Grube offen für Alternative : Streit um Bahntrasse in Ostholstein

Anwohner protestieren gegen die Bahntrasse  - sie befürchten, der Lärm von 80 Güterzügen pro Tag könnte Urlauber abschrecken. Foto: dpa
Anwohner protestieren gegen die Bahntrasse - sie befürchten, der Lärm von 80 Güterzügen pro Tag könnte Urlauber abschrecken. Foto: dpa

Mit dem Fehmarnbelt-Tunnel werden mehr Züge rollen. Vermiest der wachsende Bahnverkehr den Urlaubsspaß an der Lübecker Bucht?

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15. Juni 2013, 11:47 Uhr

Timmendorfer Strand | Der Ort des Geschehens hat Symbolwert: Von Burg auf Fehmarn ist Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD) mit Bahnchef Rüdiger Grube im Sonderzug nach Bad Schwartau gefahren. Sierksdorf, Haffkrug und Scharbeutz liegen an der Strecke - beliebte Ferienorte an der Lübecker Bucht. Wie sehr werden sie betroffen sein, wenn die Bahnstrecke zwischen Fehmarn und Lübeck im Zuge des Großprojekts Fehmarnbelt-Tunnel ausgebaut wird? Das ist das heißeste Thema für Meyers und Grubes 80-minütige Bahnfahrt durch Ostholstein.
Nachdem sich Grube am Mittwochnachmittag in Timmendorfer Strand wütenden Demonstranten gestellt hatte, sendete er ein Entspannungssignal: Die Bahn sei nun offen für eine Alternative zu ihren bisherigen Plänen.

"Chancen größer als die Risiken"

Damit kann das Land jetzt auch den Bau einer neuen Trasse entlang der A1 weiter landeinwärts mit zwei Gleisen für den Güter- und Fernverkehr prüfen. In das laufende Raumordnungsverfahren hatte die Bahn nur den Ausbau der bestehenden Trasse zwischen Puttgarden und Bad Schwartau eingebracht, die durch Ferienorte an der Lübecker Bucht führt. Diese Variante stößt vor Ort auf Widerstand, weil dann nach Fertigstellung des Fehmarnbelt-Tunnels täglich dutzende Güterzüge durch die Badeorte oder in unmittelbarer Nähe rollen würden. Rund 100 Demonstranten machten in Timmendorfer Strand ihrem Unmut Luft.
"Wir wollen die bestmögliche Lösung, die wir der Bevölkerung anbieten können", sagte Grube. "Wir sind jetzt in einer Phase, in der wir die Bedenken und Wünsche der Bevölkerung noch gut berücksichtigen können." Grube sprach es nicht direkt aus, aber die Konflikte um Stuttgart 21 und andere Großprojekte spielten im Hintergrund auch eine Rolle. Auch Verkehrsminister Meyer und Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) stellten sich den Demonstranten. Albig wertete die Einbeziehung einer Alternativtrasse in die Planungen als großen Schritt nach vorne. "Ich bin ganz sicher, dass die Chancen des Projektes größer sind als die Risiken", sagte er zum Milliardenvorhaben Fehmarnbelt-Tunnel, der 2021 fertig sein soll.

"Wir müssen raus aus den Ostseebädern"

Die Reaktionen auf das laufende Raumordnungsverfahren offenbaren, wie sehr die Schienenanbindung an den Fehmarnbelt-Tunnel die Region bewegt: Rund 8300 Stellungnahmen sind dazu eingegangen. Alle würden gründlich geprüft, versicherte Albig. "Wir sind am Anfang eines Prozesses."
Bürgermeister betroffener Orte schilderten Grube im Führerstand des Sonderzuges während der 80-minütigen Fahrt zwischen Burg auf Fehmarn und Bad Schwartau ihre Sorgen in persönlichen Gesprächen. Die Fahrt hatte Albig auf den Weg gebracht. Er fuhr dann zwar selbst nicht mit, weil er Merkel im hochwassergeplagten Lauenburg begleitete, aber sein Ziel hatte er wohl erreicht. "Wir müssen raus aus den Ostseebädern", sagte der stellvertretende Bürgermeister von Sierksdorf Volker Weidemann.

80 Güterzüge täglich befürchtet

Nun ist also die Alternative "2+1" mit zwei neuen Gleisen für Güter- und Fernzüge entlang der A1 und einer Nahverkehrsverbindung entlang der Badeorte im Spiel. Käme sie nicht und die bestehende Trasse würde ausgebaut für kalkulierte fast 80 Güterzüge täglich ab 2025, wäre das aus Sicht der Bürgermeister eine Horrorvision.
"Für uns wäre das schlicht eine Katastrophe", sagt Volker Owerien aus Scharbeutz. Würde von 200 Millionen Euro jährlichem Tourismus-Umsatz und vier Millionen Übernachtungen zwischen Neustadt und Timmendorfer Strand auch nur ein Zehntel wegfallen wegen der Belästigungen durch den Zugverkehr, würde das alle Bemühungen um die Gäste mit Millioneninvestitionen konterkarieren. "Wer will schon Urlaub in einem Ort machen, durch den ständig Güterzüge fahren?", fragt Owerien. Zwischen 6 und 22 Uhr drohten vier Stunden Schließzeiten an Bahnübergängen. Aber dazu muss es ja nun nicht kommen.
Wie viel die Variante "2+1" oder ein Ausbau der bestehenden Strecke kosten würde, konnte ein Bahnsprecher am Mittwoch nicht beziffern. Kosten seien ganz zum Schluss das Thema, sagte Bahnchef Grube. Er wolle sich in der Abwägung nicht in erster Linie von den Kosten und einem Zeitplan treiben lassen. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hatte bereits ein mögliches Ja zu "2+1" signalisiert, auch wenn das für den Bund teurer würde.
Ostholsteins Landrat Reinhard Sager (CDU) zeigte sich nach Grubes Signalen erleichtert. Jetzt müsse dafür gesorgt werden, dass die Lärmbelästigung mit dem zunehmenden Zugverkehr so gering wie möglich gehalten wird. "Lärm macht krank", hieß es auf Plakaten der Demonstranten. "Hier tragen wir den Tourismus zu Grube" stand auf einem Transparent in Anspielung auf den Bahnchef. Dieser musste sich Pfiffe und wütende Rufe anhören, stand das aber in aller Ruhe durch.

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