Energiearmut : Strom ist für immer mehr Bürger unbezahlbar

Wenn der Stromzähler still steht: Die Energieversorger im Land sperren säumige Zahler gnadenlos. Foto: dpa
Wenn der Stromzähler still steht: Die Energieversorger im Land sperren säumige Zahler gnadenlos. Foto: dpa

Es ist ein dramatischer Trend: Die Versorger im Land schalten säumigen Kunden die Energie ab - und das immer häufiger.

shz.de von
13. November 2012, 03:00 Uhr

Kiel | Tausende Schleswig-Holsteiner drücken vergeblich auf den Lichtschalter. Es wird nicht hell, weil ihr Energieversorger den Strom abgedreht hat. Wer seine Rechnung nicht bezahlt, bekommt weder Gas noch Strom. Sozialverbände sprechen bereits von Energiearmut - und die aktuelle Entwicklung scheint ihnen Recht zu geben: Die Stadtwerke Elmshorn beispielsweise drohen aktuell 900 Haushalten mit dem Abschalten von Strom und Gas. 1,4 Millionen Euro schulden sie dem Unternehmen. In Kiel sitzen derzeit 986 Haushalte im Dunkeln. "Im Schnitt sperren wir im Monat 170 Zähler", berichtet Stadtwerkesprecher Wolfgang Podolske. Die Kunden stehen mit zwölf Millionen Euro in der Kreide. In Eckernförde gibt es sogar Bürger, die schon seit zwei Jahren "stromlos" sind.
Energie wird zum Luxus: In den letzten beiden Jahren ist der Strompreis um 15 Prozent gestiegen, seit 2000 gar um 75 Prozent. Zappenduster wird es für viele Menschen, wenn ab Januar die Kosten für Kühlschrank, TV & Co wegen der Erhöhung der EEG-Umlage weiter steigen - zweistellig! "Die Situation wird sich dadurch weiter verschärfen. Die Zahl der säumigen Kunden könnte dann dramatisch steigen", so die Prognose in Kiel. Davon gehen auch die Stadtwerke in Eckernförde, Husum und Itzehoe aus. Helge Spehr von den Stadtwerken Rendsburg mit derzeit 50 Zählersperrungen pro Monat drückt es so aus: "Wir gehen durch die gesetzlich vorgegebenen Zusatzkosten der Energiewende von einer zusätzlichen Arbeitsbelastung durch zunehmend unbezahlte Rechnungen aus."
Verband fordert Eingriff der Politik
Bereits im letzten Jahr wurde 600.000 Haushalten in Deutschland der Strom abgestellt. "Die Bundesregierung muss dieser Entwicklung Einhalt gebieten", fordert der Sozilalverband der Paritätische. Denn ein Leben ohne Strom oder Gas ist hart: Keine warme Dusche, kein warmer Heizkörper, kein Licht in der Wohnung.
Der Elmshorner Stadtrat Volker Hatje spricht von einer "prekären Situation" und von "sozialem Sprengstoff" für die Stadt. "Früher war Energiearmut ein Randphänomen, mittlerweile ist es ein Alltagsproblem."
Größter Preistreiber beim Strompreis ist nach Ansicht des Eigentümerverbandes Haus und Grund der Staat. "Der Steuer- und Abgabenanteil am Strompreis hat sich seit 1998 um 20 Prozentpunkte auf heute 45 Prozent erhöht", beklagt Verbandschef Michael Mönig. Kein Wunder, dass Stadtwerkesprecher Podolske gelegentlich den Eindruck hat, "wir sind eine Außenstelle des Finanzamtes Kiel".

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