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Pfusch im OP : Tausende Patienten beklagen Ärztefehler

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Ärztepfusch: Mehr als 23.000 Bürger beschwerten sich 2012 bei Krankenkassen und Ärztekammern. Jeder dritte Verdacht wurde bestätigt.

shz.de von
erstellt am 17.Mai.2013 | 12:51 Uhr

Berlin/Kiel | Wenn statt des linken das rechte Knie operiert wird oder der "tote" Zahn trotz Wurzelbehandlung höllisch weh tut, ist die Sache klar: Da ist etwas schief gelaufen. In anderen Fällen ist die Sachlage komplizierter und für den medizinischen Laien schwer zu durchschauen. Häufig kann er nur vermuten, dass die Behandlung nicht ordnungsgemäß erfolgte. Diese Vermutung haben in Deutschland im vergangenen Jahr mehr als 23.000 Bürger geäußert und sich wegen des Verdachts auf fehlerhafte Operationen und Therapien bei den Krankenkassen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern beschwert. Immerhin in jedem dritten Fall bestätigten die Gutachter den Verdacht.
3932 Behandlungsfehler wurden allein von den Gutachtern des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) registriert. Sie erstellten 12.483 Expertisen, wie der Dienst gestern in Berlin mitteilte. Auch Fälle von unzureichend geführten Akten nach Pfusch im Operationssaal seien aufgedeckt worden. "Die Zahl der Vorwürfe und der nachgewiesenen Behandlungsfehler geht nicht zurück", sagte MDK-Expertin Astrid Zobel. "Es stehen auch schwere Schicksale dahinter bis hin zu Todesfällen oder dauerhaften Beeinträchtigungen."

Zähne, Hüfte und Knie am häufigsten fehlerhaft behandelt


Während bundesweit jeder dritte MDK-Fall zugunsten des Patienten ausfiel, lag die "Fehlerquote" bei den 802 Fällen des MDK-Nord (Hamburg und Schleswig-Holstein) bei 25 Prozent. Also: Nur jeder vierte Patient lag mit seiner Vermutung richtig.
Fehlerhafte Behandlungen kamen am häufigsten bei Therapien von Zahnmark und -wurzel vor, bei Hüft- und Knie-Operationen sowie Behandlungen von Karies und Brüchen. Rund zwei Drittel der Verdachtsfälle beim MDK betrafen Kliniken, ein Drittel die Praxen, sagte Zobel. Orthopädie und Chirurgie führten mit fast 6000 Vorwürfen die Liste an. Bei Beschwerden über ambulante Behandlungen ging es ebenfalls meist um die Orthopädie (19,4 Prozent), gefolgt von Frauenheilkunde.
Bei den Gutachterstellen der Ärzte wurden 2012 bundesweit zusätzlich rund 11.000 Patienten vorstellig. Allein 362 Fälle aus Schleswig-Holstein meldet die Norddeutsche Schlichtungsstelle für Arzt haftpflichtfragen. 180 Fälle wurden entschieden. "In 64 Fällen wurde ein Diagnose-, Behandlungs- oder Aufklärungsfehler und ein darauf zurückzuführender Gesundheitsschaden festgestellt", bestätigte die Ärztekammer in Bad Segeberg. Zu 70 Prozent betrafen die Entscheidungen Fälle aus dem Klinikbereich; in 30 Prozent der Fälle ging es um Behandlungen durch Niedergelassene.

Dunkelziffer unbekannt


Erstaunlich: Während sich der Verdacht auf einen Behandlungsfehler bei den ärztlichen Schlichtungsstellen in jedem dritten Fall bestätigt, liegt die "Erfolgsrate" bei der Schadensstelle der AOK in Kiel niedriger. Deren Sachverständiger Holger Thomsen geht jährlich bis zu 250 vermuteten Behandlungsfehlern nach. In 80 Prozent wird kein beweisbarer Medizinschaden festgestellt. In anderen Fällen wurden bösartige Tumore über Jahre nicht abgeklärt. "Häufig entstehen Medizinschäden nur deshalb, weil auf eine ohne Verschulden eingetretene Komplikation nicht richtig oder nicht rechtzeitig reagiert wird", so Thomsen. Dies passiere etwa bei Entzündungen in Gelenken nach Injektionen, bei Venenentzündungen und Thrombosen oder bei Bauchfellentzündungen nach Operationen im Bauchraum.
Die bei MDK und Schlichtungsstellen auflaufenden Fälle sind nur die Spitze des Eisberges. Die Gesamtzahl aller Behandlungsfehler ist unbekannt. Das Gesundheitsministerium geht von bis 170.000 Fällen pro Jahr aus. Nach Schätzung des "Aktionsbündnis Patientensicherheit" liegt die Zahl der Patienten, die durch ein vermeidbares Ereignis im Rahmen einer medizinischen Behandlung versterben, schon bei etwa 17.000 pro Jahr.
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