Christian-Albrechts-Universität : Studenten enttäuscht von Kieler Uni: „Bei Wind wird evakuiert“

2500 Studenten zogen gestern protestierend vor das Landeshaus.
2500 Studenten zogen gestern protestierend vor das Landeshaus.

Den Studenten reicht es: Im Internet beschreiben sie die Zustände in unterfinanzierten Einrichtungen – shz.de dokumentiert ihre Klagen.

Margret Kiosz von
12. Dezember 2014, 06:57 Uhr

Charlotte B: „Die Seminare sind mit maximal 40 Teilnehmern ausgeschrieben; bei den ersten Terminen waren aber ausnahmslos 100 bis 150 Studierende anwesend. Raumänderungen waren nicht möglich, da nicht genügend Räume zur Verfügung stehen. Seit fünf Wochen studiere ich jetzt in Kiel und bin wahnsinnig enttäuscht.“

BWL-Student: „Es finden Vorlesungen in Hörsälen statt, in denen jeder Zwischenraum und jede Treppe neben und hinter den Stuhlreihen mit Studierenden gefüllt ist. Die Türen stehen teilweise offen, damit auch noch weitere Zuhörer, die auf dem Flur stehen, die Möglichkeit haben, doch zumindest jedes dritte Wort zu verstehen.“

Sabrina, Pädagogik: „Es werden regelmäßig Leute aus dem Hörsaal ‚hinausgebeten‘, da die Notausgänge sonst blockiert sind, obwohl noch eine zusätzliche Vorlesung aus dem Boden gestanzt wurde!”

Silke. R.: „Die Dozenten haben uns begleitende Bücher empfohlen. Ich kann mir die meisten dieser Bücher nicht leisten, also leihe ich sie aus. Problem: Viele Bücher sind vergriffen.“

Frank: „Ich musste Einweg-Labormaterial sauber machen und wieder benutzen. Ich hatte soviel Verschmutzung, dass ich Fremdkulturen anzüchtete, die man sogar mit bloßem Auge sehen konnte! Es gibt einen Grund, warum diese Materialen Einweg-Sachen sind.“

Philosophie-Student: „Mein persönliches Wuterlebnis ist ein Lektüreseminar zu Aristoteles. Im Vorlesungsverzeichnis stand ‚Erwartete Teilnehmerzahl: 40‘. Es kamen 180 Studierende! Nach dem Kauf des 20 Euro teuren Buches und dem Ertragen von fünf Sitzungen auf dem Fußboden sind viele nicht mehr gekommen. Mein Dozent hat sich gefreut. Jetzt habe das Seminar endlich eine schöne Größe zum Arbeiten.“

Christian B.: Unser Studiengang Wirtschaftsinformatik steht auf der Kippe. Es gibt nicht genug Professoren um die nötigen Veranstaltungen anzubieten. Teilweise werden Professoren aus anderen Fachgebieten herangezogen, die mehr Grundkenntnisse voraussetzen. So wird es schwer gemacht einen Abschluss zu erreichen.“

BWL-Student: „In dem Raum (1000 Plätze) waren alle Plätze belegt und in den Gängen und Türen standen immer noch Leute, die in die Vorlesung wollten. Deswegen brach der Dozent die Vorlesung aus sicherheitstechnischen Gründen ab.“

Thomas: „Jedes Semester meldet man sich in Soziologie über die Onlineplattform OLAT für die Seminare an. Im Windhundverfahren, das heißt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Demnach sitzen an diesem Tag Hunderte pünktlich um 9 Uhr vor ihrem Rechner, um sich für ihr Wunschseminar anzumelden. Das Problem, das jedes Semester wieder auftaucht ist, dass schon nach 10 Sekunden der Server so überlastet ist, dass er komplett abstürzt.“

Astrid, Geschichte: „Wenn man ein Blockseminar besuchen muss, welches aufs Wochenende gelegt wird, kann man doch sicher stellen, dass dann auch die Heizung an ist. Wir saßen letztes Jahr bei -6° C Außentemperatur in einem Raum mit gefühlten +5° C Innentemperatur. Nach sechs Stunden hat es selbst dem Dozenten gereicht und er schickte uns nach Hause.“

Chemie-Student: „Im Praktikum hatte ich ein kaputtes Kontaktthermometer: Es zeigte falsche Temperaturen an. Das wurde nach zwei Stunden durch ein funktionsfähiges ausgetauscht. Leider war die Kabelisolierung größtenteils weg und die Drähte lagen frei. Sicherheit kostet.“

S., Biochemie: „Im ersten Semester sollen zwei Einführungsveranstaltungen belegt werden. Einige Leute wurden aus einem Kurs, ich sogar aus zwei Kursen rausgelost. Ich kann dieses Semester keine einzige Einführungsveranstaltung besuchen.“

K.K.: „Die Mensa ist schon seit ein paar Jahren zu klein, um die Menschenmassen zu fassen, die sich dort stapeln.“

Kai: „Momentan fahre ich noch mit dem Rad zur Uni. Nur einmal bin ich mit dem Bus gefahren und war die letzte, die noch rein durfte. Bei Schnee und Eis auf den Straßen wird sich die Lage sicherlich nicht verbessern. Die Lösung wären extra Uni-Busse, doch dafür gibt es kein Geld.“

Studentin, Geowissenschaften: „Zur Zeit habe ich das Gefühl, als müsste ich um jedes Stück Bildung kämpfen, lospreschen und die Erste sein, um mir meinen Anteil am Wissen zu ergattern. Was für Menschen soll denn dieses erzwungene Ellenbogenverhalten hervorbringen?“

Birte: „Unter den derzeitigen Umständen ist ein Studium an der CAU Kiel extrem anstrengend und kompliziert.“

Christian E. „Hier habe ich 1978 studiert: Erstaunlich, dass die selben Dreh-Fenster noch drin sind. Nur der Lack ist ab.“

Informatiker: „Ich habe schon oft in den vergangen Semestern darüber nachgedacht, die Uni zu wechseln. Aber aufgrund der enorm divergierenden Studienordnungen ist das kaum möglich, da man sich die Scheine nicht anrechnen lassen kann.“

S. A.: „In mehreren meiner Seminare habe ich keinen Sitzplatz, zwei Seminare habe ich bereits verlassen, weil es einfach keinen Sinn macht, derart überfüllte Seminare zu besuchen. Von der Regelstudienzeit konnte ich mich aus diesem Grund bereits nach meinem ersten Semester verabschieden. Wenn ich ganz hinten auf dem Boden sitze, einfach, weil ich nicht die Zeit habe, eine halbe Stunde vor Vorlesungsbeginn schon einen Sitzplatz zu ergattern, sehe ich den Dozenten nicht, was es nochmals erschwert der Veranstaltung konzentriert zu folgen.“

Ursula, Biologie: „Bei der Vorlesung kann es sein, dass sie mal komplett ausfällt, weil das Gebäude ab einer bestimmten Windstärke evakuiert werden muss.“

Lukas, Latein und Griechisch:  „Seit über einem Jahr leuchtet auf diesem Flurabschnitt nur noch eine von sechs Lampen. Die Uni ist nicht einmal in der Lage, die Räume, die sie schon hat, halbwegs in Schuss zu halten.“

Weitere Berichte unter www.uniohnegeld.de

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