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Erschütternder Prozess : Tödlicher Balkonsturz bleibt ungesühnt

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine Feier im Hochhaus wurde überfallen, eine 18-Jährige will in Panik die Polizei ins Haus lassen - und stürzt in die Tiefe. Das Gericht in Bad Segeberg. sieht aber keine Schuld der Angeklagten.

shz.de von
erstellt am 29.Aug.2013 | 04:39 Uhr

Im Prozess um den tödlichen Sturz aus einem Hochhaus in Trappenkamp (Kreis Segeberg) ist gestern vor dem Amtsgericht Segeberg die Abschrift des Notrufs verlesen worden, den das Opfer in den letzten Minuten seines Lebens führte. Der Dialog mit einer Beamtin der Leitstelle Elmshorn ist ein erschütterndes Dokument – und er wirft Fragen auf.

Im vergangenen Oktober war Evita R. (18) mit Freunden zu einer Party im zehnten Stock des Hochhauses gefahren – spät in der Nacht wurde die Feier überfallen. Die junge Frau, die einmal Erzieherin werden wollte, flüchtete auf den Balkon. Zunächst wählte sie den Notruf der Polizei, dann rief sie Kumpel Philip H. (23) an, der die Party bereits verlassen hatte. Der Lackierer sagt als Zeuge: „Ich hatte Evita noch nie so erlebt, das hat mich erschrocken. Eigentlich hatte sie vor niemandem Angst, sie stellte sich bei Streit sogar vor uns. Doch jetzt war sie vollkommen aufgelöst, in Todesangst, und stammelte, alle bekämen etwas auf die Fresse.“

Er habe Evita geraten, sich auf dem Balkon zu verstecken, erklärt Philip H. und fügt hinzu: „Ihr war es aber wichtig, den anderen zu helfen.“ Sie habe die Idee gehabt, vom Balkon ein Stockwerk tiefer zu steigen. „Ihre Begründung sei gewesen, dass die Polizei nicht ins Haus könne, weil die Klingel nicht funktioniere.“

Philip H. riet ihr davon ab, sagt: „Als ich dann noch einmal anrief, ging Evita schon nicht mehr ans Telefon.“

Sie war in den Tod gestürzt.

Das Protokoll des Notrufs macht deutlich, dass Evita R. sich offenbar verpflichtet fühlte, die Polizisten ins Haus zu lassen. Die Beamtin der Leitstelle hatte gefordert, sie solle „gefälligst an die Klingel“, wenn die Polizisten kämen. „Und wenn die Kollegen Sie nicht finden, dann gehen Sie runter und öffnen.“ Der Staatsanwalt kritisiert: „Die Polizei hat einer panischen Person nicht zu sagen, dass sie an die Klingel gehen muss. Man kann die Tür eintreten, wenn Gefahr im Verzug ist.“ Die Beamtin habe ganz offensichtlich nicht verstanden, in welcher Situation sich die junge Frau befand.

Für den Überfall verantworten müssen sich Intensivtäter Artur W. (19) und sein Großonkel Timo K. (31). Beide gestanden. Friseurlehrling Artur W. gab zu, ein Messer aus der Küche gegriffen zu haben. Einem der Opfer wurde ein Zahn ausgeschlagen, das zweite erlitt eine Platzwunde, das dritte ein blaues Auge. Die Anklage lautet auf gefährliche Körperverletzung und fahrlässige Tötung. Die Angeklagten aber behaupten: „Wir haben gar nicht gesehen, dass da auch noch ein Mädchen war.“

Der Staatsanwalt sieht trotz des verkorksten Notrufs die Angeklagten für die Zwangslage von Evita R. verantwortlich. Und er sagt: „Es wäre doch unerträglich, wenn im Ergebnis bliebe: Du warst selbst schuld und zu blöd, zu warten.“

Doch das Gericht sieht keinerlei Mitverantwortung der Angeklagten für den Tod von Evita R., lehnt eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung ab. „Evita R. hätte auch anders handeln können. Ihr Verhalten war eine eigenverantwortliche Selbstgefährdung“, so Richterin Silke Schneider. Sie spricht beide Männer nur wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung und Nötigung schuldig. Artur W. erhält zwei Jahre Jugendstrafe. Ob sie zur Bewährung ausgesetzt wird, entscheidet sich Ende des Jahres. Sein Großonkel Timo K. wird zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt.

Die Freunde von Evita R. verlassen während der Urteilsbegründung unter Türschlagen den Gerichtssaal.

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