St. Peter-Ording : Tsunamis am Nordseestrand

Dem Phänomen Tsunami auf der Spur: Jana Sleeboom, Nikolaus Ehbrecht,  Robin Stuhr und Birte Schmid (von links). Foto: Arendt
Dem Phänomen Tsunami auf der Spur: Jana Sleeboom, Nikolaus Ehbrecht, Robin Stuhr und Birte Schmid (von links). Foto: Arendt

Freiwillig lernen, und das in den Ferien? In St. Peter-Ording ist das normal. Im Ferienkurs "Meeresbiologie" entdecken Schüler die Wissenschaft für sich.

Avatar_shz von
14. Juli 2011, 09:41 Uhr

St. Peter-Ording | Mit Wucht senkt sich ein Mädchenfuß in einen Sandberg. Augenblicklich stürzen dicke Brocken in ein Wasserloch, eine große Welle wächst, tritt über die Ufer, packt ein Legomännchen, reißt es mit. "War das gut so?", fragt Birte (15) gespannt. Die Schülerin hat ihn ausgelöst - einen Tsunami am Strand von St. Peter-Ording. Nikolaus nickt. Der 15-Jährige hat das Geschehen mit einer Videokamera festgehalten - damit auch andere Jugendliche verstehen, wie eine gewaltige Flutwelle entstehen kann.
"Meeresforschung verstehen und weitersagen" heißt der Ferienkurs, an dem Birte, Nikolaus und zehn andere Schüler aus Schleswig-Holstein und Hamburg teilnehmen. Freiwillig lernen, und das in den Ferien? "Das macht Spaß, weil wir hier ganz andere Sachen machen als in der Schule", sagt Birte. Offensichtlich: Mit karierter Mütze, Sonnenbrille einer überdimensionalen Lupe aus Pappe stöbert Birte den Strand entlang, an ihrer Seite in ähnlichem Gewand grübelt ihr Projektpartner Robin. Die Schülergruppe hat sich eine witzige Geschichte mit zwei arroganten, aber ziemlich dummen Detektiven ausgedacht, um den Fall Tsunami aufzuklären.
"Ich mag die Bezeichnung ,hochbegabt nicht"
Der Hintergrund des Videos ist höchst wissenschaftlich: Schon fast zwei Wochen lang wohnen die Jugendlichen am Nordsee-Campus in St. Peter-Ording. Die Mädchen und Jungen zwischen 13 und 16 Jahren sind jeden Morgen früh aufgestanden, haben sich naturwissenschaftliche Vorträge angehört und sich zum Beispiel mit Experimenten zu "Sauerstoffminimumzonen im Ozean" befasst. Außerdem sind die Schüler nach Kiel zum Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (Ifm-Geomar) gefahren. Das Ifm-Geomar veranstaltet den Ferienkurs gemeinsam mit der Juniorakademie St. Peter Ording, die wiederum von der "Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind" gefördert wird.
"Ich mag die Bezeichnung ,hochbegabt nicht", sagt Sally Soria-Dengg. Sonst besteht der Alltag der studierten Meeresbiologin aus "Arbeit, Arbeit und nur Arbeit", wie die 52-Jährige sagt. Doch als Leiterin des Ferienkurses steht sie mit kurzer Hose, Flipflops und einem breiten Lächeln am Nordseestrand und beobachtet, wie sich die Jugendlichen buchstäblich begreifbar mit Naturwissenschaft auseinandersetzen. Lieber als "hochbegabt" verwendet Dengg die Attribute "besonders leistungsfähig, motiviert und interessiert".
Videos als Abschlusspräsentationen
Alle Schüler, die am Ferienkurs teilnehmen, sind überdurchschnittlich begabt, haben sich entweder selbst beworben oder wurden von ihren Schulen vorgeschlagen. Es sprudelt regelrecht aus dem 15-jährigen Robin heraus, wie ein Tsunami entsteht: Dass tektonische Platten der Auslöser sind, wenn sie zusammenstoßen und schlagartig gigantische Wassermassen bewegen, dass auch Erdlawinen von Bergen hinabstürzen und Wasser verdrängen, das sich zu einer Welle auftürmt und - in Buchten oder Häfen gedrückt - Verwüstungen anrichten können.
Der Tsunami der Ferienkurs-Schüler hingegen soll einen positiven Effekt haben, auch auf andere Jugendliche. "Deshalb machen die Schüler Videos als Abschlusspräsentationen und stellen sie ins Internet", sagt Sally Soria-Dengg. Der Ferien-Kurs bringt die Teilnehmer also auch multimedial weiter, sie lernen, die Videos selbst zu drehen und zu vertonen, auch den Filmschnitt machen sie mit Anleitung selbst.
Fernstudium mit 16 Jahren
Und die Schüler dürfen ordentlich kreativ werden, haben ein Loch gebuddelt, es wieder und wieder mit Nordseewasser gefüllt, damit die Flutwelle das Lego-Männchen auch im richtigen Moment packt und nicht zu viel versickert. Zudem haben Birte, Robin, Jana und Nikolaus die trotteligen Detektive ersonnen, die eigentlich nur kleine Kinder ärgern wollen und deshalb die Sandburg zerstören - und so den Tsunami begreifen. Eine andere Video-Gruppe hat ihre Geschichte um einen verrückten Professor gestrickt, der die USA erpressen will und mit einer riesigen Welle droht- und erkennt, dass er diese Flut selbst nicht herstellen kann.
Schwebt den besonders interessierten Schülern eine wissenschaftliche Zukunft vor? "Eher nicht, ich möchte lieber Energietechnik studieren", sagt Nikolaus. Jana interessiert sich für Werbegrafik und Design - so sehr, dass sie nach dem Sommerkurs ein Fernstudium beginnt. "Ich möchte es zumindest versuchen", sagt die 16-jährige Schülerin.
(doa, shz)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen