Flirt-SMS-Abzocke : "Typ 3" soll "bis in den Ruin" chatten

Der Prozess um die millionenfache SMS-Abzocke wird vor dem Kieler Landgericht verhandelt. Die sogenannten Animateure klassifizierten ihre Kunden auf schamlose Art.

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04. November 2009, 12:30 Uhr

Betreiber von Flirt-SMS-Chats halten ihre Mitarbeiter dazu an, die Nutzer von Kurzwahlnummern kräftig zur Kasse zu bitten. Das belegen Arbeitsanweisungen, die im aktuellen Kieler Prozess um eine millionenfache Abzocke mit Flirt-SMS vor dem Landgericht verlesen wurden.
In dem Verfahren, das in der nächsten Woche fortgesetzt wird, sind drei Betreiber von SMS-Chats und deren Helfer wegen gewerbsmäßigem Bandenbetrugs angeklagt. Sie sollen rund 700.000 Handy-Nutzer um etwa 46 Millionen Euro geschädigt haben. Drei von ihnen sitzen seit über zehn Monaten in Haft. Prozesse gegen weitere Beschuldigte sollen folgen.
"Erfolgreich sind wir, wenn wir unseren Kunden eine Illusion verkaufen."
Um erfolgreich zu sein, muss ein Animateur - so die Anweisungen, die bei Durchsuchungen in Call Centern sichergestellt wurden - die Kunden mit falschen Profilen täuschen. "Ein erfolgreicher Animateur sind wir, wenn wir es schaffen, unseren Kunden eine Illusion zu verkaufen. Das erfordert, dass wir uns mit dem Profil, das der Kunde anschreibt, identifizieren, auf die Wünsche des Kunden eingehen, und ihn davon überzeugen, dass wir (das Produkt seiner Begierde) auch den Preis der SMS wert sind."
Kunden werden dazu schamlos klassifiziert: Von "Typ 1 - Teenager - 13 bis Anfang 20 Jahre" bis "Typ 8 - Stammkunde". Ideales Opfer, so die Autoren, ist Typ 3: "Diesen Kunden kann man fast alles schreiben und - sie werden antworten - bis zu ihrem Ruin". Dieser Typ sei "der Minderbemittelte - Anfang 20 bis ca. 60 Jahre - alles, was auf anderem Wege keinen Partner finden würde - geistig Zurückgebliebene - Jungfrauen - körperlich Behinderte - finanziell gescheiterte Existenzen - Legastheniker - hässlich und zu dick - mit zu wenig Selbstbewusstsein." Die erste SMS sei "manchmal schwer zu lesen aufgrund schlechter Rechtschreibfähigkeiten, aber "sie sind sehr schreibfreudig und pflegeleicht, wenn man Verständnis zeigt".
Für Typ 6, "Sexkunde", ist "Fingerspitzengefühl" nötig
Lohnendes Opfer auch der "Typ 4 - Der Suchende - Mitte 30 bis über 60 Jahre". Wenn "wir gut mit ihm umgehen, wird er uns lange erhalten bleiben", vielleicht sogar "zum Stammkunden". Für Typ 5, "Fremdgänger" und Typ 6, "Sexkunde" sei "Fingerspitzengefühl" nötig, um sie im Chat zu halten. Typ 7, "der Skeptiker", sei überzeugt, dass es sich um Geldschneiderei handele und die Chatpartner "nicht real" seien. Dennoch sei er "mit ein bisschen Geschick" vom Gegenteil zu überzeugen - "je skeptischer, desto leichter". Typ 1 und Typ 2 "Der Geizige - Mitte 20 bis Mitte 30 Jahre" seien dagegen "so gut wie aussichtslos" - Typ 1 sei oft zu jung, Typ 2 "sucht ein schnelles Date", will aber kein Geld ausgeben und gleich die private Telefonnummer oder E-Mail-Adresse. Genau dies aber sollen die Animateure mit allen Tricks und Ausflüchten verhindern.
Dass Betreiber um ihr möglicherweise illegales Tun wissen, zeigen Hinweise wie dieser: "Wir befinden uns hier in einer Grauzone und können für einige Äußerungen gerichtlich belangt werden." Deshalb dürfe etwa auf Kundenbeschwerden über den teuren Chat nicht geschrieben werden: "Wir zahlen auch 2 Euro für eine SMS", sondern: "Wir zahlen auch für jede SMS". Ziel: den Kunden im Unklaren und den Chat am Laufen zu halten.

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