NS-Opfer : Streit um den "Stolperstein"

Der  Stein des Anstoßes  in Bovenau.
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Der Stein des Anstoßes in Bovenau.

Wurde sie von Nazis ermordet oder nicht? In Bovenau (Kreis Rendsburg-Eckernförde) hat sich ein Streit um einen "Stolperstein" entfacht.

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15. September 2008, 04:32 Uhr

Bovenau/Kropp | Der "Stolperstein" soll an Ilse Emma Burgdorf erinnern. Sie starb 1941 in Kropp. Erst vor drei Monaten war er auf Wunsch ihrer Nichte Ilse Burgdorf aus Ahrensburg (Kreis Pinneberg) ins Pflaster eingelassen worden. Doch bislang konnte eines nicht zweifelsfrei belegt werden: Dass Ilse Emma Burgdorf 1941 in der Diakonieanstalt Kropp misshandelt und getötet wurde. Das Diakoniewerk Kropp geht von einem natürlichen Tod aus - und fordert gegebenenfalls eine Richtigstellung.
Großvater entdeckte Spuren von Misshandlungen

Ilse Emma Burgdorf war im frühen Kindesalter an einer Meningitis erkrankt, hatte Behinderungen zurückbehalten. Im Alter von 15 Jahren kam sie in die Diakonieanstalt Kropp (Kreis Schleswig-Flensburg), wurde dort gepflegt. "Dort ist sie am 26. Juli 1941 ermordet worden, weil sie behindert war", sagt deren Nichte Ilse Burgdorf. Ihr Großvater, der selbst Arzt gewesen sei, sei nach der Todesnachricht zweimal in Kropp abgewiesen worden, habe den versiegelten Sarg unerlaubterweise geöffnet und schwerste Misshandlungen festgestellt. "Die hatten etwas zu verbergen", sagt Ilse Burgdorf.

Deshalb blitzt in der Kieler Straße 2 in Bovenau, wo Ilse Emma Burgdorf zuletzt lebte, eine Gedenktafel aus dem Pflaster hervor - es ist einer von mehr als 11.000 "Stolpersteinen" in Deutschland, die an die Opfer des Nazi-Regimes erinnern. Jeder Stein ist eine Arbeit des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Er erstellt seit 1992 "Steine" aus Messing, die vor dem letzten Wohnort von Opfern der NS-Diktatur ins Pflaster eingelassen werden. Ilse Burgdorf beauftragte ihn, bezahlte 95 Euro für die Patenschaft.
Offiziell hieß es "Tod nach Impfung"

Vor dem ehemaligen Doktorat in Bovenau liegt seit Anfang Juni die Platte mit folgender Inschrift: "Hier wohnte Ilse Burgdorf, Jg. 1998. Ermordet 26.7.1941, Diakonieanstalt Kropp, Offizielle Todesursache: Tod nach Impfung."

Für Jörn Engler, Theologischer Vorstand der Stiftung Diakoniewerk Kropp, ist dies nicht belegt. Man habe die Unterlagen gewälzt und keine Anhaltspunkte für eine Ermordung gefunden. "Woran sie gestorben ist, geht aus den Einträgen nicht hervor", sagt Engler. "Aber die Vorstellung, dass sie von einem frommen Arzt ermordet werden würde, passt nicht zu dem, was wir über die NS-Zeit in Kropp wissen." Seiner Ansicht nach müsse es sich um ein Missverständnis handeln.
Erinnerung und Mahnung

Ilse Burgdorf ist ratlos. "Ich weiß nicht, warum Zweifel bestehen. Dass sie ermordet wurde, ist sicher. So einen Stein setzt man doch nicht aus Jux und Dollerei." Die Gedenktafel habe der Diakonie geschadet. Das sei nicht ihr Ziel gewesen. "Mir geht es um Erinnerung und Mahnung."

Vielleicht wird sich morgen klären, welche Version der Vergangenheit stimmt. Dann treffen sich Jörn Engler und Ilse Burgdorf zum ersten Mal persönlich zu einem Gespräch. Eins stellt die Nichte von Ilse Emma Burgdorf dennoch vorab klar: "Ich werde den Stein nicht entfernen lassen. Das wäre ja so, als ob sie ein zweites Mal ermordet würde."

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