Travemünde : Überfall auf Geldtransporter nach vier Jahren aufgeklärt

Die 28 geraubten Geldkassetten: Die 160.000 Euro sind verprasst.
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Die 28 geraubten Geldkassetten: Die 160.000 Euro sind verprasst.

Es war ein filmreifer Coup: Der Fahrer eines Geldtransporters hatte einen Überfall auf sein Fahrzeug fingiert und die Beute eingeheimst. Jetzt flog seine Tat auf.

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13. Juni 2010, 04:35 Uhr

Lübeck | Zwei maskierte Männer, ein Geldtransporter der Deutschen Bahn, 160.000 Euro Beute. Fast vier Jahre lang fahndeten Ermittler nach den Tätern eines Raubüberfalls in Lübeck-Travemünde. Jetzt endlich hatten die Beamten Erfolg - wie so oft in der jüngeren Geschichte der Kriminalistik dank einer DNA-Spur. Mehr als überraschend aber ist das Geständnis: Der Überfall sollte lediglich echt aussehen, niemanden in Gefahr bringen. Doch Ganoven haben keine Ehre, und so gibt es eine junge Frau, die bis heute unter dem vorgespielten Raub leidet.

Es passierte am 16. Oktober 2006 um 13.50 Uhr: Zwei Kuriere der Deutschen Bahn, der Fahrer (33) und seine Kollegin (23), holten die Geldkassette aus dem Fahrkartenautomaten am Hafenbahnhof in Lübeck-Travemünde. Es war beinahe das Ende ihrer Tour, in ihrem Mercedes-Sprinter stapelten sich bereits die vollen Kassetten etlicher anderer Bahnhöfe.
Gefesselt und geknebelt

Olaf Obenaus, Leiter des Kommissariats 12 in Lübeck: "Als die junge Frau die Kassette aus Travemünde in den Mercedes reichen wollte, drückte ein maskierter Mann ihr eine Pistole an den Hals." Beide Opfer mussten sich im Fahrzeug auf den Boden legen, wurden mit Kabelbindern gefesselt und mit Klebeband geknebelt. "Der maskierte Räuber räumte 28 Geldkassetten aus dem Mercedes, übergab sie an einen ebenfalls maskierten Mittäter, der die Beute in einem Fluchtwagen verstaute." Das Duo entkam unerkannt vom Tatort, die Opfer drückten wenig später den Alarmknopf.

Die geraubten Kassetten waren allesamt voll, die leeren hatten die Täter nicht angerührt. Offenbar wussten sie, dass man auf ein kleines Sichtfenster achten musste. Staatsanwalt Christian Braunwarth: "Auch die übrigen Merkmale des Überfalls zeigten uns: Das waren Leute mit Insider-Wissen."
Suche bei Aktenzeichen XY

Die Geldkassetten wurden am 19. März 2007 in Hamburg gefunden. In der Feldmark von Ochsenwerder, unweit der Elbe - aufgebrochen und leer. Von den Tätern gab es keine Spur, auch eine Öffentlichkeitsfahndung in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY" blieb erfolglos. Staatsanwalt Braunwarth: "So haben wir die Akten dann schließen müssen."

Doch im Dezember 2009 ermittelte die Hamburger Polizei wegen Urkundenfälschung und Betrugs gegen einen Türsteher (35). Der gebürtige Türke wurde erkennungsdienstlich behandelt, musste dazu eine DNA-Probe abgeben. Olaf Obenaus: "Plötzlich hatten wir einen Treffer. Auch seine Fingerabdrücke passten zu den Abdrücken am Klebeband." Haftbefehl.
Kollegin nicht eingeweiht

Es folgten Monate weiterer Ermittlungen - bei denen etwas Erstaunliches ans Licht kam: Der überfallene Fahrer des Geldtransporters, ebenfalls ein Türke, und der mutmaßliche Täter waren seit 20 Jahren befreundet. Schließlich legte der Türsteher ein Geständnis ab: Er habe den Plan gemeinsam mit dem Kurierfahrer geschmiedet. Es sollte kein Raub, sondern ein Diebstahl werden, bei dem alle Beteiligten eingeweiht waren. Maskierung und Spielzeugpistole hätten nur dazu gedient, mögliche Passanten von der Echtheit des Überfalls zu überzeugen.

Der Staatsanwalt: "Allerdings entschied der Fahrer des Geldtransporters dann, seine Kollegin nicht einzuweihen, um die Beute nicht teilen zu müssen." Außerdem schätzte er sie als "zu ehrlich" ein. Nach der Tat arbeitete der Mann seelenruhig weiter bei der Bahn, zuckte in den zahlreichen Vernehmungen der Kripo nicht einmal mit der Wimper. Kripo-Chef Olaf Obenaus: "Seinen Teil der Beute deponierte er im Keller des Türstehers, holte sich Scheine ab, wann immer er Geld brauchte." Seine junge Kollegin wurde durch den vermeintlichen Überfall schwer traumatisiert, ist noch immer in psychologischer Behandlung.

Gegen den Türsteher und den Fahrer des Fluchtwagens, einen Türken (28), wird wegen schweren Diebstahls ermittelt - weil beide glaubten, alle wüssten Bescheid. Der Fahrer des Geldtransporters aber muss sich wegen schweren Raubes verantworten, weil er zuließ, dass seine Kollegin tatsächlich überfallen wurde. Er sitzt in U-Haft, streitet eine Tatbeteiligung ab. Das Geld ist mittlerweile ausgegeben.

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