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Kiel : Tankstelle als Nabel der Fußball-Welt

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Inoffiziell heißt die Kieler Kreuzung Knooper Weg/Olshausenstraße schon Jürgen-Klinsmann-Platz: Hunderte Fans treffen sich dort nach jedem deutschen WM-Sieg.

Kiel | Jörg Schwartinsky (42) ist seit 2004 Pächter der Shell-Tankstelle am Knooper Weg in Kiel. Einen Fernseher oder ein Radio braucht er am Arbeitsplatz nicht, um zu wissen, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft wieder ein Spiel bei der Weltmeisterschaft gewonnen hat. Ein Blick vor die Tür reicht da vollkommen aus.
Wenn Deutschland gewinnt, dann wird die Kreuzung Knooper Weg/Olshausenstraße einschließlich Tankstellengelände stets zum Schauplatz eines Spektakels. "Das ging 2006 während der WM in Deutschland los. Am Anfang war das eher eine kleinere und spontane Geschichte", erinnert sich Jörg Schwartinsky. Mittlerweile wirke die Sache mehr und mehr durchorganisiert. Warum sich die Fans ausgerechnet diese Kreuzung ausgesucht haben, vermag er nicht zu sagen. "Vielleicht, weil hier so viele Studenten auf der Ecke wohnen", vermutet Schwartinsky.
"An den Tagen, an denen Deutschland spielt, haben wir mehr Personal da"
Mehrere Hundert Fußball-Fans fanden sich zuletzt nach dem 4:0-Erfolg über Argentinien auf der Kreuzung ein und stimmten - über ein Megafon dazu aufgefordert - gemeinsam die ersten Zeilen des Liedes "Dont cry for me Argentina" an. Deutschland-Fahnen wurden durch die Nachmittagshitze geschwenkt, ein schwarzer Plastikball war das umherfliegende Objekt der Begierde, Vuvuzelas und Tröten sorgten für zusätzlichen Lärm. Der scheint hier kaum jemanden zu stören.
"Es herrscht fast immer eine fröhlich-friedliche Party-Atmosphäre auf der Kreuzung. Und es ist nach ein, zwei Stunden dann ja auch immer vorbei. Ich glaube, dass diese Partys während einer EM oder WM weitgehend akzeptiert sind", sagt Schwartinsky. Den waschechten Kieler freut es, dass die Polizei das Feiern zulässt und deeskalierend vorgeht. Problematisch werde es erst dann, wenn die Feiernden unvorsichtig werden. "Neulich sind ein paar Leute mit einer Fahne auf das Dach der Tankstelle geklettert. Das ist extrem gefährlich und definitiv nicht erwünscht. Weder von uns noch von der Polizei. Denn sechs Meter sind immer noch sechs Meter, auch in Feierlaune."
Dennoch: Jörg Schwartinsky gönnt es den Leuten, dass sie gut drauf sind und feiern können. "Es gibt genug schlechte Nachrichten auf der Welt. Und wir wollen doch alle, dass Deutschland Weltmeister wird", sagt er. Dass sich Erfolge der DFB-Elf durch die Partys auf der Kreuzung - in manchen Kreisen schon in "Jürgen-Klinsmann-Platz" umbenannt - auch positiv beim Umsatz bemerkbar machen, sei ein schöner Nebeneffekt. "An den Tagen, an denen Deutschland spielt, haben wir mehr Personal da. Auch das Getränkelager wird vorsichtshalber aufgestockt", berichtet Jörg Schwartinsky. Auf das heutige Halbfinale gegen Spanien sind er und seine Mitarbeiter auf jeden Fall gut vorbereitet. Schwartinskys Tipp: 2:0 - und eine gute Party.

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erstellt am 08.Jul.2010 | 08:05 Uhr

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