Thies Möller : TV-Koch zwischen RAF-Zellen

Flammen im Gefängnis: TV-Koch Thies Möller führt Omar aus Marokko die Hand, als er Alkohol in die heiße Pfanne gießt. Fotos: Mormann
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Flammen im Gefängnis: TV-Koch Thies Möller führt Omar aus Marokko die Hand, als er Alkohol in die heiße Pfanne gießt. Fotos: Mormann

Der Dithmarscher Küchenmeister Thies Möller kocht im Stuttgarter Gefängnis Stammheim. Es ist eine "pädagogische Maßnahme" für jugendliche Häftlinge.

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13. Februar 2011, 03:02 Uhr

Schülp/Stuttgart | Der Minivan, mit dem Thies Möller (63) nach Stuttgart gefahren ist, wirkt klein vor dem knapp sechs Meter hohen Tor der Justizvollzugsanstalt Stammheim. Hierin soll der TV-Küchenmeister (17.30 Uhr, Sat.1) aus Schülp (Kreis Dithmarschen) kochen - mit 43 Jugendlichen.
Begrüßt wird Möller vom Leiter der Gefangenenbetreuung, Klaus Boshart. Der 52-Jährige ist seit 1982 im Vollzugsdienst. Mit Schnauzbart und meist ernster Miene strahlt er Autorität aus. 640 Insassen zählt das 1959 erbaute Gefängnis derzeit - 680 kann es aufnehmen. "Wir betreten historischen Boden", kündigt Boshart an, als Möller und sein Begleiter, Küchenmeister Michael Trester (65), ihre Waren in den Aufzug schieben. Der fährt in den 6. Stock, Abteilung 7. "Hier saßen die Terroristen der RAF", erzählt Boshart. Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar - sie alle haben eine der Zellen auf diesem Flur von innen gesehen, sagt Boshart. Jetzt sind hier Jugendliche unter 21 Jahren untergebracht. Die historische Bedeutung kennt von ihnen kaum jemand mehr.
"Zwei Monate waren wir die Harten"
Mehrere Tischtennisplatten stehen auf dem Flur in einer Reihe, mit weißen Decken, Plastikgeschirr und -besteck gedeckt. Einzeln kommen die Häftlinge aus ihren Zellen, Möller lässt sie aktiv mitmachen. "Es bringt nichts, wie ein Lehrer vorne zu stehen und auf sie einzureden." Seine Strategie führt zum Erfolg. Als Bedi (17) beim Zwiebeln schneiden die Augen feucht werden, scherzt er: "Zwei Monate waren wir hier die Harten - und jetzt das." Neben ihm steht Idris (19) und schmunzelt: "Wenn ich meiner Mutter erzähle, dass ich koche, glaubt sie mir das nicht. Das kennt sie von mir nicht." Wegen Rauschgifthandels sitzt der gebürtige Türke seit zwei Monaten in U-Haft.
Rauschgift wurde auch Omar aus Marokko zum Verhängnis. Der 19-Jährige kam vor 15 Jahren ohne Familie nach Deutschland. Hier wurde er mit Drogen erwischt. Am 24. Februar ist sein Prozess. "Ich hoffe, dass ich in Deutschland bleiben darf", sagt er. In Baden-Württemberg ging er zur Schule und will nach seiner Zeit im Gefängnis eine Ausbildung zum Maler und Lackierer beginnen. Jetzt ist erstmal sein Geschick mit der großen Kelle gefragt: Das Putengeschnetzelte, das Möller kocht, soll mit Calvados flambiert werden. Omar soll den Alkohol in die Pfanne gießen - und hat vor dem Feuer Respekt. "War nett mit euch, Jungs", ruft er den anderen Insassen zu. Dann schnellt eine etwa einen Meter hohe Flamme empor. Niemand wird verletzt, der ängstliche Blick des Marokkaners wandelt sich in ein leicht triumphierendes Lächeln. "Das hast du sehr gut gemacht", lobt Möller. Lob haben viele dieser Jugendlichen selten in ihrem Leben bekommen.
Kochen zur Förderung der Sozialkompetenz
Als 2007 und 2008 die RAF-Terroristen Mohnhaupt und Klar vorzeitig entlassen wurden, wurde darüber diskutiert. Länger dauert bereits die Diskussion darüber, ob der deutsche Strafvollzug zu "lasch" sei. Für Gefangenenbetreuer Boshart ist das Kochen mit Thies Möller eine "pädagogische Maßnahme": "Die Jugendlichen haben Schulpflicht, aber wir können sie nicht unterrichten. Jeder hat einen anderen Bildungsstand und nicht mal alle sprechen deutsch." Das Kochen fördere die Sozialkompetenz. Der Ausländeranteil der U-Häftlinge liegt bei etwa 80 Prozent, sagt Boshart. "Viele Richter ordnen U-Haft für Ausländer an, damit die sich nicht vor dem Prozess absetzen."
Dass Möller aus Dithmarschen schon zum dritten Mal auf eigene Kosten mehr als 800 Kilometer nach Stuttgart zurücklegt, hat einen profanen Grund: "Es will kein anderer machen", sagt er. Andere bekannte Köche hätten eine Anfrage des Gefängnisses abgelehnt. Möller aber ist überzeugt: "Auch wenn die Jungs Mist gebaut haben, darf man sie nicht komplett von der Gesellschaft abschotten."
(hamo, shz)

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