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Feuer in Dithmarschen : Tödlicher Einsatz in Marne – ein Feuerwehrmann berichtet

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„Das ist das Schlimmste, was einer Feuerwehr passieren kann.“ Nach dem Tod eines Kameraden ist in der Marner Wehr nichts mehr, wie es mal war. Ein Feuerwehrmann erinnert sich an den tragischen Einsatz.

Marne | Am Anfang war es eigentlich ein ganz normaler Löscheinsatz. „Man musste von der Straße aus dreimal hinsehen, bevor überhaupt Rauch zu sehen war“, sagt Gerhard Markmann (Name geändert), einer der Kameraden der Marner Feuerwehr. Der erfahrene Feuerwehrmann möchte anonym bleiben - denn Schock und Trauer sitzen tief. Er gehörte zum Rettungstrupp, der ins Haus lief, als feststand, dass jemand in den Flammen geblieben war. Er fand den Toten.

Nach Angaben des Kreisfeuerwehrverbands Dithmarschen war der tödlich verunglückte 31-jährige Feuerwehrmann seit 13 Jahren für die Freiwillige Feuerwehr Marne im Einsatz. Er galt als erfahrener Atemschutzgeräteträger. Er musste am Sonntag für die Löscharbeiten in das brennende Haus.

Die Marner Wehr rückte am Sonntagvormittag zu dem Feuer aus, es brannte es im Dachgeschoss des Wohn- und Geschäftshauses, in dem sich unten ein Eisenwarenladen befand. „Drei Trupps mit jeweils zwei Mann waren im Haus, um das Feuer zu suchen“, erklärt Markmann, der als Mitglied des Rettungstrupps draußen bereit stand. Dann verfärbte sich der Rauch. Ein Zeichen, sich zurückzuziehen, denn jetzt wird die Gefahr am Brand zu groß. Es kann zu einer Durchzündung kommen.

„Es ist etwa 800 bis 1000 Grad heiß in dem Raum, der Brandrauch staut sich“, erklärt der Marner Feuerwehrmann. Der Rauch – das sind Mikropartikel aus Kohlenstoff beziehungsweise Pyrolysegase, die noch brennbar sind. Wenn Sauerstoff an den Brand gerät, breitet sich das Feuer schlagartig aus.

Die Feuerwehrleute kennen die Gefahr durch ihre Ausbildung und beschließen, das Haus zu verlassen. Rückzug. Doch der 31-Jährige, der in einem Raum im Dachgeschoss war, verlor offenbar die Orientierung und fand die Tür nicht. Er muss dabei sogar den Kontakt zum Schlauch verloren haben, der ihn hätte zurück leiten können.

Markmann erklärt die schwierige Situation: Man sieht nichts in einem Raum voller schwarzem Rauch, nicht einmal die sprichwörtliche Hand vor Augen. Und es ist laut – „wie ein schwerer Orkan“. Man muss sich wegen der Hitze auf dem Boden vorwärts bewegen. „Eine Vierteldrehung entscheidet darüber, wer am Leben bleibt.“ Es kam zur Durchzündung.

Das Feuer brach am Sonntagmorgen in Haus in Marne aus.

Das Feuer brach am Sonntagmorgen in Haus in Marne aus.

Foto: Karsten Schröder
 

Fünf Feuerwehrleute kamen unten an – und über Funk rief der 31-Jährige den Notruf:  „Mayday, Mayday, Mayday.“ Sofort war klar, dass er noch im Feuer war – und damit in großer Gefahr. „Die Ausrüstung ist dafür ausgelegt, dass man bei einer Durchzündung den Rückzug schaffen kann“, sagt Markmann. Länger darf man sich nicht am Feuer aufhalten.

Die Zeit war knapp. Als Mitglied des Rettungstrupps musste Markmann rein in das Gebäude. Doch ein erster Versuch wurde abgebrochen. Glasscherben hatten den Schlauch zerschnitten – und ohne Wasser konnten sich die Feuerwehrleute den Weg nicht durch das brennende Haus bahnen.

Beim zweiten Anlauf kam Markmann oben im Dachgeschoss an. „Es war nur ein halber Meter Sicht“, erinnert er sich. Auch er musste auf dem Boden in einer Hockstellung vorwärts kriechen. „Dabei ist man mit dem Po auf der Erde, streckt ein Bein nach vorne und tastet mit einer Axt“, erklärt er. Erst fand er den Handschuh, dann den Kameraden. „Er war etwa sechs bis sieben Meter von der Tür entfernt“, sagt der Marner. Sein Kamerad wurde tot geborgen.

„Das ist das schlimmste, was einer Feuerwehr passieren kann“, sagt der erfahrene Feuerwehrmann. Man kennt sich gut in der kleinen Wehr mit 50 Mitgliedern, verbringt viel Zeit miteinander und muss sich aufeinander verlassen können.

Feuerwehrleute gedenken ihres Kameraden.
Feuerwehrleute gedenken ihres Kameraden. Foto: Karsten Schröder
 

Die Marner wurden nach dem tragischen Ereignis aus dem Einsatz herausgezogen. „Man steht unter so einem emotionalen Stress, dass man nicht mehr die Fähigkeit hat, sachlich klare Entscheidungen zu treffen“, sagt Markmann. Die Feuerwehrleute wurden von der Notfallseelsorge betreut. Das Feuer löschten die Nachbarwehren.

„Die Stimmung ist zutiefst niedergeschlagen“, sagt Markmann. Die seelsorgerische Betreuung der Wehr geht weiter. „Das ist nicht mit einem Gespräch verarbeitet.“ Doch auch die Feuerwehrarbeit geht weiter. Mit den Nachbarwehren ist vereinbart, dass diese vielleicht häufiger um Unterstützung gebeten werden. Und wer sich aus der Marner Feuerwehr nicht in der Lage fühlt, beim Löscheinsatz dabei zu sein, wird angehalten, zu Hause zu bleiben.

Doch die meisten werden weitermachen. Markmann ist überzeugt, dass der verstorbene Kamerad es genauso gemacht hätte. „Wir können nicht verantworten, dass eine Familie ihre Kinder verliert, weil wir trauern“, sagt Markmann. „Ich fühle mich schlecht, aber ich werde beim nächsten Einsatz dabei sein. Sonst gewinnt das Feuer.“

 

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erstellt am 10.Dez.2015 | 13:20 Uhr

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