoa, Goji-Beeren, Chia-Samen und Topinambursirup isst, ohne eigentlich zu wissen, warum man das tut.

Chia-Samen werden gerne in Joghurt gemischt. Sie enthalten viele Antioxidantien, Kalzium, Kalium, Eisen, Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren.
Chia-Samen werden gerne in Joghurt gemischt. Sie enthalten viele Antioxidantien, Kalzium, Kalium, Eisen, Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren. Foto: Imago/Westend61

Superfood? Das klingt wie ausgedacht, irgendwie künstlich und so gar nicht gesund – wie eine Erfindung der Medien oder wie ein lukratives Geschäftsmodell einer Lebensmittelfirma. 2012 schaffte es der Begriff in den USA auf die Liste der Unwörter des Jahres. Doch warum muss man einem Nahrungsmittel überhaupt einen Superlativ verpassen? Spricht dieser seltsame Umgang nicht viel mehr für ein eher schwieriges, vielleicht sogar gestörtes Verhältnis zum Essen?

Dass in nicht allen, aber in vielen Superfoods – auch aus ernährungswissenschaftlicher Sicht – durchaus Potenzial steckt, ist bewiesen. Die meisten Produkte bekommen ihr Super-Label und ihren gesundheitsfördernden Mehrwert aus Vitaminen und Antioxidantien – Moleküle, die freie Radikale abfangen, die unsere Körperzellen schädigen. Also rangeln die Superfoods oft in Online-Rankings um den ersten Platz, wenn es darum geht, wie schnell ein Lebensmittel freie Radikale neutralisiert. Das kann Matcha-Grüntee besser als Goji-Beeren, die den Granatapfel übertrumpfen, der wiederum Blaubeeren und Açai toppt.

Es gibt Superfoods, die besser sind als Superfoods, wo der Superlativ längst nicht mehr langt – Hyperfoods sozusagen: Elfmal so viel Calcium wie Kuhmilch, fünfmal so viel Eisen wie Spinat und Brokkoli, viermal so viel Vitamin B1 wie Vollkornweizen, siebenmal so viel Vitamin C wie Orangen und genau so viel Zink wie die reichsten Zinkquellen tierischen Ursprungs – welches Superfood könnte das wohl sein? Gerstengras! Hätten Sie es gewusst? Viele dieser nun in Europa und den USA modern gewordenen Zutaten kommen aus Südamerika. Man muss Deutschland allerdings nicht verlassen, um gesunde Zutaten zu bekommen. Auch bei uns gibt es viele einheimische Superfoods, wenngleich ihr Starstatus nicht ganz so super wie der der Exoten ist.

Brennnesseln sind nicht sexy, aber ein sehr gutes Beispiel dafür, was vor allem Wildpflanzen für die Gesundheit und die kulinarische Vielfalt tun können – genauso der saftige und bittersüße Löwenzahn, Enzian oder Pestwurz, der vitaminreiche Grünkohl, Heidelbeeren oder auch Hanfsamen. Ob Superfoods auch supergesund sind, ob sie gar die gehobene Gastronomie revolutionieren oder bald in jeder Küche Einzug halten, wird jeder Kunde und jeder Koch für sich herausfinden müssen.

Vor einigen Monaten habe ich übrigens einen weiteren verlorenen Einkaufszettel gefunden. Im selben Supermarkt. Er lag in einem der Wagen. In wunderschöner Handschrift stand darauf: Bier, Rotwein, 12 Eier, Backpulver, Rohrzucker, Obst, Vanillejoghurt. Es war kurz vor Weihnachten. Und von exotischem Superfood war keine Spur mehr.

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