Wichtiger Forstbaum : Tödlicher Pilz: Die Eschen in SH sterben aus

Verdorrter Ast: Das Eschentriebsterben hat viele Bäume in Schleswig-Holstein erfasst.
Verdorrter Ast: Das Eschentriebsterben hat viele Bäume in Schleswig-Holstein erfasst.

Ein tückischer Pilz rafft Tausende der Bäume in Schleswig-Holstein in Rekordgeschwindigkeit dahin. Auch mit Folgen für die Wirtschaft.

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25. Juli 2015, 13:03 Uhr

Es ist ihr Ende, Hoffnung gibt es wenig: Europaweit werden Eschen von einem tödlichen Pilz befallen. Auch in den Wäldern von Schleswig-Holstein sterben die Bäume mit einer Geschwindigkeit, die Experten als „beängstigend“ bezeichnen. In nur wenigen Jahren könnte der mythische Weltenbaum der Germanen kaum noch zu finden sein.

Der tödliche Angreifer trägt den Namen „Falsches Weißes Stängelbecherchen“ (Hymenoscyphus pseudoalbidus) und ist erst im Jahr 2010 durch molekulargenetische Untersuchungen eindeutig identifiziert worden. Der Schlauchpilz befällt junge und alte Eschen, ihre Blätter verwelken, und die Äste verdorren. Schüttere Kronen sind das sichtbare Symptom der Erkrankung. „In Schleswig-Holstein ist das Phänomen erstmals 2005 aufgetreten“, sagt Jens-Birger Bosse vom Sachgebiet Waldbau der Landesforsten in Neumünster. „Heute, nur zehn Jahre später, sind 99 Prozent der Eschen betroffen.“

Der Pilz ist tückisch. „Er verstopft die Leitungsbahnen des Baums, bringt ihn von oben her zum Absterben“, erklärt Nicola Kabel, Sprecherin im Kieler Umweltministerium. An der Rinde bilden sich Nekrosen, ein Einfallstor für andere parasitäre Pilze wie etwa den Hallimasch, der das Holz zersetzt. „Bei gefällten Bäumen erkennen wir am unteren Stamm zunehmend Verfärbungen und Fäule“, sagt Jens-Birger Bosse.

Etwa drei bis fünf Jahre von der Infektion bis zum Tod, so schätzen es die Experten – was für einen Baum ein Sterben in Rekordgeschwindigkeit ist. Und eine Gefahr für die Bevölkerung. „Am Ende fällt die Esche um“, sagt Thomas Tiede, Leiter des Landesforstamtes Kellenhusen (Kreis Ostholstein), wo 200.000 Eschen befallen sind. An vielen Wegen und Straßen laufen deshalb Fällaktionen. „Wir müssen unsere Verkehrssicherungspflicht wahrnehmen“, erklärt Bosse. Haben die Bäume eine niedrige Qualität, werden lediglich die Kronen gekappt, um dem Stamm als Totholz eine ökologische Funktion zu geben, höherwertige Bäume werden verkauft.

Wobei China seine Grenzen für Eschenholz schon dicht gemacht hat. Aus Angst, die gefährlichen Sporen könnten eingeschleppt werden. Wirtschaftlich ist der Schaden groß. Nach Buche und Eiche ist die Esche ein wichtiger Forstbaum. Das Holz, extrem elastisch und trotzdem fest, wird etwa für die Herstellung von Spatenstielen oder auch Parkett genutzt. Ist ein Baum jedoch befallen, taugt er bald nur noch als Rohstoff für Spanplatten.

Den Einsatz von Fungiziden halten die Landesforsten, die sich auf ökologischen Waldbau ausgerichtet haben, für indiskutabel, zumal ja bereits nahezu alle Bäume befallen sind. Das Umweltministerium teilt diese Sichtweise. „Bekämpfen kann man das Eschensterben nicht“, sagt Kabel. „Die Förster müssen jetzt versuchen, Bäume, die erkrankt sind, zu nutzen, solange das Holz noch verwertbar ist.“

Das ist auch die Strategie der Landesforsten. Dort macht man sich aber auch Gedanken, was die Esche, deren Anteil etwa 2800 der 48.000 Hektar Waldfläche ausmacht, notfalls ersetzen könnte. Jens-Birger Bosse: „Flatterulme, Erle und Spitzahorn wären eine Alternative, die mit den feuchten Standorten der Esche zurechtkämen.“

Noch gibt es aber einen Hoffnungsfunken. Die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt in Göttingen hat ermittelt, dass es in vielen geschädigten Eschenbeständen Anzeichen dafür gibt, dass „manche Eschenindividuen weniger anfällig sind“. Mit diesen Exemplaren könnte eine Generation von Eschen heranwachsen, die der Pilz nicht tötet. Eine schnelle Lösung ist das jedoch nicht. „Das ist ein Prozess von 100 Jahren, ehe die Esche vollständig gesund wird“, sagt Förster Thomas Tiede.

Wissenschaftler vermuten, dass das „Falsche Weiße Stängelbecherchen“ ursprünglich in Japan beheimatet ist und sich von Polen und dem Baltikum ausgehend in ganz Europa verbreitet hat. Eine Rolle dabei könnte der Verkauf von infizierter Baumschulware gespielt haben. Zugleich werden die Sporen des Schlauchpilzes mit dem Wind über große Entfernungen gestreut. Mittlerweile sind 22 europäische Staaten betroffen. Die Fruchtform des Pilzes heißt „Chalara fraxinea“ und bildet den Erreger. Der tödliche Parasit hat eine Schwester, das einheimische „Echte Weiße Stängelbecherchen“, das seit 1851 bekannt ist, die Eschen aber nicht schädigt.
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