Landgericht Kiel : Tochter beschuldigt Vater des Mordes

Weil die Mutter 14 Jahre lang nicht aufhörte, nach der ältesten Tochter zu fragen, brach die jüngere Schwester ihr Schweigen.

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18. Juni 2011, 10:08 Uhr

15 Jahre nach dem gewaltsamen Tod ihrer Schwester hat eine 33-jährige Frau ihren Vater des geplanten Mordes beschuldigt. "Ich glaube sie ist schwanger, ich muss sie beseitigen" - so habe ihr Vater den Tod der ältesten Tochter angekündigt, sagte die Zahnarzthelferin am Donnerstag vor dem Kieler Landgericht. Sie selbst habe ihm bei der Beseitigung der Leiche helfen müssen. Er habe sie in der Garage vergraben, sie draußen aufgepasst.
Die Anklage wirft dem 69-Jährigen türkischer Herkunft Mord vor. Er soll im Februar 1996 seine Tochter getötet haben, weil sie von ihm schwanger war und das niemand erfahren durfte. Die Tochter lebte nach Ablauf ihres Touristenvisums illegal in Deutschland. Ihr Verschwinden fiel den Behörden darum nie auf.
"Die Sache ist erledigt. Guck auf den Balkon"
Der Angeklagte habe ihr genau erzählt, wie er die Schwester töten wolle, sagte seine Tochter: "Er wollte mit einem Holzstock auf ihren Nacken hauen, während sie am Küchentisch saß", sagte die junge Frau, die im Verfahren auch Nebenklägerin ist. Als sie eines Tages aus der Schule kam, habe er die Tür abgeschlossen und gesagt: "Die Sache ist erledigt. Guck auf den Balkon." Dort habe sie in einem Sack Kopf und Rumpf der toten Schwester gesehen. Arme und Beine waren abgetrennt. Sie habe bis zur Dunkelheit warten müssen, sagte sie. Dann sei die Leiche in die Garage gebracht und vergraben worden.
Nach der Tat habe der Vater sie "zum Schweigen bis ins Grab" verpflichtet, so die Tochter. "Er sagte, wenn ich was sagen würde, würde mir dasselbe passieren." Die Mutter war zum Zeitpunkt des Verbrechens auf einer vom Vater beantragten Kur. Als sie heimkam und die Tochter sofort vermisste, hieß es, sie sei von der Polizei abgeholt und in die Türkei abgeschoben worden. Doch all die Jahre gab die Mutter keine Ruhe - auf ihr Drängen hin brach schließlich die Tochter ihr Schweigen und zeigte den Vater dann auf Anraten ihres Mannes an. Von Amts wegen laufen auch Ermittlungen gegen die Tochter, und zwar wegen einer möglichen Beihilfe zum Totschlag und nicht angezeigter geplanter Straftaten.
Der Vater hatte zu Prozessbeginn die Tötung der Tochter gestanden
Nach der Strafanzeige gegen den Vater wurden im Dezember 2010 Knochenreste der Toten in der Garage gefunden und der 69-Jährige verhaftet. Weil es dort im Laufe der Zeit fürchterlich gestunken habe, habe er die Erde immer wieder umgegraben und begossen, erklärte die Tochter. Später habe er dann die Knochen ausgegraben und im Müll entsorgt. Das Hochhaus, in dem die damals 29-Jährige in der Familienwohnung im sechsten Stock starb, wurde längst abgerissen.
Der Vater hatte zu Prozessbeginn die Tötung der Tochter gestanden, aber als Unfall dargestellt. Er habe sie im Streit nur mit einem Schlag mit der Rohrzange bedrohen wollen. Weil sie aber aufgestanden sei, habe er sie tödlich getroffen.
Tochter, Mutter und Bruder schilderten den schmächtig wirkenden Angeklagten vor Gericht als despotisches Familienoberhaupt. Er habe seine Kinder nie geliebt, sagte die Mutter unter Tränen. Er habe sie, den Bruder und die Schwester missbraucht, sagte die Tochter. Vor Gericht berichteten die Familienangehörigen von schweren Misshandlungen der ältesten Tochter und des Sohnes. Sein Wort sei Gesetz gewesen, keiner habe gegen ihn aufmucken dürfen, fasste die Tochter das Geschehen in der Familie zusammen, die nach Zeugenaussagen nach außen hin heil wirkte.
(dpa, shz)

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