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Leibniz-Institut Berlin : Überfahrener Wolf aus SH in neuem Tier-Tomographen

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Bei Bordesholm erwischte ihn ein Auto. Nun wurde das tote Jungtier in Berlin untersucht und dient so der Wissenschaft.

Berlin | Dichtes graues Fell, eine gewisse Eleganz und ein Hauch von Wildnis: Dieser Wolf ist ein Prachtkerl. Besser gesagt - er war es. Nun liegt das tote Tier im nagelneuen Computertomographen des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW). Nach wenigen Minuten ist klar: Isegrim ist ein Verkehrsopfer, glatter Bruch der Brustwirbelsäule nach dem Aufprall auf ein Auto. „Ein schneller Tod, keine 30 Sekunden“, sagt Forscher und Tierarzt Thomas Hildebrandt. „Trotzdem ist das traurig.“ Denn dieser Wolf war jung und fit, er hätte ein neues Rudel gründen können.

In ihrem alten Computertomographen haben Tierärzte des IZW 2011 den Berliner Eisbär Knut untersucht, um die Todesursache zu klären. Knuts prominentes Zoo-Leben beendete ein epileptischer Anfall, fanden die Wissenschaftler damals heraus. Nun besitzt das Institut einen neuen CT; das ausgereifteste Modell, das es zur Zeit für Tiere gebe, sagt Tierarzt Guido Fritsch.

Jüngst lag ein lebendiger Malaienbär aus dem nahen Berliner Tierpark darin - mit Bauchweh. Die CT-Bilder zeigten, dass er einen Pfirsichkern verschluckt hatte. Die OP am Dünndarm folgte sofort. „Ohne CT hätten wir einen 30 Zentimeter langen Bauchschnitt machen müssen“, berichtet Fritsch. Nun profitierte der Bär von Schlüsselloch-Chirurgie für Vierbeiner. „Das Gerät bietet alle Vorteile der Humanmedizin“, betont der Veterinär. Dafür wurde die Technik ursprünglich entwickelt.

Am IZW füllt das neue Röntgengerät ein ganzes Zimmer - für Tiere bis zu 300 Kilogramm Gewicht und zwei Metern Länge. Nur ihr Durchmesser darf nicht mehr als 72 Zentimeter betragen, sonst passt der Patient nicht mehr durch die Röhre. Für einen großen Elefanten reicht das nicht - aber für viele andere Zoo- und Wildtiere aus ganz Europa. Auch die Finanzierung ist innovativ. Das 1,4 Millionen Euro teure Gerät ist das erste Mal vom Hersteller geleast, zu Monatsraten von 10.250 Euro. Das erspart dem IZW, das je zur Hälfte von Bund und Land finanziert wird, eine große Einzelausgabe samt Wertverlust.

Rund 500 Tiere werden am Institut pro Jahr für die Forschung untersucht - lebendige, tote und sogar Fossilien. Wölfe sind keine Unbekannten. „Unser Hundertster“, sagt Fritsch mit Blick auf den schon leicht riechenden Neuzugang im Leichensack aus Plastik. Immerhin ist dieser Wolf kein Kriminalfall. Hätte die Tomographie Geschossspuren ergeben, wären Ermittlungen nötig. Denn Wölfe dürfen in Deutschland nicht gejagt werden. Trotzdem hatten tote Wölfe im IZW auch schon Jagdmunition im Körper.

Wolfgang Springborn ist Wolfsbetreuer in Schleswig-Holstein und hat das tote Tier im Kofferraum zum IZW gefahren. Bereits 2007 sei der erste tote Wolf in Schleswig-Holstein entdeckt worden, berichtet er. Springborn kennt die öffentliche Meinung über Wölfe. „Noch nie habe ich erlebt, dass ein Wildtier entweder so verteufelt oder so enthusiastisch geliebt wird“, berichtet er. Die Rückkehr der Tiere, die seit dem Jahr 2000 von der Lausitz aus durch Mittel- und Norddeutschland streifen, erinnert ihn mittlerweile an Diskussionen über neue Autobahnen. „Alle wollen welche haben, nur nicht vor der eigenen Haustür“, sagt er.

Wölfe halten sich nicht an Landesgrenzen. 31 Rudel hat der Naturschutzbund Deutschland bisher gezählt - darunter 70 erwachsene Tiere. Naturschützer gehen davon aus, dass sich Wölfe in Zukunft Regionen in allen Bundesländern zurückerobern werden. Nicht allen Jägern und Anwohnern gefällt das.

Forscher Thomas Hildebrandt steht jetzt am IZW vor dem großen Bildschirm neben dem CT. Rund ein Jahr alt ist dieser Wolf, analysiert er. Wahrscheinlich sei ihm seine Jugend zum Verhängnis geworden, mutmaßt er. In diesem Alter verlassen Jungwölfe das Rudel, in das sie hineingeboren wurden. Neugierig und unerfahren gehen sie auf Wanderschaft. Der Unfall ist Pech für Isegrim, aber ein weiterer Baustein für die Wissenschaft.

Denn am IZW gibt es eine Wolfsdatenbank, in die Gesundheitszustand und Todesursachen der Wildtiere eingetragen werden. „Viele Jungwölfe sind Verkehrsopfer“, sagt Tierärztin Claudia Szentiks. Sie wird noch ganz genau prüfen, ob der Wolf gesund war - keine Tollwut, keine Staupe, keine Hunde-Hepatitis? Das ist für die Datenbank sehr wichtig. Denn Deutschland ist seit 2008 tollwutfrei. Würde ein Wolf mit dem Virus entdeckt, änderte sich dieser Status.

Auf der Warteliste für den CT steht für Dienstag noch ein Tiger. Von den CT-Bildern mit Skelett- und Organdarstellungen der Tiere und den Forschungsergebnissen profitieren auch andere wissenschaftliche Institute, berichtet Thomas Hildebrandt. IZW-Forscher wollen die eingescannten Wolfskörper zum Beispiel mit Skelettfunden aus dem Mittelalter vergleichen. Haben sich die Tiere durch Ernährung oder Umwelteinflüsse verändert? Und auch wenn der Wolf aus Schleswig-Holstein nun tot ist und später nur sein Fell zurückgeschickt wird - sein virtuelles Leben im Computer der Wissenschaftler kann ewig währen.

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erstellt am 17.Mär.2015 | 13:00 Uhr

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