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Autobahnausfahrten : Streit um Warnschilder gegen Geisterfahrer

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Sie sind ein Problem: Geisterfahrer. In Bayern werden Warntafeln an Autobahnabfahrten getestet. Über den Sinn gehen die Meinungen auseinander.

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2013 | 04:45 Uhr

Kiel | "Achtung, Autofahrer! Auf der Autobahn X kommt Ihnen in Höhe der Ausfahrt Y in Fahrtrichtung Z ein Falschfahrer entgegen. Bitte fahren Sie extrem vorsichtig!" Jeder kennt diese Verkehrsdurchsage aus dem Radio in leichten Variationen. Und jeder kennt die furchtbaren Bilder von durch Geisterfahrer verursachten schweren Unfällen mit Toten und Verletzten.
Wie eine ADAC-Auswertung von Falschfahrermeldungen im Verkehrsfunk zeigt, kam es in Schleswig-Holstein allein im Jahr 2011 zu 17 Vorfällen pro 100 Kilometern Autobahn (Hamburg: 40). Das macht bei insgesamt derzeit 535 Kilometern Strecke im Land 91 Warnungen. In Hamburg musste trotz lediglich rund 80 Kilometern Autobahn sogar 32 Mal gewarnt werden. "Wir fordern das flächendeckende Anbringen von zusätzlichen Warnschildern an den Autobahnausfahrten in Schleswig-Holstein", sagt Sprecher Ulf Evert vom ADAC Schleswig-Holstein. Es gebe zwar einen kleinen Anteil an Geisterfahrern mit suizidalen Absichten, die sich durch aufgestellte Warntafeln sicher nicht beeinflussen ließen. Aber viele Menschen handelten schlicht aus einem Moment der Unaufmerksamkeit heraus.

"Summe X von Vorfällen", die nie aufgeklärt werden


Lothar Gahrmann, Sprecher des Landespolizeiamts in Kiel, relativiert hingegen die Zahlen des ADAC: "Wenn die Leitstelle einen Hinweis auf einen Falschfahrer bekommt, sendet das Radio sofort eine Warnmeldung", so Gahrmann. "Aber in den allermeisten Fällen fährt die Polizei los, und es wird nichts festgestellt. Das verhält sich ähnlich, wie mit den immer wieder gemeldeten Kindern auf der Fahrbahn." Die Zahl der polizeilich aufgenommenen Fälle von Falschfahrern bewege sich jährlich "im einstelligen Bereich". Ansonsten habe man eine "Summe X von Vorfällen", die nie aufgeklärt würden. Gahrmann vermutet, dass die meisten Falschfahrer ihren Irrtum schnell bemerken und ihn weit vor Eintreffen der Polizei korrigieren. Den Nutzen von zusätzlich aufgestellten Schildern bezweifelt er - in Proportion gesetzt zum entstehenden Aufwand und den zu erwartenden Kosten.
In Bayern sind seit Dezember 2010 im Rahmen eines von der Bundesanstalt für Straßenwesen begleiteten Pilotversuchs an mehreren bekannten Schwerpunkten Warntafeln gegen Falschfahrer aufgestellt worden. "Jede Geisterfahrt, die wir durch neongelbe Warntafeln unterbinden, rechtfertigt diese Maßnahme", sagte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer kürzlich auf der Verkehrsministerkonferenz in Flensburg. Die Straßenbauverwaltungen der Länder sollen darüber hinaus kurzfristig sogenannte Sonderverkehrsschauen vornehmen. Dabei sollen Experten überprüfen, ob mit Hilfe von anderen Beschilderungen oder geänderten Fahrbahnmarkierungen das Risiko eines Falscheinbiegens minimiert werden kann. Die Ergebnisse sollen - ebenso wie die des Pilotversuchs - im Herbst vorliegen. Bund und Länder wollen im Anschluss prüfen, in welchem Umfang die Warntafeln bundesweit eingeführt werden.

"Da käme schnell eine Million Euro zusammen"


"Wir sind jetzt schon davon überzeugt, dass der Einsatz etwas bringt", sagt Michael Siefener, Sprecher des zuständigen bayerischen Innenministeriums. Dies sei bereits vor Abschluss der Studie aus den vorliegenden Daten seiner Fachleute deutlich ersichtlich. "Die Warnschilder haben zu Verbesserungen geführt und Geisterfahrten verhindert, deshalb wollen wir nun die Aufstellung an allen Abfahrten und Knotenpunkten prüfen."
Zurückhaltender äußert sich Torsten Conradt, Leiter des Landesbetriebs für Straßenbau und Verkehr in Kiel. Nicht nur gebe es in Schleswig-Holstein im Vergleich zu den meisten anderen Bundesländern unterdurchschnittlich wenig Autobahnkilometer. Auch sei man als Flächenland mit 77 Autobahnausfahrten nicht üppig bestückt. "Im Vergleich zu Hamburg etwa ist das eine ganz andere Welt." Lediglich an einer Anschlussstelle von der A20 und der B207 in Groß Sarau sei ein Gefahrenschwerpunkt festgestellt worden. "Auswertungen vor Ort haben ergeben, dass es allein im Jahr 2011 sechs Falschfahrer gegeben hat", so Conradt. Daraufhin habe man dort in die Fahrbahn eine zwei mal sechs Meter große spezielle Warnmarkierung eingebracht, die nur aus dem Blickwinkel eines Falschfahrers zu sehen ist. Ansonsten sehe er an allen anderen Anschlussstellen generell keine drängenden Probleme, auf die zu reagieren sei. "Wir werden natürlich wie vom Bund vorgegeben alle Ausfahrten prüfen, gehen aber davon aus, dass alles in Ordnung ist."
Dem Aufstellen von zusätzlichen Warntafeln steht Conradt skeptisch gegenüber. "Bei einer Beschilderung aller Autobahnausfahrten käme schnell eine Million Euro zusammen", schätzt er. Es stelle sich die Frage, ob man an allen Ausfahrten Schilder aufstellen wolle - oder nur punktuell an Schwerpunkten. Und dann könne man sich weiter fragen, ob es nicht andere Unfallproblematiken gibt, in denen man für das Geld effektiver handeln könnte. Aus Conradts Sicht sind Baustellen ein wichtiger Problembereich. "Bessere Absicherungen und breitere Ausweich-Fahrbahnen könnten viele Unfälle verhindern. Es müsste ganz grundsätzlich diskutiert werden, mit welchen Maßnahmen man die besten Verbesserungen erreicht."
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