Arbeitsdruck in Schlachthöfen : Tiere müssen unnötig leiden

In den 5100 in Deutschland zugelassenen Schlachthöfen wurden im vergangenen Jahr mehr als 59 Millionen Schweine und 3,7 Millionen Rinder geschlachtet. Foto: dpa
In den 5100 in Deutschland zugelassenen Schlachthöfen wurden im vergangenen Jahr mehr als 59 Millionen Schweine und 3,7 Millionen Rinder geschlachtet. Foto: dpa

Eine hohe Fehlerquote bei der Betäubung von Schweinen und Rindern lässt die Tiere vor ihrem Tod qualvoll leiden. Tierschützer sehen als Grund das Töten im Akkord.

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23. Juni 2012, 12:16 Uhr

Husum/Berlin | Was Tierschützer schon lange sagen, hat die Bundesregierung jetzt bestätigt: In Schlachthöfen müssen Tiere oft unnötig leiden. Weil der Zeitdruck extrem hoch ist, werden Schweine und Rinder offenbar oft nicht richtig betäubt. Die Fehlerquote bei Rindern liege bei über neun Prozent, heißt es in einer Antwort der Regierung auf eine Anfrage der Grünen mit Hinweis auf Studien. Bei Schweinen betrage sie bis zu 12,5 Prozent, wenn elektrische Geräte von Hand bedient würden. Die grausame Folge: Die Tiere erwachen vor dem Todesstich wieder oder werden, wenn schlecht geschultes Personal daneben sticht, lebendig ins Brühbad gesenkt.
In Schleswig-Holstein wird hauptsächlich in Nordfriesland auf vier großen Schlachthöfen im Akkord geschlachtet. "Wir würden es nicht akzeptieren, wenn auch nur ein Prozent der Tiere nicht richtig betäubt wäre", sagt Dieter Schulze, Leiter des Veterinäramts im Kreis Nordfriesland. Seine Mitarbeiter seien bei jeder Schlachtung dabei. "Anlieferung, Betäubung, Schlachtvorgang, alles wird überwacht." Und die Schlachthöfe hätte hohe Summen in modernste Betäubungstechnik investiert.
Nur fünf Sekunden für den Stich
Wie sterben die Tiere? Bei Rindern werden vorwiegend Bolzenschussgeräte eingesetzt. Schweine werden entweder automatisch mit Kohlendioxid oder per Hand mit einem Stromstoß betäubt. In den 5100 in Deutschland zugelassenen Schlachthöfen wurden im vergangenen Jahr mehr als 59 Millionen Schweine und 3,7 Millionen Rinder geschlachtet. Für das fachgerechte Töten per "Entblutestich" blieben nur etwa fünf Sekunden Zeit, heißt es von der Regierung. Ihre Forderung: "Eine wirksame Betäubung und deren ordnungsgemäße Überwachung sowie das Feststellen des Fehlens von Lebenszeichen bei jedem einzelnen Tier vor Beginn der weiteren Schlachtarbeiten." "Genau diese Aufgabe leisten wir bereits", entgegnet Veterinäramtsleiter Schulze. Und Heike Harstick, Hauptgeschäftsführerin im Verband der Fleischwirtschaft, sagt: "Die Zahlen, die da kursieren, sind schon über zehn Jahre alt." Inzwischen habe sich einiges getan.
Doch der Preiskampf in der Fleischindustrie sei nicht zu leugnen, sagt Frigga Wirths vom Deutschen Tierschutzbund. "Der extreme Arbeitsdruck ist die Ursache für die Zustände in den Schlachtbetrieben." Die Grünen fordern deshalb, Betäuben und Töten verpflichtend aus der Akkordarbeit herauszulösen. Die Bundesregierung geht einen anderen Weg: Sie will jetzt die Forschung zur "tierschutzgerechten Tötung" fördern.

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