zur Navigation springen

Selbstversuch : Survival-Training in SH: „Überleben ist kein Picknick“

vom

Zwischen Asseln und Ekel: Unser Reporter hat sich auf einen Selbstversuch eingelassen. Wozu sind Körper und Wille bereit, wenn es um das nackte Überleben geht? Survival-Trainer Jan Eisfeldt hat Antworten.

Als Jan Eisfeldt einen dicken bemoosten Ast vom Boden löst, weiß ich, dass der Moment gekommen ist: Insekten! „Wenn du auf dich allein gestellt bist, darf Ekel keine Rolle spielen. Du bist auf jede Form von Energielieferanten angewiesen.“ Und vor uns krabbeln eine Menge Energielieferanten auf dem feuchten schwarzen Waldboden. Jan erwischt eine der Asseln „Diese hier zum Beispiel sind ein netter kleiner Snack“, sagt der Überlebenstrainer und steckt den Siebenfüßler ohne zu zögern in den Mund. Als sei es ein köstlicher Marshmallow. Noch während er kaut, setzt Jan Eisfeldt auch mir eine Assel auf die Hand. „Und jetzt du.“

Der 39-jährige Neumünsteraner ist Ausbilder für Überlebenstrainings. Dass Insekten Teil des Survival-Kurses sein werden, wusste ich, als wir den Termin in einem Waldstück südlich von Neumünster vereinbarten. Das Krebstier huscht auf meiner Handfläche hin und her. Sein Panzer schimmert und die Antennen ertasten meine Haut. Ich denke an Keller, Dunkelheit – und kämpfe. Offensichtlich zu lange. „Ich erlöse dich mal“, sagt Jan und genehmigt sich auch diese Assel. Ich hatte gehofft, an dieser Stelle meines Überlebenstrainings nicht zu scheitern. Aber die Gelegenheit, das wiedergutzumachen, wird sich schon bald bieten.

Diese Prüfung stellt Jan – mit dem man schnell per Du ist – vielen seiner Kursteilnehmer. Meine kleine Assel sei nichts im Vergleich zu Maden. Da würden selbst die härtesten Kerle scheitern. Ein Erklärung dafür ist eigentlich unnötig, aber ich lerne, dass das an einem „fluffigen“ Kaugefühl liegt. „Den Ekel zu überwinden muss man trainieren“, sagt der Ex-Soldat. „Wer sich in einer Überlebenssituation im Dschungel übergeben muss, läuft Gefahr zu dehydrieren.“ Wasserverlust löst einen gefährlichen Kreislauf aus. Man wird schwächer, krank. Und ein kranker Mensch ohne Hilfe, der Natur ausgeliefert – „Das willst du nicht erleben“, sagt Jan.

Zum Glück ist das heute nicht der Fall. Wir machen einen „Cheating-Day“, wie es der Survival-Experte nennt. Eine sechs Stunden lange Schnell-Einführung in die Kunst des Überlebens mit viel Hilfestellung durch den Ausbilder. Normalerweise gehen die Kurse von Jan Eisfeldt über ein Wochenende. Das Programm entspricht dem menschlichen Überlebensbedürfnissen: Wasser, Wärme, Nahrung, Schutz. „Für diese Basis müssen wir je nach Umgebung sorgen.“ Und die ist in meinem Fall dankbar. Zwar ist es etwas frisch, aber dafür feucht. Stürme haben reichlich Totholz hinterlassen. Ein Feuer zu entzünden wird nach den Regenfällen der vergangenen Nacht herausfordernd, dafür muss ich mir keine Sorgen ums Verdursten machen.

Für den akuten Wasserbedarf hilft uns schon der Waldboden. Jan kniet sich auf den Boden und zeigt auf das Moos: „Der perfekte Wasserspeicher.“ Ich drücke den grünen Büschel wie einen Waschlappen und habe schnell einen kostbaren Schluck in der Hand. Die Überwindung ist hier doch deutlich geringer als bei einer Assel. Moos-Wasser schmeckt im wahrsten Sinne erdig. Und ist zudem in so kleinen Mengen ungefährlich, weiß mein Ausbilder. In einem nahe gelegenen Graben füllen wir unsere Wasserflasche. Wir werden den Inhalt später abkochen und mit einer Entkeimungstablette reinigen.

Hilfsmittel sind erlaubt. „Ich mache kein Steinzeit-Survival“, erklärt Jan. Es gehe nicht darum, aus Mehlsamen Brot zu machen. „Ich nehme meine Kunden aus ihrer zivilisierten Welt mit und zeige ihnen, wie sie sich mit wenigen und günstigen Überlebensartikeln auf den Ernstfall vorbereiten können.“ Das kann schon ein Tampon sein, der zerpflückt bester Zunder ist und sich auch als Wasserspeicher eignet.

Zum Überlebenstraining kam der gelernte Tischler und Bürokaufmann über die Bundeswehr. Zwölf Jahre lang war Jan Eisfeldt Teil der sogenannten Krisenreaktionskräfte – eine mittlerweile aufgelöste Eingreiftruppe mit besonderer Ausbildung zur Aufklärung in Krisenregionen. Von dort aus ging es 2009 als Sachbearbeiter zum Neumünsteraner Begegnungszentrum „Kiek in“.  Doch die Lust am Überlebenskampf ließ ihn nicht mehr los. Nach zweijähriger Vorbereitungszeit gründete Jan Eisfeldt im vergangenen Jahr im Nebenberuf das „Ausbildungszentrum für Überlebenstechniken“. Nebenbei ist er Berater des Reportage-Magazins National Geographic Deutschland.

Für das Training stehen 66 Hektar Land zur Verfügung. Viele der 18 Kurse tragen das Prädikat „freizeitorientiert“, das Jan Eisfeldt als ehemaliger Soldat und Zugführer des Technischen Hilfswerks ganz bewusst gewählt hat, um es für ein breites Publikum zu öffnen. Das Angebot ist trotzdem an behördliche Ausbildungen angelehnt. „Krisenvorsorge ist in Deutschland im Kommen. Da schwappt gerade eine Welle aus den USA rüber“, ist sich der erfahrene Ausbilder sicher. Die „Prepper-Bewegung“ findet hierzulande Zulauf. Immer mehr Menschen bereiten sich auf den Ernstfall vor. „Prepper sein, heißt vorbereitet sein“, erklärt Jan. Dazu gehört das Horten von Vorräten genauso wie Überlebenstechniken in der Wildnis. Wie viele der „Prepper“ hat Jan Verstecke mit Nahrung und Hilfsmittel für den Notfall. Auch ein 45 Kilogramm schwerer Rucksack steht für den Ernstfall bereit. „Damit kann ich problemlos mehrere Jahre ohne Zivilisation überleben“, sagt er, während wir uns auf die Suche nach Brennmaterial machen.

Der Ernstfall kann schon ein anhaltender Stromausfall sein. Aber auch Orkane und Hochwasser reichen dafür aus, dass Menschen schlagartig auf sich gestellt sind. Wer sich Plünderungen und Gewalt entziehen will, flieht in die Natur. „Und zwar nicht wie Rambo, sondern unauffällig und professionell“, erklärt Jan, der für viele der möglichen Bedrohungsszenarien ein Seminar im Angebot hat. Selbst die Zombie-Apokalypse kann man bei ihm in einem verlassenen Resthof trainieren. Ziemlich übertrieben, denke ich – aber nur auf  den ersten Blick. Der Neumünsteraner sieht Zombies als Metapher für ein Leben in einer Epidemie oder nach Verwüstungen. „Eine Zombie-Apokalypse ist eine Sonderlage, die dich in eine andere Welt versetzt.“ Das Gelernte lässt sich auf viele andere Krisensituationen übertragen.

Zurück zum Wald: Jan hat eine umgekippte Birke entdeckt. „Perfekt, die Birke ist unser Freund“, sagt er. Sie bietet nicht nur Brennholz und Material für einen Unterschlupf. Der Baum spendet Wasser und man kann Teile davon sogar essen. Vor allem in der Zeit zwischen März und Mai ist die Birke ein guter Wasserlieferant. „Du stichst mit einem Messer einfach ein Loch in den Stamm und steckst einen angespitzten Stock rein. Daran kann dann das Wasser in ein Behältnis fließen“, erklärt er. Dieser Baum liegt jedoch schon eine Weile auf dem Waldboden.

Meine Aufgabe besteht darin, ein Feuer zu machen. Mit einem Taschenmesser schneide ich rechteckige Felder aus der Rinde. Danach geht es daran, das trockene Holz der Innenseite von der feuchten Rinde zu schaben. Mühsame Feinarbeit. „Damit sind wir eine Weile beschäftigt, denn wir brauchen genügend Zunder für unser Feuer“, kündigt mein Ausbilder an und ich denke dabei nur an meine kalten Finger. Ermüdung wird in der Wildnis schnell zum Problem. Trotzdem sollte man keine Mühen scheuen. „Besorge dir von allem die fünffache Menge. Das Schlimmste ist, wenn du zu wenig Zunder gesammelt hast und am Ende wieder von vorne anfangen musst“, sagt Jan.

Und so bekomme ich heute auch häufig zu hören: „Überleben ist Arbeit und kein Picknick.“ Die Anstrengungen, die eine solche Lage fordert, würden am häufigsten unterschätzt. Jan wiederum scheint sich in der Natur pudelwohl zu fühlen. Er schwärmt vom Schlaf an der frischen Luft. „Der ist nach getaner Arbeit viel intensiver. Man schläft vielleicht nur vier Stunden, dafür aber deutlich erholsamer.“ Jan zeigt mir, wie ich für unser Lagerfeuer Holz spalte. Mein Messer setze ich am Ende des abgesägten Asts an. Mit einem weiteren Stock schlage ich auf die Klinge, die sich ihren Weg spielend leicht durch das Holz bahnt. Viele der Kniffe für das Überleben sind nahe liegend, waren mir aber nicht bewusst.

Uneingeschränkt bedienen können wir uns an der Natur allerdings nicht. „Naturschutz kommt an oberster Stelle“, sagt Jan. Während des Kurses bedienen wir uns nur an Totholz und Sturmschäden. „Lebende Bäume fassen wir nicht an.“ Auch bei der Nahrungssuche gibt es Einschränkungen. So wird der Bau von Fallen in den Survival-Seminaren nur theoretisch angesprochen, denn der Bau von Fallen ist in Deutschland verboten.

Trotzdem braucht der Körper Proteine, mahnt mein Ausbilder. Und ich weiß, worauf das hinausläuft. „In einer Überlebenssituation hat man meist keine Möglichkeit, einen Elch zu schießen oder ein Reh zu fangen.“ Schon ein Karnickel sei ein Glücksfang. Alles Größere ist als Beute unwahrscheinlich. „Was du aber immer findest, sind Insekten“, sagt Jan mit einem Grinsen im Gesicht. Mittlerweile haben wir aus Ästen einen Schrägdach-Unterschlupf gebaut und mit Laub bedeckt. Im Lagerfeuer köchelt das Wasser aus dem Graben. Der Kurs neigt sich in gemütlicher Stimmung dem Ende zu, als Jan zwei Plastik-Dosen aus seinem Gepäck holt. „Hiermit führe ich viele meiner Kurs-Teilnehmer an das Insekten-Essen heran.“ Dose 1 beinhaltet sechs Heuschrecken, Dose 2 einen Haufen Mehlwürmer. 

Einen davon nimmt Jan zwischen die Finger. „Denke an das Protein“, sagt er und isst den Wurm ohne mit der Wimper zu zucken. Doch ich schaue auf den Mehlwurm in meiner Hand, der sich hin und her windet, erinnere mich an mein Erlebnis mit der Assel und versuche lieber gar nicht zu denken. Mit viel Widerwillen stecke ich das Insekt in meinen Mund, kaue mit geschlossenen Augen und bin froh, dass sich Mehlwürmer nicht „fluffig“ anfühlen. Was bleibt ist ein nussiger Nachgeschmack. Und Mut für die nächste Aufgabe: Die Heuschrecke. Doch hier ist das Essen viel weniger ein Problem. Denn wer eine Schrecke essen will, muss sie zunächst töten und zerlegen. Mir bleibt nichts anderes übrig, will ich doch auf die nächste Krise vorbereitet sein.

> Jan Eisfeldt im Internet: www.survival-sh.de

zur Startseite

von
erstellt am 11.Apr.2015 | 15:22 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen