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Prozess in Aachen : Tod auf der Gorch Fock: Warum Jenny Bökens Eltern klagten

vom
Aus der Onlineredaktion

Die 18-Jährige Kadettin kam 2008 auf der Gorch Fock ums Leben. Die Umstände sind noch immer nicht ganz geklärt. Fragen und Antworten.

shz.de von
erstellt am 21.Okt.2014 | 19:50 Uhr

Was geschah im September 2008 an Bord der Gorch Fock?

Aachen | Am 3. September 2008 starb die Gorch Fock-Kadettin Jenny Böken. Die genauen Umstände sind immer noch unklar. Die 18-Jährige aus Geilenkirchen in Nordrhein-Westfalen war nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Kiel während ihrer Nachtwache in jener Septembernacht gegen 23.43 Uhr aus ungeklärten Umständen über die Reling gestürzt und ertrunken. Das Unglück geschah 15 Kilometer vor der ostfriesischen Insel Norderney. Mit Rettungsbooten, Flugzeugen und Hubschraubern wurde vergeblich nach der Soldatin gesucht. Erst elf Tage später entdeckte die Besatzung eines Fischereiforschungsschiffs die Leiche 120 Kilometer nordwestlich von Helgoland.

Wie kam es zu dem Unglück?

Jenny war allein, als das Unglück passierte. Es gibt keinen Zeugen, der ihren Sturz beobachtet hat. Dennoch wurde der Sturz sofort bemerkt. Ein Marinesprecher: „Ein Soldat hat einen Schatten bemerkt und die richtigen Schlussfolgerungen gezogen, nämlich dass da jemand über Bord gegangen ist." Beim Abzählen der Mannschaft sei dann das Fehlen der jungen Frau entdeckt worden.

 „Das Mädchen ist ertrunken. Fremdverschulden können wir als Todesursache ausschließen“, sagte der Kieler Oberstaatsanwalt Uwe Wick nach den ersten Ermittlungen. Das habe die sofortige Obduktion der Leiche von Jenny Böken gezeigt. Auch weitere Untersuchungen brachten keine weiteren Erkenntnisse. „Die Ursache für den Todesfall konnte nicht abschließend festgestellt werden“, heißt es. Die Staatsanwaltschaft schloss im Ergebnis ihrer Ermittlungen Anfang 2009 eine Straftat ebenso aus wie Selbstmord und sprach von einem tragischen Unglück. Die Eltern der toten Soldatin zweifeln daran. Sie sehen mehrere Ungereimtheiten.

Worum geht es vor Gericht?

Marlis und Uwe Böken haben die Bundesrepublik Deutschland auf 40.000 Euro Entschädigung nach dem Soldatenversorgungsgesetz verklagt. Nach diesem Gesetz steht den Eltern eines Soldaten eine Entschädigung zu, wenn dieser bei der Dienstausübung unter besonderer Lebensgefahr stirbt. Das Gericht hatte sich Anfang August einen Eindruck vom Arbeitsplatz bei einem Ortstermin auf der Gorch Fock verschafft. Die Eltern waren bei dem Termin mit auf dem Schiff. Ob die Richter direkt nach der mündlichen Verhandlung an diesem Mittwoch schon entscheiden werden, ist offen.

Ist es der erste Prozess?

Nein. Es ist nicht das erste Bestreben der Eltern, den Tod ihrer Tochter juristisch aufzuarbeiten. Die Eltern werfen der Staatsanwaltschaft Kiel ungenügende Ermittlungen vor: Es gebe viele Ungereimtheiten und Widersprüche, denen die Ermittler nicht nachgegangen seien. Seit Jahren strengen sie ein juristisches Verfahren nach dem anderen an, um Klarheit darüber zu bekommen, unter welchen Umständen ihre Tochter starb - bisher vergeblich.

Ein Antrag auf eine Wiederaufnahme des Falls wurde im Jahr 2011 von der Staatsanwaltschaft in Kiel abgelehnt. Da nach Ansicht der Eltern nicht alle potentiellen Zeugen von den Ermittlungsbehörden befragt worden sind, haben sie im Mai 2012 über ihren Rechtsanwalt beim Oberlandesgericht Schleswig zwei sogenannte Klageerzwingungsverfahren in Gang gesetzt. Am 12. Juni 2012 wurde durch das OLG Schleswig in beiden Verfahren gegen die Einleitung eines Verfahrens entschieden.

Hätte Jenny Böken besser gesichert werden müssen?

Ein Vorwurf der Eltern: Ihre Tochter war nicht ausreichend gesichert. Jenny Böken hat bei ihrer Nachtwache keine Schwimmweste getragen und stand nachts ungesichert auf dem Postenausguck vorn auf der Gorch Fock - dort, wo das Schiff am meisten schaukelt. Laut Staatsanwaltschaft bestand keine Notwendigkeit für eine Sicherung. „Die Voraussetzungen dafür lagen … nicht vor. In der Nacht vom 03. zum 04.09.08 herrschte eine gute Wetterlage. Eine Anordnung zum Tragen von Notfallmitteln hätten die Verantwortlichen des Segelschulschiffes nur bei 'schwerer See' treffen müssen.“, heißt es in einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft.  Jennys Eltern widersprechen dieser Aussage. Nach Recherchen der Eltern herrschte bei der Nachtwache der jungen Frau schwere See bei 15 Grad Wassertemperatur. Leute im Rettungsboot hätten von 3,50 Meter hohen Wellen gesprochen.

War Jenny Böken ungeeignet für den Nachtdienst?

Das Unglück geschah zum Ende der Schicht, die von 20 bis 24 Uhr dauert. Sechs Jahre nach dem Tod der Kadettin hat sich eine neue Zeugin gemeldet. Jenny Böken habe Schlafprobleme gehabt. Immer wieder sei sie im Dienst eingeschlafen, zahlreiche Aussagen und eine Beurteilung der Marineschule Mürwik belegten das. Das ehemalige Besatzungsmitglied erhebt laut dem Nachrichtenmagazin Spiegel schwere Vorwürfe gegen den damaligen Schiffsarzt. Dieser habe entgegen seiner Aussage sehr wohl von Bökens Schlafproblemen gewusst. Dennoch war die Sanitätsoffizieranwärterin an jenem Abend für den Ausguck eingeteilt. Weitere Vorwürfe erhebt der Anwalt der Eltern, Rainer Dietz, schon seit längerem. Jenny Böken sei laut Musterungsakten für den Dienst an Deck untauglich gewesen. Trotzdem habe der Arzt sie dort Dienst tun lassen, sagte der Anwalt.

Hat die Staatsanwaltschaft ausreichend ermittelt?

Nach dem Todesfall leitete die Staatsanwaltschaft umfangreiche Vorermittlungen ein: Sie befragte in 82 Vernehmungen Stammcrew und Ausbildungsmannschaft der Gorch Fock und stellte in Dublin an Bord der Gorch Fock die Ereignisse aus der Unglücksnacht nach. All dies sowie die rechtsmedizinischen und kriminaltechnischen Untersuchungen ergaben nach Angaben des Kieler Oberstaatsanwalts Uwe Wick keine „zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für das Vorliegen einer verfolgbaren strafrechtlichen Verantwortlichkeit für den Tod der Seekadettin“. Auch Mutmaßungen über einen möglichen Zusammenhang zwischen einer etwaigen Erkrankung der Offiziersanwärterin und dem Unglück könnten nicht bestätigt werden, hieß es weiter. Die Eltern der toten Soldatin werfen der Staatsanwaltschaft vor, nicht ausreichend ermittelt zu haben. Vielen Ungereimtheiten seien die Ermittler nicht nachgegangen.

Wo sehen die Eltern weitere Ungereimtheiten?

Die Eltern von Jenny Böken fanden nach Durchsicht der Akten mehrere Unstimmigkeiten. Jenny sei mit Uniformhose und T-Shirt bekleidet gewesen, allerdings ohne Stiefel. „Das passt nicht zusammen“, sagt Uwe Böken. Beim Kampf gegen das Ertrinken könne sie die Stiefel nicht abgestreift haben, glaubt er.

Um 23.43 Uhr ertönte der Ruf „Mann über Bord“. Da ein Mensch akut in Lebensgefahr war, hätte über Sprech- und Datenfunk das dringlichste Notsignal „Mayday“ gegeben werden müssen, sagt Uwe Böken: „Zu der Zeit war Krabbensaison. Ich weiß, dass über 40 Fischerboote in der Gegend waren, die sicher alle bei der Suche geholfen hätten.“ Stattdessen habe die Gorch Fock laut Akte das abgeschwächte Notsignal „Pan-Pan“ gegeben, üblich bei einem zweitrangigen Notfall, etwa einem technischen Defekt. Aber selbst wenn fremde Schiffe hätten helfen wollen - sie wären nicht in der Lage gewesen, erklärt Böken. Aus den Akten gehe hervor, dass die Gorch Fock kurz nach dem Unfall ihren Funkrufnamen ausgeschaltet habe, das sei so was wie der Absender-Name im Funk. Die Gorch Fock selbst habe nach nur einer dreiviertel Stunde ihre Fahrt fortgesetzt.

Warum war Jenny Böken bei der Marine?

Nur zwei Monate vor dem Unglück, am 1. Juli, hatte Jenny bei der Marine ihren ersten Arbeitstag. Sie hatte sich für 17 Jahre verpflichtet. Sie wollte Medizin in Düsseldorf studieren und Sanitätsoffizierin werden. Fotos zeigen eine lebensfroh wirkende junge Frau mit glatten, langen Haaren - auf allen Bildern ein Schmunzeln auf den Lippen. Ein Motiv zeigt ihre „Marine-Fan-Wand“ mit Postkarten und Schiffsmotiven. Darüber prangt der in Goldschrift ausgedruckte Satz auf blauem Papier „2008 wird mein Jahr!“.

Wie setzte die Gorch Fock die Reise fort?

Militärgeistliche und ein Kriseninterventionsteam betreuten die Mannschaft nach dem Unfall. Gruppen- und Einzelgespräche sollten dabei helfen, das Geschehene zu verarbeiten. „Eine sinnvolle Beschäftigung ist die beste Art und Weise, ein Trauma zu überwinden“, erläutert der Kommandant. Deshalb bemühten sich Crew und Kadetten, bereits nach wenigen Tagen zum Bord-Alltag zurückzukehren. Drei Soldaten nahmen aufgrund der Ereignisse nicht an der weiteren Reise teil. „Ich habe lange gebraucht, bis ich den Blick wieder nach vorne richten konnte“, sagt der Kapitän. Erst als das Schiff in Dublin einlief, sei die Mannschaft allmählich wieder helleren Mutes gewesen. Später gab es auch einen Teamwechsel bei den Offiziersanwärtern.

Seit wann gibt es die Ausbildung auf der Gorch Fock?

Das legendäre Segelschulschiff Gorch Fock ist das älteste Schiff der deutschen Marine, es gilt als Botschafterin Deutschlands auf den Weltmeeren. Gebaut wurde es auf der Hamburger Werft Blohm & Voss, im August 1958 lief es vom Stapel.

Benannt ist das Schiff nach dem Schriftsteller Gorch Fock, der im Ersten Weltkrieg in einer Seeschlacht starb.

Der Dreimaster hat eine 85-köpfige Stammbesatzung, dazu kommen bis zu 138 junge Lehrgangsteilnehmer. In mehr als 50 Jahren wurden rund 14.500 Kadetten auf der Gorch Fock ausgebildet - viele berichteten anschließend von einer extrem harten Ausbildung. 1989 kamen mit fünf Sanitätsoffiziersanwärterinnen erstmals Frauen an Bord.

Laut Marine sollen die Lehrgangsteilnehmer an Bord das „grundlegende seemännische Handwerk“ erlernen. „Sie erfahren in der Praxis die Bedeutung von Teamwork und Kameradschaft.“ Allerdings werde den Lehrgangsteilnehmern und der Crew „sowohl beim Aufentern in bis zu 45 Meter Höhe als auch beim Segelsetzen viel abverlangt“, heißt es auf der Marine-Homepage. Die Gorch Fock ist 89 Meter lang und 12 Meter breit, der Tiefgang beträgt 5,25 Meter. Fock- und Großmast sind 45,30 Meter hoch, der Besanmast etwa 40 Meter. Eine Diesel-Antriebsanlage erlaubt eine Geschwindigkeit mit dem Motor von 12 Knoten (etwa 23 Kilometer in der Stunde). Die Höchstgeschwindigkeit unter Segeln liegt bei rund 17 Knoten, bei ihrem Rekord war sie 18,2 Knoten schnell. Die Gorch Fock untersteht der Marineschule Mürwik bei Flensburg, Heimathafen ist Kiel.

Gab es weitere Unglücke auf der Gorch Fock?

Während der Lehrgänge kam es mehrfach zu Unglücken und Todesfällen.

Am 1. April 1959 kam ein Oberleutnant zur See ums Leben.

Auf der zwölften Ausbildungsreise stürzte am 9. Mai 1963 im Hafen von Puerto de la Luz, Las Palmas, Gran Canaria ein Obergefreiter aus dem Großmast.

Am 17. September 1998 verunglückte ein Offiziersanwärter auf See nordwestlich von Skagen durch einen Sturz von der Groß-Obermars an Backbordseite aus zwölf Metern Höhe tödlich.

Im Mai 2002 starb ein 19-jähriger Soldat auf See südöstlich von Island nach einem Sturz vom Großmast.

Während eines Hafenaufenthalts in Salvador da Bahia (Brasilien) starb am 7. November 2010 eine 25-jährige Offizieranwärterin im Dienstgrad Obermaat (OA) durch einen Sturz unterhalb der Untermarssegel vom Großmast an Backbord aus 27 Metern Höhe beim Niederentern. Die Lehrgangsteilnehmerin war am 5. November 2010 in Brasilien eingeschifft worden.

 
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