Amtsgericht Kiel : Todkranken bestohlen? - Freispruch für Rentner

Zwei Jahre lang stand ein Rentnerehepaar aus Magdeburg im Verdacht, den todkranken Freund in Kiel um 30.000 Euro bestohlen zu haben. Jetzt wurde es freigesprochen.

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04. August 2012, 10:02 Uhr

Kiel | Sie standen unter der Anklage des besonders schweren Diebstahls, ihre Konten waren gepfändet, nur ein Existenzminimum blieb ihnen. Doch am Donnerstag wurde ein Rentnerehepaar aus Magdeburg vom Vorwurf freigesprochen, einen todkranken Freund in Kiel um 30.000 Euro bestohlen zu haben. Stattdessen stehen nun zwei Belastungszeugen im Zwielicht. Gegen einen der beiden ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Es bestehe ein Anfangsverdacht.
Die beiden Brüder, ein Post- und ein Polizeibeamter, hatten Strafanzeige gestellt und vor dem Kieler Amtsgericht gegen das Ehepaar ausgesagt. Amtsrichter Christian Gembius verkündete aber nach dem Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" Freispruch. Die Aussagen der beiden Männer bezeichnete er als "wenig ergiebig". Er stellte ausdrücklich im Urteil fest, dass auch sie Zugang zur Wohnung und dem Geld hatten. Schließlich erinnerte sich einer der beiden Zeugen erst auf eindringliches Nachfragen des Verteidigers daran, dass auch er noch mit dem Todkranken auf der Bank war und mit ihm 10.000 Euro abhob. Wo dieses Geld geblieben ist, konnte er dem Gericht nicht erklären.
Staatsanwalt und Verteidiger hatten bereits auf Freispruch plädiert
In der mehrstündigen Verhandlung wertete der Amtsrichter die Angaben der 63-jährigen früheren Buchhalterin ausdrücklich als sehr glaubwürdig und detailliert. Staatsanwalt und Verteidiger hatten bereits auf Freispruch plädiert. Der Verteidiger fragte in seinem Plädoyer sogar, "ob nicht der wahre Täter grad auf dem Zeugenstuhl gesessen hat".
Nach Aussage der 63-Jährigen hatten sie und ihr Mann den inzwischen verstorbenen Freund wieder einmal im August 2010 besucht. Sie seien auf seinen Wunsch mit ihm zur Bank gefahren, wo er die 30.000 Euro abhob. Wofür das Geld bestimmt war, wisse sie nicht. Vielleicht habe er es seiner thailändischen Partnerin geben wollen, die er zurück in die Heimat schickte. Sie hätten den Mann mit dem Geld noch in dessen Wohnung gebracht, dann seien sie und ihr Mann abgereist.
Mit dem Urteil hat das Ehepaar wieder Zugang zu seinem eigenen Geld
Wenig später habe einer der beiden Brüder, die Kinder der früheren Lebenspartnerin des Verstorbenen sind, angerufen und die Rückgabe des Geldes gefordert. Andernfalls drohte Strafanzeige, berichtete die Frau. Im April 2011 habe dann plötzlich die Polizei vor der Tür gestanden und ihre Wohnung durchsucht. Dass das Ehepaar wegen der Finanzkrise seit längerem eigenes Geld bar in der Wohnung verwahrte, stärkte den Verdacht gegen sie. Die Belege über einen ordnungsgemäßen Besitz dieses Geldes waren den Ermittlern aber anscheinend bis zur Gerichtsverhandlung entgangen. Der Verteidiger machte nachdrücklich darauf aufmerksam.
Laut Anklage hatte das Ehepaar den Freund Ende August 2010 überredet, 30.000 Euro von seinem Konto abzuheben. Sie hätten dann das Geld gestohlen, als ihr Opfer ins Krankenhaus musste. Mit dem Urteil hat das Ehepaar nun wieder Zugang zu seinem eigenen Geld. Ihre Prozess- und Reisekosten trägt die Landeskasse. Der Druck, der von den Rentnern abfiel, war deutlich zu spüren.

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