Nach „Felix“ und „Elon“ : Sturmbilanz: Millionenschäden in SH

Kleinholz: In der Vorbrügger Straße in Kellinghusen war ein morscher Baum umgestürzt.
1 von 3
Kleinholz: In der Vorbrügger Straße in Kellinghusen war ein morscher Baum umgestürzt.

Die Deiche halten, die Dachpfannen fliegen. Am Montagmorgen blockierte ein Baum die Bahnstrecke Flensburg - Neumünster.

shz.de von
12. Januar 2015, 07:21 Uhr

Hamburg | Orkanböen bis Windstärke 12, entwurzelte Bäume, abgedeckte Dächer: Die Sturmtiefs „Elon“ und „Felix“ haben im Norden am Wochenende Tausende von Schäden angerichtet, waren aber zusammen bei weitem nicht so teuer wie Vorgänger „Xaver“ vor 13 Monaten. Die Provinzial-Versicherung schätzte die Zahl der in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gemeldeten Schäden am Montag auf 10.000 bis 12.000.

Das wäre etwa die Hälfte des Ausmaßes von „Xaver“ mit rund 20.000 Schäden und einem Volumen von 20 Millionen Euro. Wie hoch der Gesamtschaden diesmal ist, konnte die Provinzial noch nicht konkret sagen. Diesmal ging es überwiegend um kleinere Schäden, etwa infolge umgestürzter Bäume, umgerissener Zäune und abgedeckter Dachpfannen, sagte ein Sprecher.

Die Schäden verteilten sich auf das gesamte Geschäftsgebiet in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Dabei waren das Binnenland und Gebiete in der Nähe zur Ostsee stärker betroffen als die Westküste. Den größten Schaden in der Unternehmensgeschichte der Provinzial hatte Ende Oktober 2013 das Orkantief „Christian“ angerichtet, Kostenpunkt: 100 Millionen Euro.

Schleswig-Holsteins Deiche haben die Serie von Sturmfluten am Wochenden laut Umweltministerium insgesamt gut überstanden. „Schleswig-Holstein ist sturmerprobt. Die Deichsicherheit war in keinem Ort und zu keinem Zeitpunkt gefährdet und ist auch jetzt im vollen Umfang gegeben. Die 2014 durchgeführten Küstenschutzmaßnahmen haben sich ohne Ausnahme bewährt“, sagte Umweltminister Robert Habeck. „Danke an die Küstenschützer für ihre Arbeit.“

Auf die Westküste war von Freitag bis Sonntag eine Serie von Sturmfluten gepeitscht. An einigen Orten folgten fünf Sturmfluten mit Wasserständern von mehr als 1,5 Metern über dem mittleren Tidehochwasser aufeinander. Südlich von Husum und an der Elbe wurde am frühen Sonntagmorgen eine schwere Sturmflut registriert, die maximale Wasserstände von 2,72 Meter über dem mittleren Hochwasser in Husum und 3,04 Meter über dem mittleren Hochwasser in St. Pauli brachte.

Die stärksten Schäden gab es auf Sylt - dennoch kam die Nordseeinsel glimpflich davon: „Es gab auf Sylt einige Abbrüche von Rand- und Vordünen, an der Hörnumer Odde war ein maximaler Verlust von 19 Metern Land zu verzeichnen“, sagte Johannes Oelerich, Direktor vom Landesbetrieb für Küstenschutz. Nach Angaben des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz vom Montag brachen an der Südspitze auf einer Länge von 500 Metern Teile von Randdünen ab.

Erst im Sommer war zum Schutz der Ortschaft Hörnum das Tetrapodenlängswerk nach Süden hin erweitert worden. „Die Tetrapoden sind als Wellenbrecher gelegt worden, das dahinter aufgespülte Sandpolster ist weitestgehend liegen geblieben. Die Erwartungen sind erfüllt, damit sind wir zufrieden“, so Oelerich während einer Begehung am Sonntagmittag.

Purer Beton, sechs Tonnen schwer und ein Reinfall für den Küstenschutz – die Tetrapoden. Mit neuem Untergrund erfüllen sie doch noch die Erwartungen als Wellenbrecher.
Zoellner
Purer Beton, sechs Tonnen schwer und ein Reinfall für den Küstenschutz – die Tetrapoden. Mit neuem Untergrund erfüllen sie doch noch die Erwartungen als Wellenbrecher.
 

Auf Amrum gab es bei Norddorf leichte Sandumlagerungen bei Ban Hörn. Das 2014 dort geschaffene Sanddepot habe sich bewärt. Auf Föhr gab es stärkere Sandverluste vor Utersum. An den neuen Deichen auf Nordstrand und in Büsum gab es geringe Schäden an den Deckwerken oder Auswaschungen dahinter - auf einer Größe von insgesamt rund 100 Quadratmetern. Sie werden laut Ministerium bereits behoben.

Vorsichtsmaßnahme: Auf Amrum wurden Sandsäcke gefüllt und bereitgelegt.
kta
Vorsichtsmaßnahme: Auf Amrum wurden Sandsäcke gefüllt und bereitgelegt.

Viel Arbeit gibt es nun in den Wäldern Schleswig-Holsteins: Das Aufräumen nach den Stürmen „Xaver“ und „Christian“ Ende 2013 war erst im Herbst letzten Jahres abgeschlossen worden, jetzt müssen erneut Sturmschäden weggeräumt und Wildschutzzäune bei den Neuanpflanzungen geradegerückt werden, wie die Sprecherin der Landwirtschaftskammer, Isa-Maria Kuhn, berichtete. „Es ist jedoch kein Vergleich zu Xaver und Christian.“

Am Montagmorgen gegen 9.30 Uhr blockierte ein großer Baum, der nach dem Sturm in der Nähe von Büdelsdorf ins Gleis zu fallen drohte, den Bahnverkehr zwischen Flensburg und Neumünster. Ein Mann alarmierte die Bundespolizei. Der Baum befand sich in gefährlicher Schräglage und hätte auf die elektrische Oberleitung fallen können. Vorsorglich wurde ein Langsamfahrbefehl für die Züge in dem Streckenabschnitt erteilt. Die Feuerwehr Rendsburg und der Notfallmanager der Deutschen Bahn erdeten die elektrische Oberleitung (15.000 Volt), nachdem der Strom abgeschaltet worden war. Die Feuerwehrleute zersägten den Baum. Für die Dauer der Sägearbeiten wurde die Bahnstrecke für etwa 45 Minuten gesperrt.

Der Baum drohte auf die Oberleitung zu fallen.
Bundespolizei
Der Baum drohte auf die Oberleitung zu fallen.

Die Forst-Experten warnen in den nächsten Tagen vor dem Betreten der Wälder. Die Stürme werden in den kommenden Tagen noch anhalten, losgerüttelte Bäume können plötzlich um- und lockere Äste zu Boden fallen.

Bis zum Morgen hat sich das Wetter wieder etwas beruhigt. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) rechnet jedoch mit neuen schweren Sturmböen im Laufe des Tages - mit Geschwindigkeiten bis zu Bft 9 an den Küsten - an der Nordsee in exponierten Lagen auch schwere Sturmböen Bft 10 aus Südwest. „Ab dem Nachmittag könnte es an der Nord- und Ostseeküste wieder schwere Sturmböen geben“, sagte ein Sprecher.

0 Beaufort - Windstille

Es ist kein Wind zu bemerken, die See ist spiegelglatt.

1 Beaufort - leiser Zug

1 Beaufort ist kaum zu bemerken. Rauch treibt leicht ab, Wasser kräuselt sich, Fahnen bleiben aber unbewegt

2 Beaufort - leichte Brise

Blätter rascheln, auf See zeigen sich kleine Wellen.

3 Beaufort - schwache Brise

Blätter und dünne Zweige bewegen sich, Wimpel werden gestreckt.

4 Beaufort - mäßige Brise

Zweige bewegen sich, loses Papier wird vom Boden gehoben.

5 Beaufort - frische Brise

Größere Zweige und Bäume bewegen sich,  der Wind deutlich hörbar.

6 Beaufort - starker Wind

Dicke Äste bewegen sich, hörbares Pfeifen an Drahtseilen.

7 Beaufort - steifer Wind

Bäume schwanken beim beim Gehen merkt man den Widerstand gegen den Wind.

8 Beaufort - stürmischer Wind

Schon bei Windstärke 8 kann es im Wald gefährlich werden: Zweige brechen von Bäumen, große Bäume durchgeschüttelt. Auf See kommt es zu hohen Wellenbergen.

9 Beaufort - Sturm

Äste brechen und es entstehen oft kleinere Schäden an Häusern: Ziegel und Rauchhauben werden von Dächern gehoben, Gartenmöbel werden umgeworfen und verweht. Windstärke 9 macht sich auf See mit hohen Wellen und Gischt bemerkbar.

10 Beaufort - schwerer Sturm

Schon ein schwerer Sturm von Stärke 10 kann hohe Schäden verursachen: Bäume werden entwurzelt, Baumstämme brechen. An Häusern können größere Schäden entstehen. Was nicht fest ist, kann vom Sturm erfasst werden: Häufig werden Gartenmöbel weggeweht. Auf See kommt es zu Brechern.

11 Beaufort - orkanartiger Sturm

Heftige Böen können  schwere Sturmschäden verursachen. In Wäldern können Bäume gefällt werden. In schlimmen Fällen werden Dächer abgedeckt und selbst dicke Mauern werden beschädigt. Vorsicht auch im Straßenverkehr: Autos werden aus der Spur geworfen -  Gehen wird nahezu unmöglich gemacht. Stärke 11 kommt fast nur an den Küsten und auf See vor, selten im Landesinneren. Sehr hohe Wellen erschweren die Seefahrt.

12 Beaufort - Orkan

An Land können durch Orkane schwerste Sturmschäden und Verwüstungen entstehen. Sie  sind  aber sehr selten im Landesinneren. Stärke 12 sorgt auf dem Meer für außergewöhnlich schwere See - die Sicht ist durch Gischt nahezu unmöglich.

In der Nacht zum Dienstag lässt der Wind auch über der Nordhälfte Deutschlands vorübergehend nach. Allerdings muss immer noch mit steifen bis stürmischen Böen aus Südwest gerechnet werden. Es fällt verbreitet Regen. Erst zum Wochenende hin könnten sich tiefe Temperaturen durchsetzen, die für die Rückseite eines Sturmtiefs typisch sind, teilt der DWD mit.

In Hamburg zählte die Feuerwehr seit Freitag insgesamt mehr als 1000 wetterbedingte Einsätze, sagte ein Sprecher. Am Montag seien bis zum Vormittag erneut rund zehn Wetter-Einsätze registriert worden. Für Schleswig-Holstein meldete die Polizei am Montagmorgen keine neuen Schäden oder Unfälle durch Unwetter.

Ein Baum fiel auf die Strecke, die U-Bahn fuhr darüber und entgleiste.
dpa
Ein Baum fiel auf die Strecke bei Fuhlsbüttel, die U-Bahn fuhr darüber und entgleiste.

Die Orkantiefs „Elon“ und „Felix“ sorgen in weiten Teilen Europas für milde Temperaturen mitten im Winter - weit nach Osten bis in den sibirischen Raum. Selbst in Polen, Weißrussland, der Ukraine sowie dem Baltikum war es am Wochenende flächendeckend frostfrei. Auch Moskau meldete leicht positive Temperaturen. Im Mittelmeerraum konnte bei Temperaturen um 20 Grad sogar schon der Frühling begrüßt werden.

Doch wo hat sich der Winter mit Frost und Schnee versteckt? In Europa gibt es laut DWD derzeit nur eine Region, in der sich eine frostige Winterlandschaft ausgebreitet hat. Auf der Rückseite von Orkantief „Felix“, das sich mit Kern über dem Nordwesten Russlands befindet, fließen kalte polare Luftmassen nach Nordskandinavien ein. „Etwa nördlich einer Linie Reykjavik-Oslo-Stockholm-St. Petersburg-Volgoda herrscht tatsächlich Dauerfrost.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen