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Schüsse im Finanzamt Rendsburg : Übergriffe im Amt: Die Angst sitzt mit im Büro

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In den Ämtern in SH kommt es fast täglich zu Übergriffen. Mancherorts schützen Sicherheitsdienste die Mitarbeiter.

von
erstellt am 06.Sep.2014 | 16:51 Uhr

Knapp eine Woche nach den tödlichen Schüssen von Rendsburg ist die Tat immer noch unfassbar. Im Finanzamt wurde am Montag ein Mitarbeiter (58) erschossen. Der Schütze (55), selbstständiger Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, machte das Rendsburger Finanzamt für seine materiell schwierige Lage verantwortlich. Er war – nicht nur dem Amt – als Querulant und Hitzkopf bekannt. Die Tat kam dennoch überraschend. Ebenso wie die tödliche Messerattacke eines Lkw-Fahrers (57) auf eine Sachbearbeiterin der Führerscheinstelle Schleswig im April 2013. Die 37-Jährige hatte dem Mann keine Fahrerlaubnis ausgestellt, weshalb er in ihr Haus in Lürschau eindrang, sie würgte und schließlich erstach.

Eine Umfrage von Schleswig-Holstein am Sonntag unter den Ämtern des Landes zeigt, dass es nicht selten zu Übergriffen gegen die Mitarbeiter kommt. Glücklicherweise allerdings bleibt es meist bei verbaler Gewalt, besonders an den Jobcentern des Landes kann es für die Mitarbeitenden bisweilen ungemütlich werden. „Seit 2005 hatten wir häufiger Fälle von verbaler Gewalt“, berichtet Claudia Remark, Geschäftsführerin des Jobcenters Flensburg. „Ein paar Mal ist es auch zu körperlicher Gewalt gekommen.“ Ein Mitarbeiter sei einmal von einem Kunden geohrfeigt, ein anderer sei mit einem Gegenstand beworfen worden. Im Jobcenter Eckernförde komme es „maximal fünfmal im Jahr“ zu körperlichen Übergriffen auf die Mitarbeiter, versucht dessen Leiter Hendrik Utrajczak zu beschwichtigen. Im Husumer Sozialzentrum sind laut Holger Delfs, Leiter des Zentrums, „Handgreiflichkeiten keine Seltenheit“. Zirka alle zwei Wochen müsse die Polizei anrücken, weil einem Klienten mit Argumenten nicht mehr beizukommen sei. Und: „Verbale Auseinandersetzungen gibt es täglich.“

Das Schleswiger Center weiß hingegen nur von verbalen Übergriffen zu berichten. Und für Neumünster räumt Jobcenter-Geschäftsführer Thorsten Hippe ein: „Es gibt schwierige Kunden, und wir nehmen jede auch nur leichte Beleidigung oder ausgesprochene Bedrohung ernst.“ Es handele sich aber um absolute Einzelfälle. Bei rund 200 bis 600 täglichen Kundenkontakten habe man im vergangenen Jahr „vielleicht zehn Hausverbote gegen Antragsteller ausgesprochen“.

Absolute Einzelfälle. Mit Sicherheit. Aber diese können es in sich haben. So musste das Husumer Kreishaus im vergangenen Jahr sogar einmal ein Sicherheitsunternehmen beauftragen, wochenlang in einem Flur des Kreishauses Posten zu beziehen, um einen Mitarbeiter vor einem extrem aggressiven Bürger zu schützen, der mutmaßlich im Besitz illegaler Waffen war, wie Kreispressesprecher Hans-Martin Slopianka berichtet.

Doch was tun die einzelnen Ämter, um ihre Mitarbeiter vor den Übergriffen der Bürger zu schützen? Zunächst einmal haben sie alle einen über die Computertastatur auszulösenden stillen Alarm installiert, der, sobald er gedrückt wird, die umliegenden Mitarbeiter um Hilfe anruft. Zudem haben einige Ämter – wie das Jobcenter und die Stadtverwaltung Neumünster sowie das Husumer Sozialzentrum – Verbindungstüren zwischen den einzelnen Büros, um den Mitarbeitenden die Flucht zu erleichtern. In der Schleswiger Kreisverwaltung sollen solche Türen nun eingebaut werden.

Sicherheitsdienste werden am Amtsgericht Neumünster und am Jobcenter Flensburg beschäftigt, auch Husum hat auf einen solchen, wie berichtet, schon einmal im Kreishaus zurückgegriffen. Kiel kündigte Anfang des Jahres an, das Jobcenter durch einen Sicherheitsdienst bewachen lassen zu wollen.

Sicherheitsschleusen wie am Flughafen wird es in Zukunft am Amtsgericht und Oberlandesgericht in Schleswig geben – beschlossen wurde dies bereits vor zwei Jahren, nachdem im bayerischen Dachau ein Angeklagter während der Strafverhandlung den Staatsanwalt erschossen hatte.

Die Kreisverwaltung Schleswig hingegen lehnt solche Sicherheitsschleusen strikt ab: „Sicherheitsschleusen wird es bei uns nicht geben“ erklärt Landrat Wolfgang Buschmann. „Das Kreishaus ist ein offenes Haus für die Bürger.“ Sicherheit contra Offenheit und Bürgernähe? Auch die Geschäftsführerin des Flensburger Jobcenters, Claudia Remark, sieht hier ein Dilemma, bei dem das Bedürfnis nach Sicherheit dem Wunsch nach einem offenen Haus gegenübersteht. Remark: „Wir wollen für die Kunden da sein – und uns nicht abriegeln.“ Weshalb in Schleswig-Holsteins Ämtern vor allem auf Deeskalationstrainings für die Mitarbeiter gesetzt wird. Sie sollen lernen, eine Situation zu entschärfen, bevor es zum Äußersten kommt.

Entsprechend sind auch die Reaktionen aus der Politik auf die Rendsburger Bluttat vom Montag – auch wenn es hier erste leise Töne des Umdenkens zu geben scheint. So erklärte Finanzministerin Monika Heinold (Grüne) nach der Tat: „Wir wollen, dass die Bürger und Bürgerinnen leicht zugängig die Behörden erreichen können“, betonte sie. Nun müsse man aber „diskutieren, ob wir etwas verändern müssen“. Doch Innenminister Andreas Breitner (SPD) räumt ein: „Es gibt keine Vollkaskoversicherung gegen solche Risiken.“ Es sei ein Spagat, offene, barrierefreie Behörden für Menschen anzustreben und zugleich mit Schutzmaßnahmen oder Besucherkontrollen für mehr Sicherheit der Mitarbeiter zu sorgen.

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