Mutter aus Husum verurteilt : Tote Babys: Neun Jahre Haft und ein Rätsel

Die 29-Jährige am Tag der Urteilsverkündung. Foto: Sörensen
Die 29-Jährige am Tag der Urteilsverkündung. Foto: Sörensen

Sie tötete fünf Babys: Eine Husumerin wurde zu neun Jahren Haft verurteilt. Wo anderen die Worte fehlten, spielte sich ein Fernsehsender in den Vordergrund.

Avatar_shz von
23. März 2013, 10:49 Uhr

Flensburg | Es wurden neun Jahre Haft. Und den Tag vor ihrem Urteil verbrachte Annika H. in Angst. Angst, die 1. Große Strafkammer unter ihrem Vorsitzenden Richter Michael Lembke könnte vor dem TV-Sender RTL einknicken und dessen Aufforderung nachgeben, die hochgradig Selbstmordgefährdete im Gerichtssaal vor die Kameras schleifen zu können. Daraus wurde nichts. Die Kammer verurteilte die Husumerin wegen fünffachen Totschlags zu neun Jahren Haft. RTL ging leer aus.

Immerhin schaffte es der Sender mit dem Trend zum Trashen, sich am Ende eines Verfahrens grell in den Vordergrund zu spielen, wo anderen angesichts der in der Beweisaufnahme angetroffenen bodenlosen Abgründe häufiger die Worte fehlten. Der Sender beanstande, dass er nicht die Möglichkeit bekomme, die Angeklagte zu filmen und berief sich auf eine Anordnung des Bundesverfassungsgerichtes in einem anderen Fall in Berlin, führte der Kammervorsitzende aus. Lembke machte gleichwohl im nächsten Satz klar, dass seine Kammer das Persönlichkeitsrecht der Angeklagten und ihrer minderjährigen Töchter über das von RTL vertretene öffentliche Interesse stelle. "Welchen Informationsgehalt es haben soll, die Frau abzufilmen, erschließt sich der Kammer nicht. Das ist meine Anordnung. Punkt, Ende", so Michael Lembke. "Da mag mich im Nachhinein das Bundesverfassungsgericht schelten, aber das werde ich dann aushalten."

Vereinsamung, Angst und Sprachlosigkeit

Wohl selten nur hat man im ehrwürdigen Schwurgerichtssaal gestandene Juristen mit so belegter Stimme sprechen hören. Der Fall der jungen Mutter, die fünf Kinder auf die Welt brachte, um ihnen gleich danach ihre Leben wieder wegzunehmen, ließ trotz Geständnis, trotz intensiver Begutachtung die Frage nach dem Warum unbeantwortet und die Prozessbeteiligten in tiefem Unbehagen zurück.

In seiner Urteilsbegründung konnte Lembke nur Teile eines Puzzles anbieten, die jedes für sich genommen nicht in die Katastrophe führen. Sicher war er nur insoweit, als dass die Trennung der Eltern den Beginn dieser Entwicklung bedeutete. Als die damals Achtjährige ihrem Vater 500 Kilometer in den Osten folgte in eine Welt der Vereinsamung, Angst und Sprachlosigkeit.

"Motivbündel ungünstiger Lebensumstände

Verteidiger Burkhard Gerling ordnete diese Elemente in seinem Plädoyer den "Motivbündeln ungünstiger Lebensumstände" zu, kleine erworbene Unzulänglichkeiten, die ein Räderwerk in Gang setzten, das Annika H. später nicht mehr anhalten konnte. Vielleicht, so Gerling, war es alles auch einfach eine Fehlsteuerung der Natur. "Warum nehmen manche Lebewesen manchmal ihre Kinder nicht an?"

Bestimmt aber war Annika H. unter Schock, im Ausnahmezustand, als sie die Kinder zur Welt brachte. Und zwischen den Geburten war sie in der Selbsttäuschung gefangen, nicht schwanger zu sein, nicht dieses - wie sie glaubte - das Eheglück bedrohende Problem eines weiteren Kindes zu haben. Insofern hielten sich alle Beteiligten an den Sachverständigen Dr. Christian Huchzermeier, der Annika H. für die letzten sieben Jahre eine schwere Bewusstseinsstörung bescheinigte. "Eine Täterin", so nannte sie der Kammervorsitzende am Donnerstag. "Vielleicht eine tragische Täterin. Aber kein Monster."

"Ich wünsche Ihnen, dass Sie irgendwann ihren Frieden finden"

Eine Person hat ihr bereits vergeben. Ihr Mann, als Nebenkläger durch eine Rechtsanwältin vertreten. Für ihn und die Kinder sei die Offenbarung der Täterschaft "der totale Untergang" gewesen. Dennoch glaubt er an eine gemeinsame Zukunft. Annika H. will daran arbeiten. "Egal welche Strafe mich erwartet, ich werde die Chance nutzen, mein Leben aufzuarbeiten und mir und meiner Familie diese Fragen zu beantworten", schluchzt sie, und wie zu Prozessbeginn fließen reichlich Tränen. "Es tut mir so unendlich leid, dass diese Fünf keine Chance hatten, ein Kind zu werden und dass sich meine Kinder so für mich schämen müssen."

Dem Schlusswort des Kammervorsitzenden zwei Stunden später folgt eine große Stille. "Ich wünsche Ihnen", sagt Lembke, "dass Sie irgendwann ihren Frieden finden."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen