Ungeklärte Mordfälle aus SH : Tödliche Intrige: Wie Zar Peter III. nach Russland zog und starb

Das Opfer: Zar Peter III..
Das Opfer: Zar Peter III..

Ein Zar mit Kieler Wurzeln wird in Russland Opfer eines Auftragsmordes. Ausgeführt von einem Schauspieler. Auftraggeberin: Katharina die Große. Gesühnt wurde die Tat nie.

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04. Januar 2015, 16:59 Uhr

Der Februar des Jahres 1742 war eisig. Der Schnee lag hoch. Eine Reise von Kiel nach St. Petersburg war daher ein gewagtes Unternehmen. Als einziges Transportmittel kam ein Schlitten in Frage. Für einen 13-jährigen Jungen als Passagier zunächst ein Abenteuer, das sich jedoch bald als Tortur herausstellte. Peter Ulrich hieß der Junge, sein bisheriges Leben hatte er im Kieler Schloss am Fördeufer verbracht. Er sollte einmal Herzog von Holstein werden, besaß außerdem Ansprüche auf den schwedischen Königsthron und war nun, in mehrere Bärenfelle gehüllt und von Vertrauten begleitet, auf dem Weg ins Reich seiner Tante, der Zarin Elisabeth. Er sollte ihr Nachfolger werden. Eine glänzende Zukunft schien ihm also bevorzustehen. Und er konnte nicht ahnen, dass es eine Reise in seinen gewaltsamen Tod werden sollte.

Wenn gleich zwei mächtige Staaten um einen Teenager aus Kiel warben, dann war dies darauf zurückzuführen, dass seinerzeit in der europäischen Oberschicht beinahe jeder mit jedem verwandt war. Peter Ulrich verbanden nicht nur mit dem schwedischen Königshaus Blutsbande, sondern auch mit der großen Zarenfamilie.

Da Tante Elisabeth, eine Schwester seiner früh verstorbenen Mutter, kinderlos war, wählte sie ihren Neffen als Nachfolger, und als sie den einsamen Entschluss gefasst hatte, musste der Zarewitsch auf schnellstem Weg herbei transportiert werden. Ob es in jenem fernen, ihm unbekannten Land auch Hunde gebe, wollte Peter Ulrich unter Tränen bei seiner überstürzten Abreise wissen; denn seine eigenen Holsteiner Bracken musste er in Kiel zurücklassen.

Obwohl die Schlittenfahrt als Staatsgeheimnis behandelt wurde, wusste ein mächtiger Herrscher Bescheid. Es war der Preußenkönig Friedrich der Große. Er erhoffte sich durch den Holsteiner auf dem Zarenthron politische Vorteile. Und wie sich zeigen sollte, wurden diese Erwartungen erfüllt. Aber damit beließ es Friedrich nicht. Er sorgte auch dafür, dass dem künftigen Zaren eine passende Gemahlin, natürlich eine Deutsche, zur Seite gestellt wurde. Damit lieferte der preußische König, ohne es zu ahnen, einen wesentlichen Beitrag zur späteren Mordtat.

Glanz und Gloria in St. Petersburg

Zunächst allerdings wurde Peter Ulrich für die eisige und anstrengende Reise belohnt. Vor dem Petersburger Winterpalast erwartete ihn eine jubelnde Menschenmenge, und die Festlichkeiten wollten kein Ende nehmen. Als er eine Woche später in Moskau einzog, gingen die Feierlichkeiten weiter. Prunk und Protz verwirrten den inzwischen 14-Jährigen. Was für ein Gegensatz zu dem beschaulichen Leben in Kiel.

Allerdings drohten auch ständig Gefahren. Zar in Russland, das war eine ständig vom Tod bedrohte Tätigkeit. Elisabeth hatte ihren Vorgänger abgesetzt und ins Gefängnis stecken lassen. Das war die mildeste Art, die Macht zu ergreifen. Die Anhänger des Verjagten sannen auch in diesem Fall auf Rache, planten eine Wiederherstellung der alten Verhältnisse. Mehrfach brachen Aufstände aus, bedroht war davon auch der Zarewitsch, der die Gefahr unterschätzte. Nachts pflegte er durch Moskau zu spazieren, unterhielt sich mit einfachen Bürgern. Musste er einmal nicht an einer Feier teilnehmen, worauf die tanzwütige und trinkfreudige Tante großen Wert legte, las er alles, was ihm in die Finger kam. Er sprach neben seiner Muttersprache Deutsch zusätzlich Französisch, Schwedisch und Latein. War zwar ziemlich skurril, vielleicht sogar ein wenig verrückt, aber wohl nicht der Dummkopf, als der er in den mit Vorsicht zu genießenden Memoiren seiner Frau und Nachfolgerin Katharina dargestellt wurde.

Peter Ulrich heiratete Sophie Auguste Frederike von Anhalt-Zerbst. Nach der Heirat nannte sie sich Katharina die Große.
Peter Ulrich heiratete Sophie Auguste Frederike von Anhalt-Zerbst. Nach der Heirat nannte sie sich Katharina die Große.
 

Der Schritt ins Verderben

1745, und damit nur zwei Jahre nach seiner Ankunft in St. Petersburg, fand die Hochzeit statt. Und das war für Peter Ulrich der entscheidende Schritt ins Verderben. Genau genommen begann das Drama bereits fünf Jahre früher, nämlich im Sommer 1739. Bei einem Familientreffen im Eutiner Schloss spielte die zehnjährige Sophie Auguste Frederike von Anhalt-Zerbst, genannt Fite, mit dem ein Jahr älteren Peter Ulrich. In ihren Memoiren berichtet sie, der Spielkamerad pflegte die Reste aus den Weingläsern der Gäste zu trinken. Für sie ein Zeichen dafür, dass ihr Gatte zum Alkoholiker geboren war.

Der gewiefte politische Strippenzieher Friedrich der Große unternahm schon bald nach dem Treffen von Eutin große Anstrengungen, um die beiden Verwandten zu einem Ehepaar zu machen. Und der Plan gelang mit Hilfe von Intrigen und Geschenken. Beide Partner zeigten sich für diese Kuppeldienste beim preußischen König später erkenntlich, obwohl Peter Ulrich dazu wahrlich keinen Grund hatte, denn die Ehe wurde für ihn zum Martyrium. Die gerade noch so reizende Sophie, die sich nach der Heirat Katharina nannte, entwickelte sich erstaunlich schnell zu einer ehrgeizigen Konkurrentin des Gatten, der nach dem Tod seiner Tante Elisabeth im Dezember 1761 als Peter III. den Zarenthron bestieg.

Bis heute gehen die Meinungen auseinander, ob Peter Ulrich ein guter oder ein schlechter Herrscher war. Nicht zu übersehen ist, dass er eine ganze Reihe von Reformen durchsetzte. Doch gerade damit machte er sich Feinde. Etwa bei der einflussreichen kaiserlichen Garde, die der Gattin reihenweise Liebhaber lieferte.

Umstritten war auch die Entscheidung des neuen Zaren, sofort Frieden mit dem bisher bekämpften Preußen zu schließen und stattdessen einen Krieg mit Dänemark anzuzetteln, um den Familienbesitz in Holstein zurückzuerobern. Für Friedrich den Großen bedeutete die Kehrtwende des neuen Zaren die Rettung vor der sicheren Niederlage in dem von ihm gegen Maria Theresia von Österreich angezettelten Siebenjährigen Krieg.

Tod im Jagdschloss

Die Ehe der beiden Deutschen war zu diesem Zeitpunkt bereits völlig zerrüttet, eine Scheidung aber kam dennoch nicht in Frage. Katharina wollte auch mehr, nämlich die Macht. Angestachelt von ihren diversen Liebhabern, vor allem vom Befehlshaber der Garde, Gregorij Orlow, plante sie die Absetzung des Zaren. Einiges spricht dafür, dass Katharina zunächst nicht an Mord dachte. Sie hätte es am liebsten gesehen, wenn der Gatte und Zar per Schiff zurück in die Heimat nach Kiel transportiert worden wäre. Mehr oder weniger freiwillig. Doch dann entglitten ihr die Ereignisse. Als Peter III. Anstalten machte, selbst an der Spitze eines Heeres gegen Dänemark zu ziehen, sahen Katharina und ihre Gefolgsleute die Chance zuzuschlagen. Der Zar wurde zum Amtsverzicht gezwungen und unmittelbar nach dem Abdanken festgesetzt.

Er hätte flüchten und mit seinen Getreuen kämpfen können. Doch er resignierte schnell, ließ sich demütigen. Wer ihn schließlich umbrachte, ist bis heute ungeklärt. Den Befehl gab wahrscheinlich Orlow, die Tat soll ein verkrachter Schauspieler ausgeführt haben, der jedoch nie angeklagt wurde. Fest steht, dass Peter III. Anfang Juli 1762 und damit knapp sieben Monate nach seiner Thronbesteigung erdrosselt wurde. Tatort war ein Jagdschloss in der abgelegenen Ortschaft Ropscha. Als offizielle Todesursache wurde „hämorridale Kolik“ genannt.

Katharina soll beim Empfang der Todesnachricht in Tränen ausgebrochen sein. Wohl weniger aus Trauer, sondern vielmehr deshalb, weil sie fürchtete, als Anstifterin der Tat beschuldigt zu werden. Die Bestürzung in Russland, auch an den europäischen Höfen, war groß. Für eine Beisetzung, wie sie eines Zaren würdig war, sorgte erst 34 Jahre später Peters einziger Sohn Paul, der 1796 nach dem Tod der Großen Katharina den Zarenthron bestieg.

Obwohl Katharina zumindest indirekt an der Ermordung ihres Gatten beteiligt war und zuvor sehr aktiv seine Absetzung betrieben hatte, hat diese Schuld ihrem Ansehen bis in die Gegenwart nicht geschadet. Sie gilt als dynamische Herrscherin, und es ist kein Zufall, dass ihr Porträt auf dem Schreibtisch von Kanzlerin Merkel steht. Auch der Ermordete erhielt hierzulande eine späte Ehrung. Vor dem Kieler Schloss, von wo Peter Ulrich zu seiner verhängnisvollen Reise nach Russland aufbrach, enthüllten Verehrer vor einigen Monaten ein Denkmal.

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