Ein Jahr nach Xaver : „Sturmfluten auch ohne Klimawandel gefährlich“

So schlägt das Meer zu:  Die Hörnum Odde wird  von Orkantief Xaver besonders stark getroffen.
So schlägt das Meer zu: Die Hörnum Odde wird von Orkantief Xaver besonders stark getroffen.

In der Nacht zum Nikolaustag 2013 kommt mit Orkan „Xaver“ eine Sturmflut. Es ist die höchste seit 1976. Die Wassermassen beschädigen Strände und Dünen an der Nordseeküste. War die Flut ein Zeichen für den Klimawandel?

shz.de von
04. Dezember 2014, 07:00 Uhr

Hamburg | Vor einem Jahr bescherte Orkantief „Xaver“ dem Norden eine der schwersten Sturmfluten der vergangenen Jahre. Am Pegel St. Pauli wurde sogar der zweithöchste Stand seit 1976 gemessen. War „Xaver“ also ein außergewöhnliches Wetterphänomen? „Das war ein wirklich schwerer Sturm, aber schwere Stürme gehören zu Hamburg dazu“, sagt der Direktor des Helmholtz-Zentrums Geesthacht, Hans von Storch. Allerdings habe die Höhe der Sturmfluten von 1962 bis ungefähr 1990 deutlich zugenommen. Das liege aber nicht an stärkeren Stürmen infolge der Klimaveränderung.

Ein anderer, von Menschen gemachter Faktor sei der Grund dafür: Wegen der Fahrrinnenvertiefungen und Baumaßnahmen zum Küstenschutz passieren die Wassermassen sehr viel leichter die Elbe. „Sturmfluten in Hamburg sind nicht die gleichen wie in Cuxhaven“, stellt von Storch fest. Die Scheitelpunkt der Tide komme etwa eine Stunde schneller nach St. Pauli und falle im Schnitt 70 Zentimeter höher aus, weil ehemalige Überschwemmungsgebiete am Fluss nicht mehr volllaufen könnten. „Für eine Welle lebt es sich schön in der Elbe“, bemerkt der Klimawissenschaftler. Der Effekt mache sich auch in der Weser- und der Emsmündung bemerkbar. Von Storch betont zugleich, dass die Tendenz zur Erhöhung der Sturmfluten seit den 1990er Jahren zum Stillstand gekommen sei. Auch die geplante neue Elbvertiefung werde keine weitere Erhöhung der Sturmfluten bewirken. „Das bringt nicht mehr wirklich was.“ Die großen baulichen Veränderungen seien bis 1980 geschehen. Feststellungen über die Höhe früherer Sturmfluten sind allerdings mit einer Schwierigkeit verbunden: Wenn Deiche versagen, dann steigt das Wasser nicht weiter, weil es überläuft, erklärt von Storch. „Deshalb sind die Fluten in der Vergangenheit gedeckelt.“ Wie hoch das Wasser 1962 bei höheren Deichen noch gestiegen wäre, lässt sich darum nicht sagen.

Die durch „Xaver“ ausgelöste Sturmflut richtete in Hamburg kaum Schäden an, die Deiche hielten. An der Nordseeküste sah das ein bisschen anders aus. Auf Sylt beschädigten „Xaver“ und das Sturmtief „Christian“ im Oktober 2013 rund 60 Prozent der Westküste. Die Helgoland vorgelagerte Düne wurde ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen.

Schwere Schäden an Stränden und Dünen verursachte „Xaver“ auch auf den ostfriesischen Inseln. Besonders betroffen waren Juist, Spiekeroog und Wangerooge. Nach Angaben des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz war es für den Nordwesten eine der schwersten Sturmfluten der vergangenen 100 Jahre, im Bereich der Emsmündung sogar die schwerste überhaupt.

Das Besondere dabei sei die Kette von vier aufeinanderfolgenden Tiden gewesen, sagte Landesbetriebssprecherin Herma Heyken. „Wir hatten praktisch zwei Tage lang Sturmflut, das Wasser ist gar nicht mehr abgelaufen.“ Die Schäden seien mit einem Aufwand von zwei Millionen Euro bis zum Beginn der neuen Sturmflutsaison behoben worden.

Für Untätigkeit beim Küstenschutz sieht von Storch keinen Grund. Das bisherige Schutzniveau könne allerdings in den nächsten 20 bis 30 Jahren gehalten werden, wenn die Deiche gepflegt würden. Bis dahin müsse aber überlegt werden, wie die Küstenländer mit höheren Fluten umgehen wollten, ob etwa die Deiche weiter erhöht oder Überflutungsflächen geschaffen werden. „Wir müssen also nicht sofort mit dem Spaten loslaufen. Aber wir müssen uns überlegen, mit welchem Spaten wir wann loslaufen, um was zu erreichen.“ Der Meeresspiegel werde bis zum Ende des Jahrhunderts weiter steigen. Sturmfluten könnte nach Berechnung des Helmholtz-Zentrums um das Jahr 2100 zwischen 30 und 110 Zentimeter höher auflaufen als heute.

Zum besseren Schutz tragen auch die genaueren Vorhersagen des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie sowie des Deutschen Wetterdienstes bei. „1962 war ja mit ein Problem, dass niemand damit wirklich rechnete, dass etwas geschehen würde“, sagt von Storch. In dem besonders betroffenen Stadtteil Wilhelmsburg hätten damals auch viele Flüchtlinge gelebt, die die Gefahren nicht einschätzen konnten. Außerdem hatte es seit über 100 Jahren, seit 1850, keine vergleichbar schwere Sturmflut gegeben. Heute sei jedem klar: „Es gibt Sturmfluten, und sie sind wirklich gefährlich, und zwar auch ohne Klimawandel.“

Letzteren könnten die Hamburger allein sowieso nicht aufhalten. „Wenn wir in Hamburg aufhören würden, (Kohlendioxid) zu emittieren, würden wir den Klimawandel um weniger als eine Woche anhalten.“ Gleichwohl könne jeder Einzelne seine Gefährdung mindern: Flussanrainer könnten ihr Haus etwas höher bauen und besser gegen eindringendes Wasser absichern. Besonders wertvolle Sachen sollten nicht im Keller lagern. Und vor allem sollten die Bürger den Katastrophenschutz ernst nehmen.

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