Buch über Autismus : "Tomaten gehören nicht auf die Augen"

Ein Autoren-Duo aus Husum und Hamburg unterstützt mit bebilderten Gedichten Autisten und ihre Begleiter.

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08. September 2012, 10:09 Uhr

Husum/Hamburg | "Die Lehrerin war richtig sauer, denn wieder einmal war ich schlauer."
"Der kam zum Schluss, Du bist Autist, ich dachte nur, Was für ein Mist."
Die Sätze stammen von Kristin Behrmann. Die Husumerin hat das Asperger Syndrom, eine der leichteren Formen von Autismus. Und genau das war in ihrer Kindheit auch die große Herausforderung. Weil sie sich "anders" als ihre Mitschüler verhielt und für diese oft überraschend reagierte, war sie schlichtweg Außenseiter. Was das für ein Kind bedeutet, kennt wohl jeder - entweder aus eigener Erfahrung oder weil er "Sonderlingen" gegenüber stand. Kristin Behrmann hat gemeinsam mit dem Hamburger Hajo Seng ein Bilderbuch für Kinder und Erwachsene gemalt und gedichtet. Titel: "Tomaten gehören nicht auf die Augen".

Eigentlich hatte der herausgebende Verlag die Erscheinung fürs Frühjahr 2013 geplant. Doch die Zahl der Vorbestellungen übersteigt alle Erwartungen, und so wird das Buch wohl bereits im November zu haben sein. "Vor allem Schulen haben großes Interesse", freut sich Autorin Behrmann. Die Gedichte und Zeichnungen sollen dabei helfen, leichtere Formen des Autismus früher zu erkennen und entsprechend auf die Kinder einzugehen. Kristin Behrmann erhielt erst mit 36 Jahren die Diagnose. Bis dahin hat sie einige Erfahrungen gemacht, die sie sich lieber erspart hätte.
"Wenn sich Menschen anders verhalten, als wir das erwarten, kann das Angst auslösen", sagt die Autorin. Für sie sind bis heute Metaphern schwer zu verarbeiten. "Deshalb auch der Buchtitel." Obwohl Autisten meist mit einer sehr hohen Intelligenz gesegnet sind, kommen sie in der Schule nicht mit. "Das lag oft daran, dass ich die Erklärungen oder Aufgabenstellungen nicht verstanden habe", erinnert sich Kristin Behrmann. Dabei gehörte sie, wenn durch Zufall "autistengerecht" formuliert wurde, zu den Klassenbesten.
Probleme in der Klassengemeinschaft
Dazu kommt die Angst der Autisten vor Nähe. "Angefasst zu werden oder sich in größeren Gruppen aufhalten zu müssen, sind schwierige Themen", so Behrmann. "Ich bin zum Beispiel nicht auf Klassenfahrten mitgefahren. Und während die anderen Kinder auf dem Schulhof spielten, saß ich auf einer Mauer und guckte mir den Himmel an." Ihre Mitschüler deuteten dieses Verhalten als Ausgrenzungswunsch.
Beide Seiten verstanden die Welt nicht mehr. "Mir kam die Schulzeit immer komisch vor. Ich war zwar pflichtbewusst und habe meine Hausaufgaben gemacht, aber ich wusste einfach nicht, warum ich da hingehe." Während ihr die feste Struktur der Schule half, machten ihr die Pausen Angst: "Da entstanden zwangsläufig gruppendynamische Prozesse." Je länger Behrmanns Schulzeit dauerte, desto unwohler fühlte sie sich. "Ich habe irgendwann angefangen, Dienst nach Vorschrift zu machen und später eine Menge Fehlstunden angehäuft. Wir haben immer mehr in Gruppen gearbeitet, die sozialen Kompetenzen wurden wichtiger. Für mich funktioniert Lernen in der Masse noch viel schlechter als für andere."
Jetzt wollen sie und ihr Kollege Hajo Seng, der Gründer der Hamburger Initiative autWorker eG ist, helfen, Kinder, Eltern, Pädagogen und Freunde Betroffener aufzuklären und so die Arbeit mit Asperger-Autisten unterstützen. "Ich war von der riesigen Resonanz überrascht", sagt Kristin Behrmann. "Ich glaube, das liegt daran, dass wir als Betroffene direkt berichten. Das Buch sind wir." Noch vor Erscheinen von "Tomaten gehören nicht auf die Augen" denkt die Husumerin schon an eine Übersetzung ins Englische. Denn Autisten gibt es schließlich überall auf der Welt.

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