Polizeiermittlungen : Tote im Müllsack: Warum suchte die Polizei nicht nach ihr?

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24. April 2013, 02:49 Uhr

Kiel | Ermittler der Kieler Mordkommission haben Dienstag die Angehörigen von Denise B. (20, Foto) besucht - die junge Frau ist die Tote aus dem Müllsack. Vor acht Tagen war ihr Skelett an der B76 in Kiel gefunden worden, die Umstände ihres Todes sind weiter unklar. Jedes Detail aus dem nur kurzen Leben der zweifachen Mutter ist jetzt von Interesse für die Beamten.

Als Denise im vergangenen Sommer verschwand, gab es jedoch nicht einmal eine Vermisstenfahndung. Warum wurde nicht öffentlich gesucht? Diese Frage hat die Polizei bis heute nicht beantwortet. "In Absprache mit der Staatsanwaltschaft äußern wir uns dazu nicht", sagt Polizeisprecherin Merle Neufeld. Und Oberstaatsanwalt Axel Bieler erklärt: "Wir wollen erst den Fall aufklären, danach wird aufgearbeitet, was möglicherweise intern aufzuarbeiten ist."

Gleichbehandlung in Frage gestellt

Laut Polizeisprecherin wird jeder Vermisstenfall objektiv bewertet - unabhängig vom sozialen Umfeld und der Herkunft der betreffenden Person. Als Staatssekretär Ulrich Lorenz an einem Sonntag Ende Januar in Kiel verschwand, schnüffelten Stunden später Spürhunde an der Förde entlang. Als es von Denise B. im Sommer 2012 kein Lebenszeichen mehr gab, startete die Polizei keine große Suchaktion, die Vermisstenplakate druckte und verteilte die Familie selbst. Die Mutter hatte geahnt, dass etwas Schreckliches passiert sein musste - weil ihre Tochter "nicht der Typ war, der sich nicht meldet".

Eine Gefährdung sahen die Beamten bei Denise B. offenbar nicht, obwohl die junge Frau gefährliche Leute kannte. Sie war in die Rauschgift-Szene abgerutscht, und ihr Ex-Freund berichtete unserer Zeitung, sie sei zur Prostitution gezwungen worden, unter anderem in einem Bordell in der Kieler Iltisstraße. Damit hätte die Polizei Ansatzpunkte gehabt, zumal der Zuhälter der jungen Frau den Ermittlern bekannt gewesen sein dürfte: Im Oktober 2011 stand der gebürtige Türke Cihan D. vor dem Kieler Land gericht, angeklagt wegen Menschen handels, Körperverletzung, Bedrohung und Förderung der Prostitution.

Als Zeugin sagte auch Denise B. gegen den Zuhälter aus - was mutig war, denn er spielte in ihrem Leben eine wichtige Rolle. Die Schwester von Denise B., eine Kieler BWL-Studentin, erklärt: "Die beiden waren ein oder zwei Jahre lang ein Paar gewesen. Und er ist der Vater ihrer Tochter." Das Mädchen hatte Denise B. mit 16 Jahren bekommen. Im Prozess habe sie ausgesagt, Cihan D. habe sie körperlich angegriffen, so die Schwester. Der Türke wurde zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Nach dem Prozess soll die junge Mutter von Personen aus dem Umfeld des Verurteilten bedroht und zusammengeschlagen worden sein. Welche Rolle also spielt der Zuhälter beim Tod der Kielerin? Ihre Schwester sagt: "Er war schon im Gefängnis, als Denise verschwand. Von dort hatte er ihr einen Brief geschrieben, in dem er Reue zeigte." Gelesen hat Denise B. diesen Brief aber nicht mehr.

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